Im SPIEGEL findet sich ein Gastbeitrag von Jacob Eder, der mich sehr beschäftigt hat. Der Verfasser fragt, ob Deutschland sich als „Erinnerungsweltmeister“ nicht längst zu bequem eingerichtet hat. Gedenktage, Gedenkstätten und die immer wiederkehrende Formel „Nie wieder“ seien zur Routine geworden, während gleichzeitig das historische Wissen in der Gesellschaft abnehme.
Ich glaube, an dieser Kritik ist etwas dran. Aber ich würde sie etwas anders formulieren: Das Problem ist nicht, dass wir zu viel erinnern. Das Problem beginnt dort, wo Erinnerung zur bloßen Tradition wird. Traditionen sind nicht schlecht. Im Gegenteil. Sie können einer Gesellschaft Halt geben und Werte über Generationen weitertragen. Aber Traditionen leben davon, dass Menschen noch wissen, warum es sie gibt und wofür sie stehen. Wenn dieses Wissen verloren geht, bleibt irgendwann nur noch die Hülle.
Dann wird aus dem Gedenken ein Termin im Kalender. Man stellt sich hin, hält eine Rede, legt einen Kranz nieder, spricht die üblichen Worte – und geht anschließend wieder nach Hause. Irgendwann fragt die nächste Generation: Warum machen wir das eigentlich? Und drei Generationen später heißt es vielleicht: Weg damit. Schluss damit. Das sollte uns Sorgen machen.
Ich habe mich bereits vor einigen Jahren mit dieser Frage auseinandergesetzt. Damals ging es in Hiltrup um die Frage, wie der Volkstrauertag künftig begangen werden sollte. Ich habe die Tradition durchaus kritisch gesehen und ausdrücklich dafür plädiert, ihre Entstehung und ihre Form zu hinterfragen.
Aber ich habe zugleich etwas anderes erlebt. Für mich war der Volkstrauertag nie nur ein Termin im Kalender. Ich kann auf zwei im Krieg gefallene Großväter zurückblicken. Ich kenne Großmütter, die ein Leben lang von den Folgen des Krieges gezeichnet waren. Meine Eltern konnten noch aus eigener Erfahrung von den schwierigen Nachkriegsjahren erzählen. Und in den Niederlanden gibt es Verwandte, deren Widerstand gegen die deutsche Besatzung mit dem Leben bezahlt wurde. Damit wird Geschichte persönlich. Dann ist der Krieg nicht mehr nur eine Zahl in einem Geschichtsbuch. Dann hat er Namen, Gesichter, Familien und Orte. Deshalb habe ich die Hiltruper Gedenkstunde immer als würdig, angemessen und als Ausdruck eines überparteilichen demokratischen Bürgersinns erlebt. Das ist der Unterschied zwischen einem Ritual und einer lebendigen Tradition.
Aber diese unmittelbare Verbindung verschwindet und hier liegt heute die eigentliche Herausforderung. Die Generation, die den Nationalsozialismus und den Krieg selbst erlebt hat, wird immer kleiner. Diejenigen, die Bombennächte, Flucht, Vertreibung, Hunger oder Besatzung erlebt haben, können ihre Erfahrungen immer weniger selbst weitergeben. Und irgendwann wird niemand mehr im Publikum sitzen, der sagen kann: „Ich weiß noch, wie das war.
Was dann? Wir können nicht einfach versuchen, die Vergangenheit immer lauter zu beschwören. Auch ein besonders eindringliches „Nie wieder“ schafft noch keine Erinnerung. Denn Erinnerung muss etwas bedeuten. Sie muss weiterhin Fragen stellen:
Wer waren die Täter?
Wer hat profitiert?
Wer hat weggeschaut?
Wer hat Widerstand geleistet?
Wer wurde verfolgt?
Und vor allem: Was hat das mit uns heute zu tun?
Deshalb brauchen wir Orte, an denen Geschichte konkret wird. Orte, an denen nicht nur über „die NS-Zeit“ gesprochen wird, sondern über Menschen, die tatsächlich hier gelebt haben. Über Zwangsarbeiter, über jüdische Familien, über Verfolgte, über Täter und Mitläufer. Ein Gedenkort muss deshalb mehr sein als eine Stele mit einer Jahreszahl. Er muss Begegnung ermöglichen:
Mit einem Namen.
Mit einem Foto.
Mit einem Brief.
Mit einem Gegenstand.
Mit einer Biografie.
Mit einem Ort, an dem tatsächlich etwas geschehen ist.
Nicht, weil wir die Vergangenheit künstlich dramatisieren wollen. Sondern weil Menschen sich leichter mit konkreten Schicksalen auseinandersetzen als mit abstrakten Zahlen. Dabei geht es längst nicht nur um die Vergangenheit. Ressentiments und Intoleranz wachsen dort besonders leicht, wo Unkenntnis und Angst zusammentreffen. Wer den anderen nicht kennt, kann ihn leichter zum Fremden machen. Dann gibt es plötzlich „die Ausländer“, „die Flüchtlinge“, „die Muslime“. Abstrakte Gruppen lassen sich leichter ablehnen als Menschen, die man kennt.
Deshalb halte ich eine andere Konsequenz aus unserer Geschichte für mindestens ebenso wichtig wie das Gedenken: Wir müssen jungen Menschen ermöglichen, andere Menschen und andere Länder kennenzulernen. Ich würde mir deshalb wesentlich mehr Schüleraustausch in Europa wünschen.
Eigentlich müsste es selbstverständlich sein, dass junge Menschen während ihrer Schulzeit mehrfach die Möglichkeit bekommen, für zwei, drei oder vier Wochen in einem anderen europäischen Land zu leben. Nicht nur die besonders guten Schülerinnen und Schüler. Nicht nur diejenigen, deren Eltern das finanzieren können. Alle!
Am besten in Gastfamilien, gemeinsam mit Jugendlichen des anderen Landes und eingebunden in deren normalen Schulalltag. Einmal Frankreich. Vielleicht später Polen. Oder Spanien, Tschechien, die Niederlande, Italien. Und mindestens eine europäische Fremdsprache sollte wirklich gut beherrscht werden. Eine zweite sollte zumindest in Grundzügen gelernt werden. Das wäre europäische Friedenspolitik. Denn wer mehrere Wochen in einer französischen, polnischen oder niederländischen Familie gelebt hat, wird diese Menschen anschließend anders betrachten und wahrscheinlich nie wieder vergessen.
Europa ist nicht nur eine politische Institution. Europa ist auch eine historische Antwort auf eine Katastrophe. Deutschland hatte nach 1945 dabei ein außergewöhnliches Glück. Unsere Nachbarländer hätten allen Grund gehabt, Deutschland dauerhaft mit Misstrauen zu begegnen. Zwei Weltkriege waren von deutschem Boden ausgegangen. Europa war mit unermesslichem Leid überzogen worden. Und trotzdem haben unsere Nachbarn irgendwann einen anderen Weg eingeschlagen: Versöhnung statt Vergeltung. Zusammenarbeit statt Feindschaft. Europäische Einigung statt neuer Nationalismen. Dass dies möglich wurde, war keine Selbstverständlichkeit. Wir sollten dieses Vertrauen nicht als historischen Normalzustand betrachten.
Gerade deshalb macht mir die heutige Entwicklung Sorgen, wenn Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und die Abwertung anderer Menschen wieder stärker werden. Ein demokratisches Europa ist nicht automatisch für alle Zeiten gesichert. „Nie wieder“ muss mehr sein als ein Satz. Wir müssen uns mit der Geschichte auseinandersetzen, auch wenn sie unangenehm ist. Wir müssen Täter und Opfer unterscheiden. Wir müssen wissen wollen, was an unserem eigenen Wohnort geschehen ist. Wir müssen verhindern, dass aus deutscher Tätergeschichte irgendwann wieder eine bequeme Opfergeschichte wird.