Manchmal habe ich den Eindruck, wir Babyboomer in NRW waren unser ganzes Leben lang vor allem eines: „Viele!*
Damals schon zu viele für die Kindergärten. Es gab schlicht nicht genügend Plätze. Zu viele für die Schulen. Klassen mit mehr als 35 Schülerinnen und Schülern waren keine Seltenheit. Lehrermangel? Den kannten wir lange bevor das Wort wieder modern wurde. Unterrichtsausfall gehörte zum Stundenplan, dafür ging es selbstverständlich auch samstags in die Schule. Manche Lehrer erzählten uns mehr vom Krieg als vom Lehrplan – sie hatten ihn schließlich selbst erlebt.
Nach der Schule warteten keine offenen Arme der Arbeitgeber. Wer eine Lehrstelle oder einen Job wollte, schrieb Bewerbung um Bewerbung. Mit der Olympia-Schreibmaschine. Und wehe, nach zwei Tipp-Ex-Korrekturen war noch ein Fehler auf der Seite. Dann hieß es: Blatt heraus, neues Papier einspannen und von vorne beginnen.
Auch Krisen haben wir immer wieder mitgenommen: Ölkrise. Kalter Krieg. NATO-Doppelbeschluss. Friedensdemos. Tschernobyl. Saurer Regen. Waldsterben. Später Fukushima. Fast jede Generation glaubt, sie lebe in besonders schwierigen Zeiten. Unsere 60 Jahre waren auch nie langweilig! Wer bauen wollte, zahlte in den 90ern Bauzinsen von neun Prozent oder mehr. Nach der Wiedervereinigung war Wohnraum knapp – ähnlich wie heute. Das heutige Gefühl, auf eine seniorengerechte Wohnung wieder einmal lange warten zu müssen, ist für uns also keineswegs neu.
Digital aufgewachsen sind wir nicht. Wir hatten Telefone mit 5 Meter Kabel! Vor Computern wurden wir schon in den siebziger Jahren gewarnt: „Das wird alles verändern!“ Den Umgang damit haben viele von uns erst viele Jahre später gelernt. Den ersten „Mouse-Kurs“ machten manche mit über dreißig. Das erste Handy kam ebenfalls erst in diesem Alter. Telefonieren war teuer, eine Flatrate kannte niemand, und wer versehentlich ins Internet ging, bekam beim Blick auf die Telefonrechnung Schnappatmung. Noch später kamen Facebook, WhatsApp, Instagram und all die anderen sozialen Medien – als viele von uns längst über fünfzig waren. Bis heute fragen manche von uns lieber ihre Kinder oder Enkel, bevor sie beim Smartphone auf den falschen Knopf drücken. Jetzt ist Künstliche Intelligenz in aller Munde. Ehrlich gesagt: Die meisten von uns begegnen KI bislang vor allem dann, wenn wir wieder einmal mit einer Hotline diskutieren, die unsere Frage konsequent missversteht.
Trotzdem haben wir eines immer geschafft: Wir haben uns angepasst. Wir haben neue Berufe gelernt, technische Revolutionen erlebt, Wirtschaftskrisen überstanden, Familien gegründet, Häuser gebaut, Unternehmen aufgebaut, Ehrenämter übernommen und unsere Kinder großgezogen. Nicht immer perfekt, aber mit Ausdauer. Deshalb wundere ich mich manchmal über die Schlagzeilen, die den Babyboomern heute so gern erklären, was sie alles falsch gemacht haben. Natürlich hat auch unsere Generation Fehler gemacht. Welche Generation hat das nicht?
Aber vielleicht lohnt sich auch einmal der Blick auf das, was sie geleistet hat. Denn wer heute einen Babyboomer in den Ruhestand verabschiedet, verabschiedet meist nicht nur eine Arbeitskraft. Da gehen Erfahrung, Fachwissen, Gelassenheit und oft auch jemand, der für Kolleginnen und Kollegen einfach da war. Ja, wir Babyboomer waren immer viele. Vielleicht manchmal sogar zu viele. Aber wir haben uns nie dadurch definiert, wie viele wir waren, sondern dadurch, dass wir immer wieder gelernt haben, mit Veränderungen umzugehen. Und genau deshalb schauen viele von uns auch heute mit großem Selbstbewusstsein nach vorn.
Warum auch nicht? Schließlich haben wir bislang noch jede Zeitenwende überlebt.