Die heutigen 5,5 Prozent für die SPD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sind ein bitteres Ergebnis. Für viele Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten fühlt sich das wie ein politischer Tiefpunkt an. Auch ich will daran nichts schönreden.
Und trotzdem machen mich diese Zahlen nicht hoffnungslos. Im Gegenteil: Sie zwingen uns dazu, einige grundlegende Fragen ehrlich zu stellen – und genau darin kann auch eine Chance liegen. Denn die Probleme der Sozialdemokratie sind nicht einfach das Ergebnis eines schlechten Wahlkampfs oder einer einzelnen falschen Entscheidung. Sie haben viel mit tiefgreifenden Veränderungen unserer Gesellschaft zu tun.
Die Gesellschaft hat sich verändert – und damit auch die Politik
Die SPD entstand als Partei der Industriearbeiterschaft. In der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts war das eine mächtige politische Basis: große Belegschaften, starke Gewerkschaften und ein gemeinsames soziales Milieu. Heute sieht die Realität anders aus. Industriearbeit ist zurückgegangen, Lebensläufe sind vielfältiger geworden, und viele Menschen fühlen sich keinem festen politischen Lager mehr dauerhaft zugehörig. Gleichzeitig hat sich auch die politische Kommunikation verändert. In Zeiten von Social Media und personalisierten Wahlkämpfen spielen Persönlichkeiten und klare Botschaften eine größere Rolle als lange Programme oder interne Kompromissformeln. Wer politische Aufmerksamkeit gewinnen will, muss verständlich, zugespitzt und sichtbar kommunizieren. Parteien, die sich vor allem über differenzierte Programme definieren, haben es in dieser Medienlogik schwerer.
Der größte Erfolg der Sozialdemokratie wird oft übersehen
Dabei wird häufig übersehen: Der größte historische Erfolg der Sozialdemokratie war nicht nur die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter – sondern der soziale Aufstieg vieler Menschen aus Arbeiterfamilien. Durch bessere Bildung, ein offenes Hochschulsystem und einen starken Sozialstaat konnten Millionen Menschen mehr erreichen als ihre Eltern. Viele von ihnen sind heute Fachkräfte, Angestellte, Lehrerinnen, Ingenieure oder Unternehmerinnen. Auch viele Familien mit Einwanderungsgeschichte haben diesen Weg gemacht. Gerade darin liegt eine der größten Leistungen sozialdemokratischer Politik: Teilhabe zu ermöglichen und Aufstiegschancen zu eröffnen.
Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, ein altes Selbstbild zu überdenken, wir sind nicht nur Arbeiterpartei – sondern Partei der sozialen Mobilität
Die SPD wird oft noch als „Arbeiterpartei“ beschrieben. Doch diese Bezeichnung passt immer weniger zur Realität unserer Gesellschaft. Viele Menschen arbeiten heute in Berufen, die es früher so nicht gab. Gleichzeitig stammen viele von ihnen aus Familien ohne akademischen Hintergrund und haben sich durch Bildung und eigene Leistung nach oben gearbeitet. Diese Gruppe der Bildungs- und Aufsteigerinnen und Aufsteiger wächst in unserer Gesellschaft stetig. Sie verbindet zwei Erfahrungen: die Herkunft aus einem eher einfachen Umfeld und den eigenen Weg nach vorne. Gerade für diese Menschen sind Themen wie Bildungsgerechtigkeit, bezahlbares Wohnen, sichere Arbeit und faire Chancen entscheidend.
Ich meine, die SPD könnte für sie die politische Heimat sein – wenn sie dieses Thema stärker in den Mittelpunkt stellt.
Mut zur Veränderung gehört zur Geschichte der SPD
Die Sozialdemokratie war immer dann besonders erfolgreich, wenn sie bereit war, sich zu erneuern. Das galt beim Übergang von der Klassenpartei zur Volkspartei genauso wie bei großen Reformphasen der Bundesrepublik. Auch heute wird es darauf ankommen, neue gesellschaftliche Bündnisse zu schmieden und klare politische Angebote zu formulieren. Dazu gehört auch der Mut, Persönlichkeiten nach vorne zu stellen, die nicht nur innerparteiliche Kompromisse verkörpern, sondern eine breite gesellschaftliche Mehrheit ansprechen können. Politik braucht heute mehr denn je Menschen, die Haltung zeigen, verständlich kommunizieren und Vertrauen ausstrahlen.
Warum mich die 5,5 % trotzdem nicht entmutigen
Die SPD steht ohne Zweifel vor großen Herausforderungen. Aber sie hat auch etwas, das viele andere Parteien nicht haben: eine Geschichte, die zeigt, dass gesellschaftlicher Fortschritt möglich ist.
- Die Idee, dass Herkunft nicht über das ganze Leben entscheiden darf.
- Die Überzeugung, dass Bildung Türen öffnen muss.
- Und der Anspruch, dass jeder Mensch die Chance haben soll, mehr aus seinem Leben zu machen.
Solange diese Idee Menschen überzeugt, ist die Sozialdemokratie nicht am Ende – sondern mitten in einer Phase der Neuorientierung.
Und vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, um darüber neu nachzudenken, wofür die SPD im 21. Jahrhundert stehen will:
für Teilhabe, für Aufstieg und für faire Chancen in einer offenen Gesellschaft.
Ich will weiter daran mitarbeiten!