Skulptur Projekte 2027: Warum Berg Fidel diesmal sichtbarer werden sollte

Ich erinnere mich noch gut an diesen Spaziergang vor neun Jahren. 2017 waren die Skulptur Projekte in Münster. Wie viele andere Münsteraner war ich mit dem Fahrrad unterwegs, immer auf der Suche nach den manchmal spektakulären, manchmal rätselhaften Kunstwerken, die plötzlich an Orten auftauchten, an denen man sie niemals erwartet hätte. Eines dieser Werke führte mich in den Sternbusch.

Und dann stand da plötzlich ein Haus im Wald. Kein richtiges Haus. Eher ein Gerippe, eine stilisierte Konstruktion, die gleichzeitig deutlich und fast durchsichtig wirkte. Ein Haus, das sich mit seiner Umgebung verband und den Wald spiegelte. Es war das „Fourth House of the House Project since 1974“ des isländischen Künstlers Hreinn Friðfinnsson. Für mich war das genau das, was die Skulptur Projekte so besonders macht: Man musste sich auf den Weg machen. Man musste Münster entdecken. Und plötzlich fand man Kunst an einem Ort, an dem man sie nie erwartet hätte.

Und 2017 gab es tatsächlich noch ein zweites Projekt in Berg Fidel: In einer städtischen Kindertageseinrichtung wurden sieben „Date Paintings“ von On Kawara gezeigt. Das wusste ich damals nicht. Und ich vermute, es wussten viele andere Münsteraner ebenfalls nicht. Das Projekt war bewusst den Kindern vorbehalten. Es war also gar nicht als öffentliches Kunstwerk angelegt. Das macht einen Unterschied deutlich: Das Haus im Sternbusch konnte man entdecken. Das Projekt in der Kita musste man kennen.

Und vielleicht liegt darin eine wichtige Lehre für die kommenden Skulptur Projekte 2027, denn Berg Fidel kommt wieder! Die nächsten Skulptur Projekte werden vom 13. Juni bis zum 3. Oktober 2027 stattfinden. Zum 50. Jubiläum der ersten Ausgabe von 1977 soll die Ausstellung ausdrücklich über die Innenstadt hinausgehen. Und spannend, diesmal wird Berg Fidel sogar ausdrücklich als einer der Schwerpunkte genannt.

Die künstlerische Leitung des Kuratorinnenkollektivs WHW interessiert sich für die „vielen Städte in der Stadt“, für Teilhabe, Ausgrenzung und Gemeinschaft. Die Projekte sollen aus Gesprächen mit lokalen Gemeinschaften, Initiativen und Institutionen entstehen. Die Künstlerin Róza El-Hassan wird dabei sogar an zwei Orten arbeiten: im Botanischen Garten und in Berg Fidel. Ihr Projekt beschäftigt sich mit persönlichen und kollektiven Migrationsgeschichten, mit Flucht und Vertreibung, aber auch mit Schutz, Verletzlichkeit und gegenseitiger Unterstützung. Die besondere Vielfalt von Berg Fidel spielt dabei ausdrücklich eine Rolle. Das finde ich ausgesprochen spannend. Denn damit ist Berg Fidel 2027 nicht einfach irgendein Ausstellungsort. Der Stadtteil selbst wird zum Teil der künstlerischen Auseinandersetzung.

Gerade deshalb würde ich mir wünschen, dass wir in Berg Fidel frühzeitig darüber sprechen. Nicht erst, wenn im Juni 2027 die ersten Besucher mit ihren Fahrrädern vor dem Kunstwerk stehen. Sondern sehr bald. Denn wenn die Skulptur Projekte ihrem eigenen Anspruch folgen wollen, dann sollte Berg Fidel nicht nur Ort einer Kunstinstallation sein. Berg Fidel selbst sollte auch Gastgeber sein. Was könnte daraus entstehen?
  • Vielleicht ein kleiner Kunst- und Stadtteilrundgang.
  • Vielleicht eine Fahrradroute, die vom Aasee oder der Innenstadt nach Berg Fidel führt.
  • Vielleicht eine gute mehrsprachige Beschilderung.
  • Vielleicht Informationen darüber, warum die Künstlerin gerade hier arbeitet.
  • Vielleicht Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern.
  • Vielleicht eine kleine Begleitveranstaltung, bei der Menschen aus Berg Fidel ihren Stadtteil selbst vorstellen.
    Und vor allem: Man sollte wissen, dass es hier etwas zu entdecken gibt.

Ich würde mir wünschen, dass 2027 in der Innenstadt ein Schild steht: Skulptur Projekte Berg Fidel – hier geht’s weiter.

Denn genau das wäre doch der Geist dieser Ausstellung. Die Besucher sollen nicht nur die bekannten Plätze der Innenstadt ablaufen. Sie sollen Münster kennenlernen. Auch die weniger bekannten Seiten und die Stadtteile. Auch die Orte, an denen Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen, zur Schule gehen und ihren Alltag verbringen. Vielleicht fährt dann jemand mit dem Fahrrad aus der Innenstadt nach Berg Fidel. Vielleicht sieht er unterwegs die Häuser, den Stadtteil, den Sternbusch. Vielleicht kommt er mit jemandem ins Gespräch. Und vielleicht entdeckt er dabei nicht nur Kunst. Kunst kann Berg Fidel sichtbarer machen. Das ist für mich eine der großen Chancen der Skulptur Projekte 2027.

Münster wird weltweit als Kunststadt wahrgenommen. Hunderttausende Menschen haben bei früheren Ausgaben die Stadt besucht. Die Ausstellung gehört zu den international bedeutendsten Formaten für Kunst im öffentlichen Raum. 2027 könnte davon noch mehr in den Stadtteilen ankommen. Gerade Berg Fidel hat dabei eine besondere Vorgeschichte. Schon 2017 stand dort dieses geheimnisvolle Haus im Wald. Es war nicht einfach es zu finden. 2027 kommt die Kunst wieder nach Berg Fidel. Diesmal sollten wir dafür sorgen, dass die Menschen auch wissen, wo sie suchen müssen. Und vielleicht ist das gar keine Aufgabe allein für die Organisatoren. Vielleicht ist es eine Aufgabe für uns Münsteraner. Denn die Skulptur Projekte sind schließlich nicht nur eine Ausstellung.
Sie sind auch ein Stück Stadtgesellschaft. Und wenn wieder Menschen aus aller Welt nach Münster kommen, um unsere Stadt und ihre Kunst zu entdecken, dann sollten wir sie nicht nur in der Innenstadt willkommen heißen. Wir sollten ihnen unsere ganze Stadt zeigen. Auch Berg Fidel.

Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn ich 2027 wieder mit dem Fahrrad losfahre, nach Berg Fidel komme – und irgendwo plötzlich etwas entdecke, das mich genauso überrascht wie damals dieses Haus im Wald. Wahrscheinlich ist es diesmal etwas ganz anderes. Aber eines sollte gleich bleiben: Das gute Gefühl, dass Münster wieder für ein paar Monate ein bisschen größer, bunter und weltoffener geworden ist.