Ein moderner Zivildienst kann viel mehr sein als eine Pflicht

Die Diskussion ist zurück. Unser Grundgesetz ist zum Thema Wehr- und Zivildienst eindeutig. Solange es nicht geändert wird – und danach sieht es derzeit nicht aus – würde ein erneuter verpflichtender Wehr- oder Zivildienst ausschließlich junge Männer betreffen. Gerade deshalb tragen Politik und Gesellschaft eine besondere Verantwortung.

Wenn die Wehrpflicht wieder eingeführt wird, würde auch der Zivildienst zurückkehren. Viele reagieren darauf zunächst ablehnend. Das kann ich gut verstehen. Niemand hört das Wort Pflichtdienst gern. Es klingt nach Fremdbestimmung, nach verlorener Zeit und danach, dass andere über das eigene Leben entscheiden. Genau deshalb dürfen wir nicht zuerst darüber sprechen, ob ein Zivildienst kommt. Wir müssen darüber sprechen, wie er aussehen muss. Denn wenn junge Männer nach neun oder zwölf Monaten sagen: Das war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Ich würde es wieder machen – dann haben wir vieles richtig gemacht.

Viele verbinden den früheren Zivildienst mit Krankenhäusern oder Altenheimen. Dort haben Generationen von jungen Männern wichtige Erfahrungen gemacht. Viele entdeckten zum ersten Mal, wie erfüllend die Arbeit mit Menschen sein kann. Nicht wenige entschieden sich später für einen Beruf im Gesundheits- oder Sozialwesen. Auch ich gehöre dazu. Doch unsere Gesellschaft hat sich verändert. Pflegeeinrichtungen arbeiten heute unter anderen Bedingungen als noch vor zwanzig Jahren. Deshalb reicht es nicht aus, den alten Zivildienst einfach wieder einzuführen.

In einen modernen Zivildienst liegen echte gesellschaftliche Chancen! Unsere Gesellschaft driftet immer stärker auseinander. Wir wohnen in unterschiedlichen Stadtteilen. Unsere Kinder besuchen unterschiedliche Schulen. Wir verbringen unsere Freizeit in unterschiedlichen Vereinen und Freundeskreisen. Oft begegnen wir Menschen, die ähnlich denken und ähnlich leben wie wir selbst. Das ist keine gute Entwicklung. Denn Verständnis und miteinander entstehen nicht durch Debatten im Internet. Verständnis entsteht durch gemeinsame Erfahrungen. Genau darin liegt eine große Stärke des Zivildienstes. Ein junger Abiturient aus einem wohlhabenden Elternhaus arbeitet plötzlich mit einem demenzkranken Menschen zusammen. Ein Auszubildender unterstützt Kinder an einer Schule in einem sozialen Brennpunkt. Ein angehender Informatiker hilft älteren Menschen beim Umgang mit der digitalen Welt. Beide Seiten lernen voneinander. Der Zivildienst ist deshalb viel mehr als ein Dienst für andere. Er ist ein Dienst an unserer Gesellschaft

Heute brauchen wir einen modernen Gesellschaftsdienst, der dort hilft, wo Menschen heute Unterstützung benötigen. Die Möglichkeiten dazu sind viel größer als früher. Warum sollten Zivildienstleistende älteren Menschen nicht dabei helfen,
  • ein Smartphone einzurichten,
  • Online-Termine bei Behörden zu vereinbaren,
  • digitale Anträge auszufüllen,
  • einen Videoanruf mit den Enkeln einzurichten,
  • sicher im Internet einzukaufen?
    In Schweden gehört digitale Unterstützung in vielen Bibliotheken längst zum Alltag. Warum sollte das bei uns nicht auch möglich sein? Ebenso groß sind die Chancen im Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe, Hochwasserschutz, Zivilschutz oder Umweltprojekte gewinnen angesichts des Klimawandels immer mehr Bedeutung. Hier können junge Menschen Verantwortung übernehmen und gleichzeitig wichtige Fähigkeiten für das eigene Leben erwerben.

Ein weiteres Einsatzfeld sehe ich in der Nachmittagsbetreuung an Schulen. Gerade dort fehlen häufig männliche Bezugspersonen. Zivildienstleistende wären dort keine Lehrer und keine Erzieher, sondern besetzen eine ganz neue Rolle. Aus verschiedenen Mentoring-Projekten wissen wir, wie wichtig junge Erwachsene als Vorbilder sein können. Wenn Studierende oder andere junge Menschen regelmäßig Schülerinnen und Schüler begleiten, entstehen neue Perspektiven. Kinder erleben Menschen, die ihnen neue Bildungswege zeigen, Mut machen und Horizonte erweitern. Solche Programme zeigen, wie stark Begegnungen Lebenswege verändern können. Warum sollten Zivildienstleistende diese Rolle nicht ebenfalls übernehmen? Gerade Jungen fehlt in vielen Grundschulen und OGS-Angeboten der regelmäßige Kontakt zu männlichen Bezugspersonen. Ein Zivildienst könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten – nicht als Ersatz für pädagogische Fachkräfte, sondern als zusätzliche Bereicherung. Vielleicht entdeckt dabei ein Kind zum ersten Mal, dass Studieren keine fremde Welt ist. Vielleicht entscheidet sich ein Zivildienstleistender später selbst für einen pädagogischen oder sozialen Beruf. Beide gewinnen.

Das Wichtigste ist aus meiner Sicht: Junge Menschen sollten möglichst viel selbst entscheiden können. Nicht jeder ist für die Pflege geschaffen. Nicht jeder interessiert sich für den Bevölkerungsschutz. Andere begeistern sich für Umweltprojekte, Kultur, Schulen oder digitale Hilfe. Je größer die Auswahl ist, desto größer ist auch die Chance, dass der Dienst nicht als verlorene Zeit erlebt wird, sondern als persönliche Bereicherung.

Ein moderner Zivildienst darf keinesfalls ein billiger Ersatz für fehlende Fachkräfte sein. Er muss Bildungszeit sein. Orientierungszeit. Lebenszeit.
Hoffentlich entdecken dabei wieder viele junge Männer etwas, das sie vorher nie für möglich gehalten hätten: Dass die Arbeit mit und für andere Menschen glücklich machen kann. Und vielleicht entscheidet sich der eine oder andere anschließend für einen Beruf, den er vorher nie in Betracht gezogen hätte.
So war es bei mir. Deshalb wünsche ich mir keinen Zivildienst, den junge Menschen möglichst schnell hinter sich bringen. Ich wünsche mir einen Zivildienst, über den sie Jahre später sagen: „Das war eine der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens.“