Wer heute am Emmerbach in Hiltrup-Ost spazieren geht, sieht einen Bach mit sanften Kurven, flachen Ufern und viel Grün. Kaum jemand ahnt, dass das nicht immer so war. Tatsächlich war der Emmerbach über viele Jahre begradigt. Das galt damals als modern. Und er war kein Einzelfall. In den 1960er- und 1970er-Jahren war die sogenannte Flurbereinigung ein Zukunftsprojekt. Felder wurden größer, Wallhecken entfernt, Drainagen verlegt und Bäche begradigt. Auch viele schmale, kurvenreiche Landstraßen wurden ausgebaut, damit der Verkehr schneller fließen konnte. Das alles geschah nicht aus Gedankenlosigkeit. Im Gegenteil: Man wollte die Landwirtschaft leistungsfähiger machen, Dörfer besser anbinden und wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen. Nach dem damaligen Wissensstand waren das vernünftige Entscheidungen.
Heute wissen wir mehr. Mit den Wallhecken verschwanden Lebensräume für Vögel und Insekten. Begradigte Bäche verloren ihre natürliche Dynamik. Regenwasser floss schneller ab, anstatt in der Landschaft gespeichert zu werden. Und aus vielen idyllischen Landstraßen wurden Tempo-100-Strecken, auf denen es immer wieder schwere Unfälle gab. Fortschritt hat manchmal seinen Preis. Und manchmal erkennen wir ihn erst viele Jahre später.
Genau deshalb lohnt sich der Blick auf den Emmerbach. Seit vielen Jahren wird der Bach Schritt für Schritt wieder naturnäher gestaltet. Ufer wurden aufgeweitet, neue Lebensräume geschaffen und die Natur erhielt wieder mehr Raum. Heute gibt es dort sogar einen Naturlehrpfad, der zeigt, wie sich der Bach verändert hat. Ehrenamtliche kümmern sich im Rahmen einer Bachpatenschaft um den Emmerbach und tragen dazu bei, dass dieser wertvolle Lebensraum erhalten bleibt. Mit etwas Glück lässt sich dort sogar wieder ein Eisvogel beobachten – ein Vogel, der nur dort lebt, wo Gewässer eine gute ökologische Qualität haben.
Für mich ist das eine Geschichte, die Mut macht. Nicht, weil früher alles falsch war. Sondern weil wir bereit sind, aus neuen Erkenntnissen zu lernen. Wir investieren heute viel Geld und ehrenamtliches Engagement, um manches wiederherzustellen, was frühere Generationen mit den besten Absichten verändert haben. Das ist kein Widerspruch. Es ist Fortschritt. Denn Fortschritt bedeutet nicht, immer recht zu haben. Fortschritt bedeutet, offen für neues Wissen zu sein und den Mut zu haben, bessere Lösungen umzusetzen. Auch in Hiltrup können wir das direkt vor unserer Haustür erleben. Der Emmerbach ist heute nicht nur ein Bach. Er ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Natur zurückkehren kann, wenn wir ihr die Chance dazu geben. Und er zeigt, wie wichtig das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger ist, die sich in der Bachpatenschaft und im Naturschutz einsetzen.
Vielleicht sollten wir deshalb unsere Erinnerungen gelegentlich mit der Gegenwart vergleichen. Nicht alles, was früher modern war, würden wir heute noch so machen. Und nicht alles, was wir heute verbessern, ist selbstverständlich. Der Emmerbach erinnert uns daran, dass unsere Gesellschaft lernfähig ist. Dass wir Fehler korrigieren können. Und dass Fortschritt manchmal genau darin besteht, der Natur wieder ein Stück ihres ursprünglichen Raums zurückzugeben.
Erinnerungen sind kostbar. Aber sie sind kein zuverlässiger Maßstab für die Gegenwart.