Gesundheitliche Daseinsvorsorge darf keine Frage des Wohnortes sein

„Die Entscheidung des Zulassungsausschusses, den einzigen Hausarztsitz aus Berg Fidel dauerhaft an einen anderen Standort zu verlegen, ist für uns nicht akzeptabel. Sie schafft ein Problem. Sie mag zwar den Regeln der ärztlichen Selbstverwaltung entsprechen, den Lebensrealitäten der Menschen in Berg Fidel wird sie jedoch nicht gerecht.“ – Annette Ulrich (SPD-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksvertretung Hiltrup) und Hermann Geusendam-Wode (Ortsvereinsvorsitzender).

Auf dem Papier klingt eine Verlegung um drei Kilometer harmlos. Tatsächlich geht es aber nicht um die Luftlinie auf einer Karte, sondern um den Alltag der Menschen. Berg Fidel ist ein hochverdichteter, räumlich weitgehend abgeschlossener Stadtteil. Viele ältere Menschen, Familien und Anwohner mit geringem Einkommen verfügen dort nicht selbstverständlich über ein Auto. Der Weg zur neuen Praxis ist deutlich aufwendiger, als die Entfernung vermuten lässt. Gerade in einer älter werdenden Stadtgesellschaft muss die wohnortnahe hausärztliche Versorgung ein entscheidendes Kriterium sein. Gesundheitsversorgung darf sich deshalb nicht allein nach formalen Zuständigkeiten richten, sondern muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Und wenn die ärztliche Selbstverwaltung diese nicht ausreichend im Blick hat, bleibt es unsere Aufgabe als Kommunalpolitiker darauf hinzuweisen! Besonders enttäuschend ist, dass Politik und Stadtverwaltung trotz intensiver Bemühungen gegenüber der ärztlichen Selbstverwaltung keine Möglichkeit hatten, diese Entwicklung zu verhindern. Das mag der geltenden Rechtslage entsprechen – zufriedenstellend ist das keineswegs. Wenn die Selbstverwaltung zu Entscheidungen kommt, die einen ganzen Stadtteil ohne Hausarzt zurücklassen, dann muss sie sich auch der öffentlichen Kritik stellen. Selbstverwaltung bedeutet Verantwortung – nicht das Verstecken hinter formalen Regelungen.

Die aktuelle Entwicklung in Berg Fidel zeigt exemplarisch, dass wir die Verteilung hausärztlicher Versorgung in Münster grundsätzlich neu betrachten müssen. Eine älter werdende Bevölkerung, zunehmende Mobilitätseinschränkungen und schwieriger werdende Verkehrsverhältnisse verlangen mehr als statistische Betrachtungen. Entscheidend ist nicht die Entfernung auf einer Karte, sondern die tatsächliche Erreichbarkeit medizinischer Versorgung.
Besonders unverständlich ist diese Entscheidung vor dem Hintergrund der sozialen Struktur Berg Fidels, die scheinbar kein Kriterium in diesem Entscheidungsprozess war. Seit Jahren besteht breite Einigkeit darüber, dass dieser Stadtteil besondere soziale Herausforderungen hat. Politik, Stadt und weitere Akteure tun viel, um die Lebensqualität und die Chancengerechtigkeit der Menschen dort zu verbessern. Ausgerechnet in einem solchen Quartier den einzigen Hausarztsitz aufzugeben, sendet das völlig falsche Signal. Wer gesundheitliche Chancengleichheit ernst nimmt, muss die medizinische Versorgung in sozial besonders belasteten Stadtteilen stärken – und nicht weiter schwächen.

Wir fordern deshalb, dass der Zulassungsausschuss seine Entscheidung noch einmal kritisch überprüft und alle Möglichkeiten nutzt, um in Berg Fidel wieder ein wohnortnahes Hausarztangebot zu etablieren. Die Menschen in Berg Fidel haben den gleichen Anspruch auf eine gute medizinische Versorgung wie alle anderen Münsteranerinnen und Münsteraner. Gesundheitliche Daseinsvorsorge darf keine Frage des Wohnortes sein!