Experience matters – warum Unternehmen ihre erfahrensten Mitarbeiter neu entdecken müssen

Der Blick auf den Arbeitsmarkt ist derzeit erstaunlich widersprüchlich. Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte, investieren viel Geld in Personalgewinnung, entwickeln Arbeitgebermarken und werben um jeden Nachwuchs. Gleichzeitig gerät eine Gruppe immer wieder aus dem Blick: die Menschen, die bereits seit vielen Jahren im Unternehmen arbeiten. Gerade Beschäftigte um die 50 haben häufig noch 17 oder sogar mehr Berufsjahre vor sich. Das ist fast ein Drittel des gesamten Berufslebens – und doch werden viele behandelt, als wäre ihre berufliche Entwicklung im Wesentlichen abgeschlossen. Dabei zeigt der aktuelle DAK-Report, wohin diese Haltung führt. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten über 50 denkt über einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben nach. Als wichtige Gründe nennen sie fehlende Wertschätzung, unzureichende Bezahlung und Arbeitsbedingungen, die nicht mehr zu ihrer Lebenssituation passen.

Mich überrascht das nicht. Wer erlebt, mit welchem Aufwand neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht, umworben und eingearbeitet werden, stellt sich zwangsläufig eine Frage: Warum kümmern wir uns nicht mit derselben Energie um die Menschen, die bereits da sind? Das wäre nicht nur menschlich klug, sondern auch wirtschaftlich. Denn sinkende Motivation senkt die Produktivität. Fehlende Anerkennung erhöht nicht die Leistungsbereitschaft. Wer sich über Jahre übersehen fühlt, entwickelt kaum Begeisterung für Veränderungen oder Innovationen. Unternehmen verlieren dadurch einen ihrer größten Wettbewerbsvorteile: Erfahrung. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, über den erstaunlich wenig gesprochen wird. Viele Arbeitgeber beklagen, dass jüngere Beschäftigte heute häufiger den Arbeitsplatz wechseln als frühere Generationen. Das ist kein Vorwurf – die Arbeitswelt hat sich verändert. Berufliche Wechsel gehören heute für viele selbstverständlich zum Lebenslauf. Für Unternehmen bedeutet das jedoch einen erheblichen Aufwand. Jede Kündigung kostet Zeit, Geld und Know-how. Neue Mitarbeitende müssen gesucht, ausgewählt und eingearbeitet werden. Eingespielte Teams verändern sich, wertvolles Erfahrungswissen geht verloren. Umso wertvoller sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihrem Unternehmen über viele Jahre die Treue halten. Sie bleiben oft auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten an Bord, tragen Veränderungen mit und sorgen mit ihrer Erfahrung für Stabilität und Verlässlichkeit. Diese Loyalität ist keine Selbstverständlichkeit – sie ist ein echter wirtschaftlicher Wert. Sie verdient Anerkennung. Dabei wäre gerade die Lebensphase um die 50 eine große Chance. Viele Kinder sind inzwischen erwachsen, familiäre Verpflichtungen verändern sich und neue Freiräume entstehen. Warum eröffnet man diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht noch einmal neue Perspektiven?

  1. Neue Aufgaben.
  2. Neue Verantwortung.
  3. Weiterbildung.
  4. Projektarbeit.
  5. Mentoring für jüngere Kolleginnen und Kollegen.
  6. Oder sogar einen kompletten beruflichen Neustart innerhalb des Unternehmens.

Was mich dabei besonders erstaunt: Selbst heute wird bei internen Bewerbungen teilweise noch nach Schulzeugnissen gefragt. Unglaublich! Nach 30 Jahren Berufserfahrung sollte doch nicht entscheidend sein, welche Note jemand mit 17 Jahren in Mathematik hatte. Entscheidend ist die Lebensleistung.

  • Was alles hat dieser Mensch im Unternehmen gelernt?
  • Welche Herausforderungen hat er gemeistert?
  • Welche Verantwortung hat sie übernommen?
  • Welche Fähigkeiten sind in Jahrzehnten der Berufspraxis entstanden?

Lernen endet schließlich nicht mit Schule oder Ausbildung. Im Gegenteil: Die wertvollsten Kompetenzen entstehen oft erst durch jahrzehntelange Erfahrung, durch Erfolge, Fehler und den täglichen Umgang mit Menschen und Problemen. Deshalb braucht es eine andere Führungskultur. Eine Kultur, in der Vorgesetzte regelmäßig das Gespräch suchen – nicht nur im jährlichen Mitarbeitergespräch oder wenn Schwierigkeiten auftreten, sondern mit echtem Interesse:

  • Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
  • Welche Aufgaben würden Sie gerne übernehmen?
  • Wo sehen Sie Ihre Stärken?
  • Was trauen Sie sich zu?

Und manchmal genügt schon ein Satz: „Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie diese Aufgabe erfolgreich übernehmen. Dort sehe ich Ihre Zukunft.“ Solche Sätze kosten nichts. Sie können aber ungeheuer viel bewirken. Wertschätzung ist eben weit mehr als ein freundliches Dankeschön. Sie bedeutet, Menschen Entwicklung zuzutrauen – unabhängig vom Alter. Unsere Gesellschaft diskutiert derzeit intensiv darüber, wie Menschen länger arbeiten können. Vielleicht sollten wir zunächst darüber sprechen, wie wir erreichen, dass sie es auch wollen.

Der Fachkräftemangel wird sich jedenfalls nicht allein dadurch lösen lassen, dass immer neue Mitarbeiter gewonnen werden. Mindestens genauso wichtig ist es, die Menschen zu halten, die bereits da sind. Erfahrung, Loyalität und gewachsenes Wissen sind keine Kostenfaktoren, sondern strategische Stärken eines Unternehmens. Deshalb sollten wir aufhören, Beschäftigte ab 50 als Menschen in den „letzten Berufsjahren“ zu betrachten. Für viele beginnt gerade dann ein neuer Lebensabschnitt – mit neuen Freiräumen, neuen Ideen und der Bereitschaft, noch einmal Verantwortung zu übernehmen. Wer diesen Schatz erkennt und fördert, gewinnt motivierte Menschen, stärkt die Innovationskraft seines Unternehmens und bindet Beschäftigte, die oft auch dann bleiben, wenn es einmal schwierig wird.

Experience matters. Lebensleistung zählt. Und Loyalität verdient Zukunft.