Atom RSS

Vorlufer / 21.02.10

Erste Hlfte des 19. Jahrhunderts: Die Frhindustrialisierung und das Bevlkerungswachstum lsen in den Staaten des Deutschen Bundes Massenverelendung und tiefe Strukturvernderungen der Wirtschaft aus. Noch widerstehen die Regierungen dem Verlangen des Volkes nach nationaler Einheit und Demokratie. Oppositionelle Bestrebungen werden scharf unterdrckt. Kurz vor und in der brgerlich-demokratischen Revolution von 1848 bis 1849 formieren sich erstmals zwei Strmungen der organisierten Arbeiterbewegung: der recht kleine Bund der Kommunisten unter Fhrung von Karl Marx und Friedrich Engels vornehmlich im Westen Preuens sowie die Arbeiterverbrderung mit annhernd 15.000 Mitgliedern unter der Leitung von Stephan Born vornehmlich in Berlin, Sachsen und in Teilen Nord- und Sddeutschlands. Erste Gewerkschaften entstehen. Die Revolution scheitert, und die Anfnge der organisierten Arbeiterbewegung werden unterdrckt.

Erinnerungspostkarte 50 Jahre Sozialdemokratie

Jubilumspostkarte zum 50. Grndungsjahr der deutschen Sozialdemokratie. Ferdinand Lassalle, Wilhelm Liebknecht und August Bebel, 1913 Archiv der sozialen Demokratie

Whrend zwischen Revolution und Reichsgrndung die Industrialisierung ungemein an Fahrt gewinnt, liberalisiert sich das politische Klima nach einem Thronwechsel in Preuen. Ferdinand Lassalle grndet 1863 in Leipzig den “Allgemeinen deutschen Arbeiterverein”, der sich auf dem Gothaer Kongress 1875 mit der 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegrndeten “Sozialdemokratischen Arbeiterpartei” zur “Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands” vereinigt.

Zum Teil eigenstndig, zum Teil durch die Anste dieser Parteibildung, formiert sich die deutsche Gewerkschaftsbewegung in Berufsverbnden vornehmlich in der zweiten Hlfte der 1860er Jahre.

Traditionsfahne der SPD, gefertigt 1873

Vorderseite der Traditionsfahne der SPD. Gefertigt 1873 fr den ADAV. Archiv der sozialen Demokratie

Die Grndung des Deutschen Reichs nach dem Krieg gegen Frankreich 1871, unter Fhrung Bismarcks und Preuens, fhrt zu einem starken Wirtschaftsboom, in dem die Gewerkschaftsbewegung belebt wird. Diese und die Arbeiterparteien erleiden fortan zum Teil koordinierte Unterdrckungsmanahmen durch die konservative Reichsleitung, die Regierungen der Bundesstaaten und weite Kreise der Unternehmerschaft.

Karikatur: Der Kampf des Riesen (Bismarck) gegen den Zwerg

AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung

Mit der 1875 gegrndeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) verfgte die Sozialdemokratie in Deutschland ber eine einheitliche Partei. Darin sah Reichskanzler Otto von Bismarck eine der grten Gefahren fr die monarchistische Ordnung. Er nutzte die im deutschen Brgertum und beim Adel vorherrschende Ablehnung der Demokratie und die wachsende Furcht vor revolutionren Bestrebungen der stetig wachsenden Arbeiterbewegung.

November 1877: socialdemokratische Umtriebe sind in Preuen verboten. Die Maurer August Schtt und Adolf Christen grnden mit 16 weiteren Mitgliedern in Mnster die Niederlassung des Allgemeinen Deutschen Maurer- und Steinhauer-Bundes; sie werden von der Polizei drangsalierend berwacht und lsen noch im gleichen Monat ihre gewerkschaftliche Organisation wieder auf.

26.8.1878: 15 oder 16 Personen grnden in Mnster den Leseverein Unitas mit dem Ziel das Halten von Zeitungen zur Unterhaltung der Mitglieder und frhliches Zusammensein an Montag-Abenden. Ein Polizist gibt die Namen an die Stadtverwaltung weiter, diese informiert die Arbeitgeber: alle verlieren ihre Arbeit, der Verein lst sich am 19.9.1878 wieder auf.

1878 wurden zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verbt, die Bismarck der SAP anlastete, obwohl die Sozialdemokratie die Anschlge entschieden ablehnte und es keine Beweise fr eine Urheberschaft gab. Dennoch gelang es Bismarck in Folge der Attentate, die Revolutionsngste so weit zu schren, dass der Reichstag am 19. Oktober 1878 mit der Stimmenmehrheit der Konservativen und Nationalliberalen das Gesetz “wider die gemeingefhrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie” verabschiedete.

Dieses so genannte Sozialistengesetz erlaubte Verbote sozialistischer Parteien, Organisationen und Druckschriften sowie politischer Versammlungen. Bismarcks Absicht war es, den zunehmenden Einfluss der Arbeiterbewegung in Politik und Gesellschaft mit polizeistaatlichen Mitteln auszuschalten und die sozialdemokratischen Strukturen zu zerschlagen. Auf Grundlage des “Sozialistengesetzes” wurden innerhalb von zwlf Jahren etwa 1.300 Druckschriften und ber 330 Arbeiterorganisationen, darunter auch die SAP und Gewerkschaftsverbnde, verboten. Tausende wurden verhaftet oder zur Emigration gezwungen. Mit ganz wenigen Ausnahmen – die Reichstagsfraktion bestand weiter – wurden alle sozialistischen und freigewerkschaftlichen Bestrebungen verboten. Sozialdemokraten wurden zu “vaterlandslosen Gesellen” erklrt, das vertiefte die Spaltung der Gesellschaft im Kaiserreich.

1885: Der Maurer August Schtt grndet in Mnster eine Freie Hilfskasse der Maurer, die als Ersatzorganisation fr die verbotenen Gewerkschaften wie eine Krankenkasse in Arbeiter-Selbstverwaltung wirkte.

Durch die Industrialisierung nimmt der Anteil der Arbeiterschaft an der Erwerbsbevlkerung im Deutschen Reich rasch zu. Trotz des Sozialistengesetzes bleibt die Sozialdemokratie eine politische Bewegung, die Untersttzung bei der arbeitenden Bevlkerung findet. Als das Sozialistengesetz nicht wieder verlngert wird, erreicht die SPD – so heit sie seit 1890 – bei den Reichstagswahlen 1890 mit 1,4 Millionen Whlern (19,7 Prozent der Stimmen) den hchsten Whleranteil. Sie gewinnt fortan durchgngig an Whlerstimmen hinzu, steht 1912 bei 34,8 Prozent und bildet nun auch die strkste Fraktion im Reichstag. Die Gewerkschaften, deren Entwicklung in der Zeit des Kaiserreichs eng mit der SPD verbunden ist, formieren sich 1890 neu und erzielen ab 1895 ungeheure Mitgliederzuwchse.

1891: Mit der Belle Alliance gelingt den frhen Sozialdemokraten in Mnster der Versuch, einen langfristig wirkenden Verein zu grnden, der die geistlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Interessen frdern sollte.

1896: Aus der Belle Alliance geht der Arbeiterbildungsverein hervor; Vorsitzender: Emmerich Dren.

Juni 1898: Der socialdemokratische Verein wird in Mnster gegrndet.

SPD-Mitgliedsbuch von 1906 (Bernhard Wulff)

Mitgliedsbuch der SPD Mnster von 1906: Eingetreten in Mnster 18.1.1906 (Bernhard Wulff)

(Zum Nachlesen: 125 Jahre SPD in Mnster, Zsuren der Leseverein Unitas.)

Der sptere Reichstags- und Bundestagsabgeordnete Friedrich Wilhelm Henler kommt 1908 nach Mnster und bernimmt wenig spter den Vorsitz der SPD-Ortsgruppe Mnster-Coesfeld; er gilt bis 1910 als fhrender ehrenamtlicher Funktionr im SPD-Wahlkreis Mnster-Coesfeld, wenngleich das damalige sozialpolitische Milieu des katholischen Mnsters alles andere als die sozialdemokratische Parteiarbeit erleichterte. 1911 folgte er dem Ruf der Arbeiter-Zeitung und zog nach Dortmund, seiner eigentlichen und zuknftigen politischen Wirkungssttte.

Die Obrigkeit registrierte misstrauisch jegliche sozialdemokratische Aktivitt. In der preuischen Provinz Westfalen, deren Oberprsident in Mnster residierte, standen Organisation und sozialdemokratischer Umtriebe verdchtige Einzelpersonen unter stndiger polizeilicher berwachung. Die Regierungsprsidenten wurden angewiesen, jhrlich Berichte fr den Oberprsidenten zu verfassen, in dem Stand und Entwicklung der Sozialdemokratie peinlich genau niedergelegt wurden. Besonderes Augenmerk fiel dabei auf die wenigen mutigen Frauen, die sich politisch bettigten. Bis 1918 stand Frauen kein Wahlrecht zu, auch durften sie keine politischen Veranstaltungen besuchen. Auf Verlangen der Polizei mussten weibliche Mitglieder und Anhnger der SPD ffentliche Versammlungen verlassen. Dies geschah auch in Mnster, deren sozialdemokratischer Organisation um 1909 etwa 25 Frauen angehrten.

Innenpolitisch gehrten die Sozialistengesetze lngst der Vergangenheit an – sie waren 1890 nicht mehr verlngert worden. Ihr Geist blieb freilich nach wie vor wirksam. Sozialdemokratische Veranstaltungen waren “polizeiwidrig”, politische Versammlungen mussten bei der Polizei angezeigt werden. Unter diesen Umstnden hatten nur wenige Wirte den Mut, ihren Saal fr sozialdemokratische Zusammenknfte zur Verfgung zu stellen. Im brigen musste jeder, der sich offen zur Sozialdemokratie bekannte, damit rechnen, von seinem Arbeitgeber entlassen zu werden.

In dieser Zeit regierte im Deutschen Kaiserreich Wilhelm II – ein vom Gottesgnadentum berzeugter Herrscher, der militrisch-autoritre Formen fr das bestimmende Element des gesamten ffentlichen und privaten Lebens hielt und kaum etwas mehr frchtete als die sich strmisch entwickelnde Arbeiterbewegung und deren politische Formation – die Sozialdemokratie. Unter seiner Herrschaft ist Deutschland zum zweitgrten Industrieland in der Welt geworden. Nach einem letzten Wirtschaftsaufschwung von 1890 bis 1900 gelang es unter Aufbietung aller Krfte und unter Zurckdrngung Englands, den erreichten Anteil an Weltproduktion und Welthandel zu erhalten. Gleichzeitig stiegen die Heeresausgaben zwischen 1890 und 1912 um etwa 60 %, die Marineausgaben um 500 % (!), Deutschland wurde militarisiert.

Kennzeichnend fr jene Zeit war das immer noch bestehende preuische Drei-Klassen-Wahlrecht (bis 1918). Mangels Grundbesitzes oder sonstigen Vermgens waren Sozialdemokraten zu den Landtags- und Kommunalwahlen meist nicht wahlberechtigt. Die Parteiaktivitten erstreckten sich deshalb mehr auf die allgemeine Strkung der Organisation und zielten besonders auf die Wahlen zum Reichstag ab. Die Kommunalpolitik trat demgegenber in den Hintergrund.

Diese Bedingungen fhrten dazu, dass die Versammlung der Parteimitglieder in den Reichstagswahlkreisen die unterste Ebene der Parteiorganisation bildete. Zunchst nahm die Ortsgruppe Mnster diese Funktion fr den Wahlkreis Mnster-Coesfeld allein wahr, zu dem auch Hiltrup gehrte. Erst im August 1908 wurde ein sozialdemokratischer Verein fr diesen Reichstagswahlkreis gegrndet. Damit wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass inzwischen neben der mnsterschen Organisation weitere Ortsgruppen gebildet worden waren, so in Coesfeld, Dlmen und Haltern. Im Laufe des Jahres 1909 kam es dann auch zur Grndung der SPD-Ortsgruppe Hiltrup. Dieses ist der eigentliche Beginn ortsbezogener sozialdemokratischer Arbeit in Hiltrup.

Zurck zur bersicht 100 Jahre

Weiter

Industrialisierung und Aufschwung in Hiltrup 100 Jahre