Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Doch wie kommen wir dorthin – sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und mit einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz? Das neue „Projekt 2045“ will genau diese Fragen wieder stärker aus sozialdemokratischer Perspektive diskutieren.
Die politische Klimadebatte ist in den vergangenen Jahren zunehmend zwischen sehr unterschiedlichen Positionen festgefahren. Auf der einen Seite stehen Menschen, für die der Schutz von Natur und Klima zum Maßstab nahezu jeder politischen Entscheidung geworden ist. Für manche reicht das bis zu weitreichenden Forderungen nach den Rechten der Natur, einem möglichst vollständigen Verzicht auf weitere Flächenversiegelung oder einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber wirtschaftlichem Wachstum – auch wenn solche Entscheidungen mit erheblichen sozialen oder wirtschaftlichen Folgen verbunden sein können. Auf der anderen Seite stehen Positionen, die den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich bestreiten oder seine Bedeutung herunterspielen und deshalb an einer möglichst weitgehenden Nutzung fossiler Energien festhalten wollen.
Dazwischen liegt eine große gesellschaftliche Mehrheit, die beides will: Klimaschutz und ein gutes, bezahlbares Leben. Sie will eine intakte Natur, aber auch Wohnungen, Arbeitsplätze, Mobilität und wirtschaftliche Sicherheit. Sie erwartet Klimaschutz, ohne dass die Kosten dafür einseitig bei Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen landen. Genau hier liegt aus meiner Sicht eine klassische sozialdemokratische Aufgabe: ökologische Grenzen ernst nehmen, ohne soziale und wirtschaftliche Realitäten auszublenden.
Klimaschutz muss deshalb mehr sein als Verzicht und mehr als eine moralische Frage. Er muss zeigen, wie eine Gesellschaft den notwendigen Wandel so organisiert, dass daraus zugleich Fortschritt, Wohlstand, gute Arbeit und soziale Sicherheit entstehen. Genau an dieser Stelle setzt das neue „Projekt 2045 – Für Klima und soziale Gerechtigkeit e.V.“ an.
Die interessante Initiative wurde gerade im Oktober 2026 gegründet. Zu den Initiatoren gehören der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Blankenburg und die SPD-Europaabgeordnete Delara Burkhardt. Zum Kreis der Gründungsmitglieder gehören neben Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten auch Menschen aus Gewerkschaften, Wissenschaft und Wirtschaft. Das Projekt versteht sich nicht als fertiges politisches Programm. Es will vielmehr Konzepte entwickeln, Debatten anstoßen und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. Dabei geht es um eine zentrale Frage: Wie schaffen wir Klimaneutralität, ohne den sozialen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Stärke unseres Landes zu gefährden?
bisher wird die politische Klimadebatte wird häufig als Gegensatz dargestellt: Klimaschutz gegen Wirtschaft, Verbote gegen Freiheit, Kosten gegen Wohlstand.
Das muss nicht so bleiben. Klimaschutz kann auch eine Investition in unsere Zukunft sein: in erneuerbare Energien, moderne Infrastruktur, klimafreundliche Industrie, neue Technologien, gute Arbeitsplätze und weniger Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und deren Lieferanten. Auch Städte und Gemeinden stehen vor dieser Aufgabe. Sie müssen beispielsweise ihre Wärmeversorgung verändern, mit zunehmender Hitze umgehen, Verkehr neu organisieren und gleichzeitig dafür sorgen, dass Wohnen bezahlbar bleibt. Das alles kostet bekanntlich viel Geld. Nichtstun kann aber ebenfalls erhebliche Kosten verursachen.
Die politische Aufgabe besteht deshalb darin, die Kosten und Chancen des Wandels gerecht zu verteilen.
Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu werden. Damit ist das Ziel formuliert. Die entscheidende politische Frage lautet: Wie sieht der Weg dorthin aus? Eine sozialdemokratische Klimapolitik muss dabei mehrere Interessen gleichzeitig berücksichtigen:
- Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel
- bezahlbares Wohnen und Bauen
- sichere und bezahlbare Energie
- gute Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung
- leistungsfähige Infrastruktur
- eine verlässliche Mobilität
- Schutz von Natur und Biodiversität
- soziale Gerechtigkeit
- Wie schaffen wir bezahlbare und klimafreundliche Wärme?
- Wie bauen wir Wohnungen, ohne notwendige Infrastruktur zu vergessen?
- Wie schaffen wir einen öffentlichen Nahverkehr, der tatsächlich eine Alternative zum Auto darstellt?
- Wie gestalten wir unsere Straßen und Plätze so, dass sie auch bei zunehmender Hitze lebenswert bleiben?
- Wie können wir erneuerbare Energien ausbauen und gleichzeitig die Menschen vor Ort mitnehmen?
Und wie verhindern wir, dass Klimaschutz zu einer sozialen Frage wird, bei der sich nur noch diejenigen die notwendige Transformation leisten können, die über genügend Geld verfügen? Gerade hier könnte sozialdemokratische Politik einen Beitrag leisten: nicht zwischen Klimaschutz und sozialer Sicherheit wählen, sondern beides zusammenbringen.
Das „Projekt 2045“ kommt deshalb zu einem interessanten Zeitpunkt. Die SPD arbeitet derzeit an einem neuen Grundsatzprogramm. Eines der zentralen Themenfelder lautet „Klima und Ressourcen – Gemeinwohl und Wachstum innerhalb planetarer Grenzen“. Auch der SPD-Klimadialog beschäftigt sich mit der Frage, wie Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und politisch umsetzbar gestaltet werden kann. Damit geht es um mehr als um einzelne Klimaschutzmaßnahmen. Es geht um die Frage, welches gesellschaftliche Modell hinter der Transformation steht. Eine sozialdemokratische Antwort kann dabei weder darin bestehen, jede Veränderung abzulehnen, noch darin, jede Einschränkung ungeprüft als notwendigen Preis des Klimaschutzes zu akzeptieren. Sie muss erklären, was sich verändern muss, warum es sich verändern muss und wie wir dafür sorgen, dass die Menschen diesen Wandel bewältigen können.
Wie wollen wir denn 2045 leben? Das ist letztlich die entscheidende Frage. Klimaneutralität ist kein Selbstzweck. Sie soll dazu beitragen, dass auch kommende Generationen in einer lebenswerten Umwelt und unter wirtschaftlich und sozial guten Bedingungen leben können. Dafür braucht es Technologie und Innovation ebenso wie politische Regulierung. Es braucht private Investitionen ebenso wie öffentliche Infrastruktur. Und es braucht ökologische Verantwortung ebenso wie soziale Verantwortung. Das „Projekt 2045“ liefert dafür noch kein fertiges Programm. Aber es eröffnet eine Debatte, die für die Sozialdemokratie wichtig ist.
Dazu Mitdiskutieren in der SPD? Der SPD-Klimadialog ist die offizielle Plattform der SPD für die Diskussion über eine sozialdemokratische Klimapolitik und die Entwicklung des neuen Grundsatzprogramms. Dort werden unter anderem Fragen zu Wirtschaft und Energie, Bauen und Wohnen, Verkehr, Klimagerechtigkeit sowie zum Verhältnis von Klimaschutz und Biodiversität diskutiert.
Kontakt: klimadialog@spd.de
Weitere Informationen: