Gender Pay Gap - Wer Lohngleichheit will, darf über das Ehegattensplitting nicht schweigen

Der Gender Pay Gap ist in Deutschland seit Jahren ein politisches Thema. Trotzdem bleibt eine zentrale Ursache erstaunlich oft unangetastet: Das Ehegattensplitting. Wer über Lohngleichheit spricht, darf über dieses Steuermodell nicht schweigen.

Eine aktuelle Studie des Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung zeigt erneut, was viele längst vermuten: Für viele verheiratete Frauen lohnt es sich finanziell kaum, ihre Arbeitszeit auszuweiten. Das Steuersystem belohnt weiterhin das alte Modell – ein Hauptverdiener, ein Zuverdiener. In der Realität heißt das meist: Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau bleibt in Teilzeit.

So wird Ungleichheit nicht nur hingenommen, sondern strukturell stabilisiert. Und das war historisch durchaus so gewollt: Das Ehegattensplitting stammt aus einer Zeit, in der Politik und Gesellschaft davon ausgingen, dass verheiratete Frauen gar nicht oder nur begrenzt erwerbstätig sein sollten.

Heute aber haben wir eine völlig andere Realität. Wir diskutieren Fachkräftemangel, wir wollen Lohngleichheit, wir wollen wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen. Doch gleichzeitig hält das Steuerrecht genau jene Strukturen am Leben, die all das verhindern.

Besonders interessant ist deshalb ein Vorschlag, der in der aktuellen Debatte wieder stärker auftaucht: das Realsplitting. Dabei würden Partner ihre Einkommen grundsätzlich individuell versteuern, könnten aber einen übertragbaren Freibetrag nutzen. Damit würde weiterhin berücksichtigt, dass Paare füreinander Verantwortung tragen – ohne jedoch systematisch einen Anreiz zu schaffen, dass ein Partner dauerhaft weniger arbeitet.

Ein solches Modell hätte mehrere Vorteile:

  • Es würde mehr Erwerbsarbeit attraktiver machen, gerade für Frauen in Teilzeit.
  • Es würde eigenständige soziale Sicherung stärken, etwa bei Rente und Arbeitslosigkeit.
  • Und es würde einen wichtigen Beitrag leisten, um den Gender Pay Gap strukturell zu verringern.

Vor allem aber würde es ein Signal senden: Gleichberechtigung ist kein Sonntagswort, sondern wird auch im Steuerrecht ernst genommen.

Genau deshalb lohnt es sich, diese Debatte auch politisch offensiv zu führen. Für die SPD in Nordrhein-Westfalen könnte die Reform des Ehegattensplittings ein kluges Thema für den kommenden Landtagswahlkampf sein. Das Land selbst entscheidet zwar nicht über das Einkommensteuerrecht – aber eine starke Landespartei kann im Bund Druck machen und Reformen vorantreiben.

Die Botschaft wäre klar: Wer echte Gleichstellung will, muss auch die wirtschaftlichen Anreize ändern.

Eine Reform in Richtung Realsplitting mit Freibetrag könnte genau das leisten. Sie verbindet Gerechtigkeit, wirtschaftliche Vernunft und moderne Familienpolitik.

Und sie wäre ein Beispiel dafür, wie Politik alte Strukturen hinterfragt – statt sie aus Gewohnheit weiterzuführen.
Gerade dafür steht die Sozialdemokratie seit jeher.