Die Westfälischen Nachrichten berichten in einem aktuellen Beitrag über neue Vorhaben der schwarz-grünen NRW-Landesregierung zur frühzeitigen Sprachförderung. Schulministerin Dorothee Feller betont dabei in Amelsbüren (Neujahresempfang der CDU) die Bedeutung früher Diagnostik und gezielter Förderung noch vor der Einschulung. Das Ziel ist klar: Kinder sollen mit besseren sprachlichen Voraussetzungen in die Grundschule starten. Das ist richtig – und notwendig!
Doch bei aller Zustimmung zur frühen Förderung stellt sich eine grundlegende Frage: Reichen punktuelle Maßnahmen aus, wenn die strukturellen Probleme des Systems seit Jahren sichtbar sind? Die Lage ist ernst – und seit Jahren bekannt.
Die Leistungsentwicklung deutscher Schülerinnen und Schüler gibt seit längerer Zeit Anlass zur Sorge. Internationale Vergleichsstudien wie OECD-Untersuchungen (PISA) sowie nationale Bildungsberichte zeigen deutliche Rückgänge bei Kompetenzen in Lesen und Mathematik. Auch die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss ist bundesweit wieder gestiegen. Nordrhein-Westfalen steht dabei nicht isoliert da – aber das Land schneidet in verschiedenen Ländervergleichen seit Jahren unterdurchschnittlich ab. Gleichzeitig ist die soziale Abhängigkeit von Bildungserfolg in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Diese Entwicklungen sind nicht neu. Sie waren bereits vor der Pandemie erkennbar und haben sich durch Corona lediglich verschärft.
Viele gute Modelle – aber wenig Systemtransfer
NRW verfügt über zahlreiche innovative Schulen, Schulversuche und Modellprojekte mit beeindruckenden Ergebnissen:
- gebundene Ganztagskonzepte
- integrierte Lernformen
- intensive Sprachbildung
- multiprofessionelle Teams
- projektorientierte Unterrichtsmodelle
Diese Beispiele zeigen: Es fehlt nicht an pädagogischem Wissen oder engagierten Akteuren. Das Problem liegt vielmehr im Transfer.
Modellschulen arbeiten häufig unter besonderen Rahmenbedingungen – mit zusätzlicher Unterstützung, engagierten Kollegien oder wissenschaftlicher Begleitung. Was dort gelingt, wird jedoch nur selten verbindlich in das allgemeine Schulsystem überführt. Innovation bleibt Ausnahme statt Regel.
Warum gelingt der Schritt in die Fläche so schwer und wo könnte wirksame Bildungspolitik erfolgreich ansetzen?
1. Strukturelle Trägheit:
Das Schulrecht, Prüfungsordnungen und Personalstrukturen setzen enge Rahmenbedingungen. Veränderungen greifen tief in bestehende Abläufe ein.
2. Ressourcenengpässe:
Lehrkräftemangel, hohe Belastung der Schulen und fehlende multiprofessionelle Teams erschweren nachhaltige Reformen.
3. Prüfungs- und Selektionslogik:
Solange zentrale Abschlüsse und Vergleichsarbeiten stark auf traditionelle Fach- und Notenstrukturen ausgerichtet sind, bleiben innovative Lernformen begrenzt.
4. Politische Vorsicht:
Große Systemveränderungen erzeugen gesellschaftliche Debatten. Bildungspolitik neigt daher häufig zu inkrementellen Anpassungen statt zu strukturellen Neuausrichtungen.
Die im WN-Artikel beschriebenen Maßnahmen zur frühen Sprachförderung sind ein sinnvoller Baustein. Frühzeitige Unterstützung kann Bildungsungleichheiten mindern und den Einstieg in die Schule erleichtern. Doch wenn Leistungsrückgänge, hohe Abbrecherquoten und strukturelle Defizite weiter bestehen, wirken isolierte Maßnahmen wie Kosmetik. Sie adressieren Symptome, nicht die Systemlogik.
Wer nachhaltige Verbesserungen will, muss neben früher Förderung auch folgende Fragen beantworten:
- Wie werden erfolgreiche Schulmodelle systematisch in die Fläche gebracht?
- Wie werden Schulen dauerhaft personell und strukturell gestärkt?
- Wie können Übergänge zwischen Kita und Schule verbindlich gestaltet werden?
- Wie lässt sich Bildungsgerechtigkeit institutionell absichern?
Mein Fazit: Der Bericht der Westfälischen Nachrichten macht deutlich, es bewegt sich etwas im Bereich der Sprachförderung. Das ist positiv.
Doch angesichts der bekannten strukturellen Herausforderungen reicht es überhaupt nicht, einzelne Stellschrauben zu drehen.
NRW verfügt über ausreichend Erkenntnisse aus erfolgreichen Modellprojekten. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, diese systematisch und verbindlich in das Regelsystem zu übertragen. Frühförderung ist ein Anfang.
Eine zeitgemäße umfassende Bildungsstrategie ist jedoch mehr als die Summe einzelner Maßnahmen!