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Weimarer Republik / 21.02.10

SPD-Wahlplakat von 1920

SPD-Wahlplakat von 1920

Die Bedingungen, unter denen Sozialdemokraten in Mnster und Hiltrup arbeiten mussten, waren weiterhin schwierig. Das lag daran, dass der Katholizismus selbst die Arbeiter, als deren Sachverwalter sich die SPD verstand, fest an die Zentrumspartei und ihr nahestehende Organisationen band. Die Kirche untersttzte dieses auf vielfache Weise. Noch 1921 erklrte sie im Amtsblatt der Dizese die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien fr unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Das mnstersche Zentrum war innerhalb der reichsweiten Zentrumspartei auf dem uersten rechten Flgel angesiedelt. Whrend im Reich das Zentrum auch in der Koalition mit der SPD die Weimarer Republik zumindest lange Jahre sttzte, steuerte die Mnsteraner Organisation einen harten Kurs gegen die “linke Gefahr” und mochte sich mit dem republikanischen Staat nicht sehr identifizieren.

Die Frhzeit der Weimarer Republik war von scharfen innenpolitischen Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um die Konsolidierung der neuen Machtverhltnisse im Innern des Reichs geprgt. Mit Hilfe eines Generalstreiks gelang es im Frhjahr 1920, den reaktionren Kapp-Lttwitz-Putsch niederzuschlagen. Erst in der zweiten Hlfte der 1920er Jahre stabilisierte sich das politische System. Die SPD konnte, etwa im Bereich des Arbeitsrechts und der Sozialpolitik, wichtige Reformen durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel hatten. Sie fhrte die Regierungen in einer Reihe von Bundesstaaten, vor allem Preuen, und wurde auch in vielen Grostdten bereits zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.

Das Firmengelnde der Hiltruper Cementfabrik F. M. Dalhoff, wo die Grnder der Hiltruper SPD gearbeitet hatten, wurde im Laufe des I. Weltkriegs enteignet. Die Inhaber mussten die Firma an einen anderen Standort verlegen. Am 15.9.1919 erffneten auf dem Gelnde die Hiltruper Kleinrhrenwerke Fischer & Co. mit 30 Arbeitern. Das Sauerstoffwerk und das Kalksandsteinwerk wurden gegrndet.

Im Jahr 1920 wurden die Glasuritwerke umfangreich erweitert, 1924 wurden die ersten Autolacke produziert.

Hiltrup wuchs und hatte 1925 2.861 Einwohner.

Glasurit expandierte mit einer weiteren Betriebsvergrerung 1925 und war 1930 mit mehreren Zweigwerken und 1.000 Mitarbeitern die grte Lackfabrik Europas; Zweigwerke bestanden in Frankreich und England.

Die Hiltruper Kleinrhrenwerke Fischer & Co wuchsen ebenfalls in diesem Zeitraum, gingen aber in der Weltwirtschaftskrise 1929 in Konkurs.

1930_Hiltrup_Luftbild

Hiltrup um 1930

Nachdem auch die Nachfolgefirma von Fischer & Co nur 2 Jahre bestand, ging das Fabrikgelnde 1931 in die Hnde des Hoesch-Konzerns Dortmund ber. Der neue Eigentmer erweiterte die Produktionspalette und modernisierte die Anlagen. Bereits zur Erffnung 1931 waren ca. 120 bis 130 Arbeiter beschftigt.

Dass Nachforschungen ber die Hiltruper SPD in der Weimarer Republik sehr schwierig und oftmals auch wenig erfolgreich sind, liegt daran, dass es fr Sozialdemokraten in Hiltrup whrend der Zeit der Weimarer Republik noch immer nicht sehr frderlich war, sich ffentlich zur Sozialdemokratie zu bekennen. Dokumente in den Hnden von Parteimitgliedern berlebten die Zeit von 1933 bis 1945 nur sehr selten, und kommunale Archive sind nicht sehr ergiebig, weil die Kommunalpolitik in der Weimarer Republik insgesamt eine unbedeutendere Rolle spielte.

Forschungen bei den Nachfahren bereits verstorbener Sozialdemokraten ergaben, dass sich in der Hiltruper Sozialdemokratie whrend der Weimarer Republik eine beherrschende Person heraushebt, Johann (gen. Jans) Hls.

Johann Hls geb. 1873

Johann Hls, geb. 8.7.1873 in Rinkerode, gest. 29.8.1950 in Hiltrup, langjhriger Vorsitzender in den zwanziger Jahren bis 1932 (Foto: 1929)

Er kam nach dem ersten Weltkrieg nach Hiltrup und entwickelte vielfltige Aktivitten. Neben seiner Arbeit als Sozialdemokrat war er auch Vorsitzender des Reichsbanners sowie Grnder und Vorsitzender einer Gewerkschaft im Rhrenwerk. 1929 wurde Johann Hls in den Gemeinderat gewhlt, 1931 rckte er als Nachfolger fr den ausscheidenden Gustav Monien in den Kreistag.

Johann Hls 1929 mit Frau und Kostgngern

Johann Hls mit seiner Frau Anna. Dahinter die sozialdemokratischen “Kostgnger” (v.l.) Erich Bohn, Peter Finke, Max Richmann, Jan Kannscheid, Franz Skibar, Franz Schepplick, Andreas Bottke (Foto: 1929)

Schon damals gab es eine SPD-Fraktion im Gemeinderat. Nachforschungen ergaben, dass Hermann Feldmann und Josef Bommert 1926 dem Gemeinderat als Sozialdemokraten angehrten. Auerdem ist in den Gemeinderatsunterlagen vom 16.1.1929 erstmals von Genossen die Rede:

>> Antrag Hls und Genossen auf Verlngerung der Wasserleitung. <<

Fr Johann Hls wurde es angesichts der immer mehr an Macht gewinnenden NSDAP bereits 1932 in Hiltrup zu gefhrlich, er setzte sich mit seiner Familie nach Schlesien ab und “tauchte dort unter”. Das lag unter anderem auch daran, dass die Zentrumspartei in Mnster ihre starre Frontstellung gegen links beibehalten hatte. Am 24.4.1932, als durch Rechtsradikale Gefahren fr die Republik unbersehbar waren, verbot der Oberbrgermeister in Mnster der SPD, ein Flugblatt zu verteilen, das unter dem Titel “Das sind die Erneuerer Deutschlands” ber die Bedrohung der Demokratie durch die NSDAP aufklrte – ein Verbot wegen “Gefhrdung der ffentlichen Sicherheit und Ordnung.”!

So sehr die in Mnster damals alles beherrschende Zentrumspartei nach Rechtsauen orientiert war, so zerstritten war die politische Linke. Wegen der “zu zaghaften Politik der SPD im Reich” war auch in Mnster eine KPD-Organisation entstanden, blieb jedoch stndig schwcher als die SPD. Beide Parteien waren in Mnster nicht sehr stark, was sie jedoch nicht daran hinderte, auch in Mnster das zu praktizieren, was reichsweit gang und gbe war. Wie die gegenseitigen Vorwrfe von “Arbeiterverrat”, “sozialfaschistischer Politik” und “russischer Zwangsherrschaft” im Reich zu immer heftigeren Kmpfen zwischen SPD und KPD fhrten, so nahm auch in Mnster die Auseinandersetzung schrfere Formen an, bis hin zum Straenkampf Anfang der 30er Jahre im Anschluss an eine sozialdemokratische Versammlung. Auch in Hiltrup soll es nach mndlicher berlieferung (was jedoch nicht gnzlich feststeht) im damaligen Lokal der Hiltruper Sozialdemokraten, der Gastwirtschaft Vogt, anlsslich einer SPD-Veranstaltung zu einer Saalschlacht mit Kommunisten gekommen sein, die durch Fenster in das Versammlungslokal gestrmt waren.

Die Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit seit 1918 hatten sich in Mnster immer wieder rechtsradikale Verbnde gegrndet, die jedoch relativ schwach blieben. Ebenso ging es noch bis 1930 der NSDAP, die bei der Kommunalwahl 1930 einen Sitz gewann von 48 (Zentrum 28, SPD 5). Hauptaktionsfeld der NSDAP war die Strae mit Schlgereien zwischen Nazis und Kommunisten.

Mit dem Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise ab 1930 erstarkten die extremen Krfte in der deutschen Politik. Die Arbeitslosigkeit nahm ein nie gekanntes Ausma an. Begnstigt durch konservative und reaktionre politische Kreise, die bis weit in das brgerliche Parteienspektrum hineinreichten, gewann die extreme Rechte in der Hitler-Bewegung ungemein an Einfluss. Die anhaltende Spaltung der deutschen politischen Arbeiterbewegung, die sich alltglich in scharfen Auseinandersetzungen dokumentierte, begnstigte diesen Aufstieg, verursachte ihn aber nicht. Ende Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler.

SPD-Politiker werden unter Aufsicht der SA gezwungen, Wandparolen zu entfernen. 1933

SPD-Politiker werden unter Aufsicht der SA gezwungen, Wandparolen zu entfernen. 1933 Archiv der sozialen Demokratie

1932 durfte Hitler in der Halle Mnsterland sprechen, und bei den Kommunalwahlen am 12.3.1933 folgte Mnster dem Reichstrend: die NSDAP wurde mit 20 Sitzen erstmals strkste Partei (die SPD fiel von 5 Sitzen auf 3).

Der Terror der Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, spter auch gegen brgerliche Krfte, setzte ein. In der Abstimmung im Reichstag ber das Ermchtigungsgesetz, mit dem alle brgerlichen Parteien Hitler formell zum Diktator machten, bumte sich die deutsche Sozialdemokratie unter Fhrung von Otto Wels als einzige politische Kraft gegen diese furchtbare Entwicklung auf. Am 22. Juni 1933 wurde die SPD im Reich verboten.

Parteibuch Joseph Stoffers (1933 - 1946), in die SPD Mster eingetreten am 1.12.1924 (Auenseite)

Das SPD-Parteibuch des spteren Ehrenvorsitzenden der SPD Hiltrup Josef Stoffers (eingetreten am 1.12.1924 in Mnster). Allein das Aufbewahren dieses Parteibuches in der Nazizeit von 1933 bis 1945 war fr den Inhaber lebensgefhrlich.

Parteibuch Joseph Stoffers 1933 - 1946

Das Verbot der SPD ist durch die Lcke in den Beitragszahlungen von Frhjahr 1933 bis 1945 dokumentiert. Stoffers hat 1945 am Neubeginn der Hiltruper SPD mitgewirkt und war spter Ehrenvorsitzender.

In Mnster regte sich seitens der SPD aktiver und versteckter Widerstand, zwar mutig, aber nicht sehr heftig, dazu war die SPD zu schwach. Unter dem Druck des NS-Regimes sanken die frher vorhandenen Barrieren nicht nur zwischen SPD und KPD, sondern auch zwischen den “Roten” und “Brgerlichen”. Auch in Hiltrup wurde die Zeit des Nationalsozialismus die dunkelste in der Geschichte. Nicht nur Sozialdemokraten wurden verfolgt, auch an die Verfolgung der Hiltruper Missionare sei erinnert. Das war die Zeit, als die Marktallee (vormals Bahnhofstrae) Adolf-Hitler-Strae hie und die Hohe Geest (vormals Mnsterstrae) Horst-Wessel-Strae.

In den Archiven findet man zwar durchaus Protokolle von Gemeinderatssitzungen, wie wenig demokratisch und wie sehr unter “Aufsicht” die Gemeinderatsmitglieder standen, zeigt, dass seit dem 22.3.1934 unter der Anwesenheitsliste der Vermerk stand:

>>Auerdem anwesend Korber als rangltester Fhrer der SA.<<

Die Hiltruper Wirtschaft wuchs auch in dieser Zeit weiter. Das Rhrenwerk von Hoesch an der Industriestr. 4 (jetzt: Nobelstrae) beschftigte zu Beginn des II. Weltkriegs ungefhr 220 Mitarbeiter. Whrend des Krieges wurde es noch erweitert, produzierte Geschtzrohre und beschftigte ab 1942 Zwangsarbeiter, hauptschlich Frauen. Laut einer Liste der in Hiltrup beschftigten Auslnder, die vom Landkreis Mnster am 21.2.1949 der britischen Militrverwaltung bergeben wurde, arbeiteten in den Hiltruper Rhrenwerken 181 auslndische Arbeitskrfte, 118 Mnner und 63 Frauen.

(Weitere Informationen zum Schicksal der Zwangsarbeiter finden Sie hier. Zur Entwicklung des Werksgelndes an der Industriestrae / Nobelstrae 4 im Zeitraum zwischen 1904 und 1970 siehe auch Dominik Loroch, Die industrielle Entwicklung Hiltrups, 2008.) 1945 wurde das Werk weitgehend zerstrt.

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