Früher war alles besser - wirklich? Folge 3: Als der Tod auf den Landstraßen zum Alltag gehörte

Wenn wir an das Autofahren früher denken, fallen uns oft die schönen Seiten ein. Weniger Verkehr, kurvenreiche Straßen, kaum Staus. Man fuhr einfach los.
Was wir dagegen leicht vergessen: Autofahren war deutlich gefährlicher.

In den 1970er-Jahren starben Jahr für Jahr mehr als 20.000 Menschen auf Deutschlands Straßen. Besonders Landstraßen galten als gefährlich. Schmale Fahrbahnen, Bäume direkt am Straßenrand, unübersichtliche Kreuzungen und hohe Geschwindigkeiten führten immer wieder zu schweren Unfällen. Fast jede Familie kannte jemanden, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam oder schwer verletzt wurde. Auch im Münsterland gehörten tödliche Unfälle auf Bundes- und Landstraßen leider viel zu oft zu den Schlagzeilen. Heute sieht das glücklicherweise anders aus.

Obwohl heute deutlich mehr Menschen unterwegs sind und wesentlich mehr Fahrzeuge zugelassen sind, ist die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland auf rund 2.700 pro Jahr zurückgegangen. Moderne Fahrzeuge mit Airbags, ABS, ESP und Notbremsassistenten, bessere Straßen, Kreisverkehre, konsequentere Rettungsketten und strengere Verkehrsregeln haben tausende Menschenleben gerettet. Das ist einer der größten, aber oft übersehenen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte. Dennoch sollten wir uns nicht zurücklehnen.

Ein Blick in andere europäische Länder zeigt: Auf Landstraßen geht noch mehr. Staaten wie Schweden oder die Niederlande erreichen teilweise deutlich bessere Sicherheitswerte. Deshalb wird inzwischen auch in Deutschland intensiv darüber diskutiert, wie sich das Unfallrisiko weiter senken lässt. Selbst der ADAC hält auf vielen Landstraßen eine Regelgeschwindigkeit von 80 km/h inzwischen für eine ernsthaft prüfenswerte Möglichkeit, wenn dadurch nachweislich Menschenleben gerettet werden können.

Das zeigt: Fortschritt endet nie. Mit jeder Generation kommen neue Erkenntnisse hinzu. Und neue Herausforderungen.

Vor zehn Jahren sprach kaum jemand über Pedelecs oder E-Scooter. Heute gehören sie selbstverständlich zum Straßenbild. Gerade Pedelecs ermöglichen vielen älteren Menschen ein längeres, aktives und selbstständiges Leben – ein echter Gewinn an Mobilität und Lebensqualität. Gleichzeitig sehen wir aber auch neue Risiken. Höhere Geschwindigkeiten, fehlende Helme und mangelnde Fahrpraxis führen besonders bei älteren Pedelec-Fahrern zu schweren Verletzungen. Hinzu kommen E-Scooter, die vor allem bei jungen Menschen beliebt sind. Leider zeigen Unfallstatistiken, dass hier Alkohol, riskantes Fahrverhalten und fehlende Erfahrung immer häufiger zu schweren Unfällen führen.

Jede Generation entwickelt neue Formen der Mobilität. Und jede Generation muss lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Früher war nicht alles besser und heute ist auch nicht alles perfekt. Unsere Gesellschaft wird sicherer, weil sie bereit ist, aus Erfahrungen zu lernen, neue Risiken ernst zu nehmen und bestehende Regeln weiterzuentwickeln. Vielleicht werden unsere Enkel eines Tages über manche unserer heutigen Gewohnheiten genauso den Kopf schütteln, wie wir heute über fehlende Sicherheitsgurte oder Alkohol am Steuer in den 1970er-Jahren. Das wäre kein Zeichen dafür, dass wir versagt haben. Es wäre ein Zeichen dafür, dass Fortschritt weitergeht. Und genau das ist eine gute Nachricht.

Erinnerungen sind kostbar. Aber sie sind kein zuverlässiger Maßstab für die Gegenwart.