Adaptive Beleuchtung am Kanal: Ein Plädoyer für den Ausgleich im gemeinsamen Lebensraum

Die aktuelle Debatte um die adaptive Beleuchtung an der Kanalpromenade wird oft als neuer Konflikt dargestellt. Tatsächlich handelt es sich um eine alte, immer wiederkehrende Herausforderung: Wie gelingt es, Natur im Siedlungs- und Lebensraum Stadt zu erhalten – ohne dabei die berechtigten Bedürfnisse der Menschen auszublenden, die diesen Raum täglich nutzen?

Der Dortmund-Ems-Kanal und seine Ufer sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich Natur und Stadtentwicklung über Jahrzehnte miteinander verflochten haben. Dieser Raum ist vollständig von Menschen geschaffen: Jeder Baum, jeder Strauch wurde gepflanzt. Umso erfreulicher ist es, dass sich hier ein scheinbar natürlicher Lebensraum für Pflanzen und Tiere entwickeln konnte. Das zeigt, dass Stadt und Natur keine Gegensätze sein müssen – aber auch, dass sie immer wieder neu austariert werden müssen.

Gleichzeitig ist die Kanalpromenade heute eine unverzichtbare Verkehrsachse. Für einen Außenstadtteil wie Hiltrup ist sie eine der wichtigsten Verbindungen in die Innenstadt. Die klassischen Einfallstraßen – Westfalenstraße/Hammer Straße sowie der Albersloher Weg – sind chronisch überlastet. Busse stehen im Stau, separate Busspuren fehlen, die Bahn ist bereits heute stark ausgelastet und leider nicht immer zuverlässig. Wer täglich die sieben bis zehn Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegt, entlastet das gesamte Verkehrssystem – und tut damit auch dem Klima und der Stadt gut.

Dass viele Menschen diese Strecke am Kanal nutzen, ist kein Zufall. Alternativen sind unattraktiv oder unzureichend ausgebaut: Am Albersloher Weg fehlt ein sicherer, vom Gehweg getrennter Radweg, an der Westfalenstraße gibt es zahlreiche Ampeln, Einmündungen, hohe Lärmbelastung und schlechte Luft. Die Kanalroute ist deshalb nicht nur beliebt, sondern notwendig.

In der öffentlichen Diskussion melden sich naturgemäß auch viele zu Wort, die nicht in Hiltrup wohnen und den Weg nicht regelmäßig nutzen. Das ist legitim und Teil einer offenen Stadtgesellschaft. Ich sehe das – anders als Bezirksbürgermeister Bensmann – nicht als Problem, sondern als Ausdruck demokratischer Auseinandersetzung. Aber: In diesem Prozess müssen die Perspektiven der tatsächlich Betroffenen angemessen berücksichtigt werden.

Gerade hier zeigt sich ein struktureller Zielkonflikt: Außenstadtteile sind oft grüner, aber dünner besiedelt als die Innenstadt. In einer Mehrheitsdemokratie geraten ihre Interessen dadurch leichter ins Hintertreffen. Es darf jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass die Innenstadt den Außenstadtteilen erklärt, was ökologische Verantwortung ist – und von ihnen verlangt, Einschränkungen hinzunehmen, ohne ihre Mobilitätsrealität ernst zu nehmen. Die Leserbriefe der letzten Wochen machen deutlich, dass genau dieser Konflikt empfunden wird.

Wir brauchen deshalb Lösungen, die beides zusammenbringen: Schutz von Natur und alltagstaugliche Mobilität. Die adaptive Beleuchtung ist aus meiner Sicht ein solcher Kompromiss. Sie ermöglicht Orientierung und Sicherheit, ohne dauerhaft Licht in den Raum zu bringen. Wichtig ist, dass sie konsequent 24 Stunden verfügbar ist, um auch in den frühen Morgen- und späten Abendstunden Verlässlichkeit zu bieten. Gleichzeitig kann und sollte weiter nachjustiert werden – etwa bei der Dauer der Lichtphase nach einer Passage.

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts ist dabei zentral. Kurzfristige Effekte auf Tiere, etwa Fledermäuse, können sich langfristig verändern, wenn sich Arten an neue Bedingungen anpassen. Wo Licht ist, sind auch Insekten – das kann Risiken bergen, aber auch neue Nahrungsräume schaffen. Genau diese Wechselwirkungen müssen beobachtet und ernst genommen werden, statt vorschnell zu urteilen.

Nicht zuletzt steht die Stadt vor weiteren Entscheidungen: Das geplante Neubaugebiet in Hiltrup-Ost mit rund 1.000 Wohneinheiten wird zusätzliche Mobilität erzeugen. Eine leistungsfähige Anbindung über die Kanalpromenade ist dafür vorgesehen – andere Verkehrsträger können die zusätzlichen rund 3.000 Bewohnerinnen und Bewohner kaum aufnehmen. Wer diese Verbindung heute infrage stellt, muss erklären, wie die Mobilität von morgen funktionieren soll.

Am Ende geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Zusammenleben im gemeinsamen Lebensraum. Adaptive Beleuchtung ist kein perfektes Instrument – aber ein ernsthafter Versuch, diesem Anspruch gerecht zu werden. Diesen Weg sollten wir weitergehen: offen, lernbereit und mit Respekt für alle, die diesen Raum nutzen – Menschen ebenso wie Tiere.