Manchmal lohnt sich ein Blick über den eigenen Tellerrand. In Dortmund ist gerade ein Projekt gestartet, das mehr ist als ein neues Wohnheim: Dort entsteht ein Azubi-Campus für das Handwerk. 112 Wohnungen sollen gebaut werden, die maximal 350 Euro warm kosten. In unmittelbarer Nähe liegen Ausbildungsbetriebe sowie die Bildungsstätten der Handwerkskammer und der Kreishandwerkerschaft. Gemeinschaftsflächen und eine gute ÖPNV-Anbindung gehören ebenfalls zum Konzept. Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt das Projekt mit mehr als 13,5 Millionen Euro. Die Landesregierung sieht darin ausdrücklich ein Modell mit Vorbildcharakter.
Zum WDR/ARD-Beitrag über den Azubi-Campus in Dortmund
Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: Wer Fachkräfte gewinnen will, muss auch dafür sorgen, dass junge Menschen sich ihre Ausbildung leisten können. Denn die Wohnungsfrage wird für viele Auszubildende zunehmend zu einem Problem. Wer während seiner Ausbildung nur rund 900 oder 1.000 Euro netto zur Verfügung hat, kann sich auf einem angespannten Wohnungsmarkt kaum eine normale Wohnung leisten. In Dortmund erzählt ein Auszubildender im WDR-Beitrag genau davon: Eine eigene Wohnung wäre sein Wunsch – aber bei seinem Ausbildungsgehalt ist sie kaum bezahlbar. Und Münster?
Münster kennt dieses Problem ebenfalls. Und eigentlich haben wir sogar gute Voraussetzungen, etwas dagegen zu tun. An der Steinfurter Straße ist mit dem Münster Modell Quartier 1 ein neues Stadtquartier geplant. Auf rund 50 Hektar sollen etwa 2.000 Wohnungen entstehen – und ausdrücklich auch rund 1.000 Apartments für Auszubildende und Studierende. Gleichzeitig sollen dort Wohnen, Arbeiten, Technologie und Wissenschaft miteinander verbunden werden. Auch auf dem ehemaligen Eissporthallenareal an der Steinfurter Straße geht Münster bereits in diese Richtung: In einem geplanten fünfgeschossigen Gebäude sollen 124 öffentlich geförderte Apartments für Auszubildende und Studierende entstehen. Der Rat hat den entsprechenden Bebauungsplan im Mai 2026 beschlossen. Münster muss also nicht erst entdecken, dass Auszubildende bezahlbaren Wohnraum brauchen.
Ich denke jedoch, wir sollten den nächsten Schritt gehen und aus einzelnen Wohnprojekten ein Konzept machen, denn ein Campus ist mehr als ein Wohnheim
Ein Azubi-Campus soll dabei nicht einfach eine Ansammlung kleiner Wohnungen sein. Man könnte Wohnen, Ausbildung und Gemeinschaft miteinander verbinden: kleine bezahlbare Apartments, Gemeinschaftsräume, Lernmöglichkeiten, Freizeitangebote und eine Anbindung ohne eigenes Auto an die Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen. Das Handwerkskammer Bildungszentrum, die Kreishandwerkerschaft, die Innungen, die IHK, Pflegeeinrichtungen, soziale Träger und zahlreiche weitere Ausbildungsbetriebe könnten Partner eines solchen Konzeptes sein.
Und vielleicht könnte der Begriff „Azubi-Campus“ sogar etwas weiter gefasst werden. Nicht nur Handwerk. Nicht nur ein Beruf. Sondern ein Wohn- und Lebensort für junge Menschen in verschiedensten Ausbildungen. Denn ob jemand eine Ausbildung im Handwerk beginnt, in der Pflege arbeitet, eine technische Ausbildung macht oder einen anderen Ausbildungsberuf ergreift: Das Problem des bezahlbaren Wohnens ist eigentlich immer dasselbe.
Und wenn wir bisher nur über einen Standort in Münster Nord sprechen, fällt mir als Contrapunkt Steinfurter Straße Hiltrup-Ost ein, – im Süden der Stadt.
Bei uns soll in den kommenden Jahren ein völlig neues Stadtquartier entstehen. Über 1.000 Wohnungen sind vorgesehen. Die Stadt selbst hat das Gebiet als eine der großen Entwicklungschancen für Hiltrup beschrieben. 75 Prozent der Wohnungen sollen in Mehrfamilienhäusern entstehen. Gleichzeitig soll das Quartier klimafreundlich und zukunftsorientiert entwickelt werden. Warum sollte man bei einer solchen Größenordnung nicht von Anfang an auch über Wohnen für Auszubildende nachdenken? Ein Azubi-Campus mit jungen Leuten könnte dort hervorragend in ein gemischtes Quartier integriert werden.
Nicht als abgeschottetes Wohnheim irgendwo am Rand, sondern als ganz normaler Teil des neuen Stadtteils – mit kleinen Wohnungen, Gemeinschaftsräumen und vielleicht sogar Angeboten, die auch den übrigen Bewohnerinnen und Bewohnern offenstehen.
Zwar liegt Hiltrup-Ost nicht im Zentrum Münsters, aber gerade deshalb könnte dort ein Modell entstehen, das zeigt, dass junge Menschen in Ausbildung nicht unbedingt in zentralter Lage wohnen müssen, wenn die Verkehrsanbindung stimmt und ein attraktives Quartier entsteht.
Beim Blick auf die aktuellen Entwicklungen in der Nachbarschaft drängt sich allerdings noch eine andere Frage auf: Warum wurde diese Chance nicht schon beim York-Quartier stärker genutzt? Das York-Quartier ist eines der größten neuen Stadtentwicklungsprojekte Münsters. Mit der „Neuen Mitte York“ entstehen dort Wohnungen, Nahversorgung, Gastronomie und weitere Angebote für den Stadtteil. Natürlich kann man das neue Quartier jetzt nicht noch nachträglich umplanen, aber genau deshalb sollten wir bei den nächsten großen Quartiersentwicklungen früher darüber sprechen.
Wenn wir wissen, dass Münster Wohnraum für Auszubildende braucht, dann darf diese Frage nicht erst gestellt werden, wenn die Bebauungspläne fertig und die Grundstücke vergeben sind. Auch sie muss Bestandteil der Quartiersplanung von Anfang an sein. Das Dortmunder Projekt zeigt, wie mehrere Akteure zusammenarbeiten können: Handwerk, Wohnungswirtschaft und Land. Das Land stellt erhebliche Fördermittel bereit. Das Handwerk selbst übernimmt Verantwortung für das Projekt. Genau dieses Prinzip könnte auch für Münster interessant sein. Die Stadt muss einen solchen Campus nicht selbst bauen und betreiben. Sie könnte Flächen bereitstellen, Partner zusammenbringen, Baurecht schaffen und gemeinsam mit Land, Handwerksorganisationen, Wohnungswirtschaft und Ausbildungsbetrieben ein tragfähiges Modell entwickeln. Das wäre aktive Wirtschaftspolitik. Denn jeder Ausbildungsplatz, der nicht besetzt werden kann, weil die oder der Auszubildende keine bezahlbare Wohnung findet, ist ein Problem für den Betrieb – und irgendwann für unsere gesamte Stadt.