Ich gehöre zum Jahrgang 1961 – also genau zu der Generation, über die heute so oft gesprochen wird: die sogenannten Babyboomer. Wir waren immer viele. Zu viele, könnte man sagen. Zu viele für die Kindergärten, zu viele für die Schulen, zu viele für Ausbildungsplätze und Studiengänge. Und schon damals hat man uns gesagt: Wenn ihr alt werdet, wird es eng.
Heute stelle ich fest: Diese Prognosen waren keine Panikmache – sie waren realistisch. Vielleicht sogar noch zu optimistisch.
Die aktuelle Debatte um die Pflegeversicherung zeigt mir vor allem eines: Wir erwarten von der Politik etwas, das sie gar nicht leisten kann. Die zuständige Ministerin steht in der Kritik, weil sie Lösungen präsentieren soll, die es so nicht gibt. Sie soll gleichzeitig Beiträge stabil halten, Leistungen sichern und ein System retten, das unter massivem demografischem Druck steht. Das ist, nüchtern betrachtet, die Quadratur des Kreises.
Ich halte viele der vorgeschlagenen Maßnahmen durchaus für nachvollziehbar. Mein Problem liegt woanders: Ich finde, wir führen die Debatte nicht ehrlich genug.
Denn die eigentliche Herausforderung ist längst absehbar. Meine Generation wird in den kommenden Jahren in großer Zahl pflegebedürftig werden. Und wir sind – das gehört zur Wahrheit dazu – im Durchschnitt nicht die gesündeste Generation. Zu wenig Bewegung, zu viel Gewicht, zu viel Verschleiß. Das wird Folgen haben.
Gleichzeitig fehlen schon heute Pflegekräfte – sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Versorgung. Wer glaubt, dass sich diese Lücke einfach schließen lässt, verkennt die Realität. Es verlassen mehr alte Pflegekräfte den Beruf als jüngere nachrücken. Zuwanderung wird das Problem nur abmildern, nicht lösen, zumal die Situation in allen EU Ländern ähnlich ist.
Ich bin überzeugt: Wir steuern auf eine Situation zu, in der es schlicht nicht genug Versorgung für alle geben wird – zumindest nicht in der Form, wie wir sie heute kennen und erwarten.
Und genau darüber wird mir zu wenig gesprochen.
Stattdessen halten wir an der Vorstellung fest, der Staat werde das schon richten. Dass die Pflegeversicherung alles auffängt. Dass für jeden ein Platz, ein Dienst, eine Lösung da sein wird. Ich halte das für eine gefährliche Illusion.
Was wir brauchen, ist eine ehrliche gesellschaftliche Debatte. Eine, die den Menschen sagt: Ihr müsst euch kümmern. Nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch und gesundheitlich.
Wer kann, sollte vorsorgen. Wer kann, sollte seine Wohnsituation überdenken. Wer kann, sollte Netzwerke aufbauen – Familie, Nachbarschaft, neue Wohnformen. Und ja: Wer kann, sollte etwas für seine Gesundheit tun.
Das ist keine politische Botschaft, die Wahlen gewinnt. Aber es ist eine, die der Realität näherkommt als viele wohlklingende Versprechen.
Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit in dieser Diskussion. Weniger Beruhigung, mehr Klartext. Denn nur wenn wir die Lage realistisch einschätzen, haben wir überhaupt eine Chance, mit ihr umzugehen.
Die Zeit dafür ist jetzt.