Die Diskussion um das in Kürze startende neue Kita-Jahr wird derzeit vor allem entlang der Frage geführt, ob Nordrhein-Westfalen ausreichend Kitaplätze finanziert. Das ist wichtig. Aber zwei andere Fragen erscheinen mindestens ebenso entscheidend. Seit Jahren klagen Kommunen und Träger über den Mangel an Erzieherinnen und Erziehern. Gleichzeitig halten wir an einem Ausbildungs- und Qualifikationssystem fest, das in vielen Bereichen kaum noch zur Realität des Arbeitsmarktes passt. Dabei lohnt ein Blick in unsere Nachbarländer. In den Niederlanden, Dänemark oder Schweden arbeiten in Kindertageseinrichtungen längst multiprofessionelle Teams. Dort gibt es zwar ebenfalls pädagogische Fachkräfte mit Hochschul- oder Fachschulabschluss, gleichzeitig werden aber weitere Berufsgruppen gezielt eingebunden. Entscheidend ist weniger, dass alle den identischen Ausbildungsweg durchlaufen haben, sondern dass die Kompetenzen im Team stimmen und durch Fortbildung kontinuierlich weiterentwickelt werden. Deutschland verfolgt dagegen traditionell ein sehr starres Fachkraftsystem. Das hat über viele Jahre Qualität gesichert, doch unter den Bedingungen eines massiven Fachkräftemangels wird dieses System zunehmend selbst zum Problem.
Mit Blick auf unseren Landtagswahlkampf denke ich, die SPD sollte jetzt den Mut haben, ihre eigenen traditionellen Positionen weiterzuentwickeln. In unseren Schulen sind Seiteneinsteiger als Lehrer/innen inzwischen selbstverständlich. Niemand käme heute auf die Idee, auf diese Möglichkeit vollständig zu verzichten. Warum schließen wir vergleichbare Wege für die frühkindliche Bildung weitgehend aus? Viele Menschen bringen wertvolle Kompetenzen aus anderen Berufen mit: Heilerziehungspflege, Gesundheitsberufe, Sozialarbeit, Familienbildung oder langjährige praktische Erfahrungen. Diese Potenziale dürfen wir nicht ungenutzt lassen. Was wir entlich brauchen, sind verlässliche Anerkennungsverfahren, klare Kompetenzprofile und berufsbegleitende Qualifizierungen im System, das heißt während der Arbeitszeit. Wer geeignet ist, sollte nicht an formalen Hürden scheitern, sondern gezielt nach- und weiterqualifiziert werden. So gewinnen wir gute Fachkräfte, ohne auf Qualität zu verzichten und können offene Stellen auch nachbesetzen. Qualität entsteht nicht allein durch ein Abschlusszeugnis – sie entsteht durch Kompetenz, Persönlichkeit, Teamarbeit und kontinuierliche Weiterbildung.
Ebenso wichtig ist ein differenzierter Blick auf den tatsächlichen Platzbedarf. Während manche Regionen weiterhin zusätzliche Kitaplätze benötigen, erleben wir in Münster bereits eine andere Entwicklung. Dort gab es zuletzt Einrichtungen, die ihre Plätze nicht vollständig besetzen konnten, weil schlicht weniger Kinder geboren werden. Diese demografische Entwicklung wird sich vielerorts fortsetzen. Deshalb hilft weder Alarmismus noch Schönfärberei. Kita-Planung muss künftig deutlich flexibler werden. Manche Kommunen werden weiter ausbauen müssen, andere werden ihre Angebote anpassen. Das ist kein Rückschritt, sondern Ausdruck einer verantwortungsvollen Planung.
Unser Ziel bleibt unverändert: Jedes Kind soll eine gute frühkindliche Bildung erhalten. Dafür brauchen wir ausreichend Plätze und gut qualifizierte Mitarbeitende. Aber gute Politik zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen reagiert. Der Fachkräftemangel und der demografische Wandel verlangen neue Antworten. Wer weiterhin ausschließlich auf starre Qualifikationswege setzt, wird den Bedarf nicht decken können.
Mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Menschen, bessere Anerkennungsverfahren und Qualifizierung im Beruf könnten ein entscheidender Baustein sein, damit Qualität und Versorgung auch in Zukunft gesichert bleiben.