Was uns das "Bauhaus" heute noch zu sagen hat - und warum bezahlbares Wohneigentum vielleicht weniger eine Frage des Wollens als eine Frage des Könnens ist

100 Jahre Bauhaus! Ich war am Landtagswahl Wochenende in Dessau beim Bauhaus Fest und habe mir das Bauhaus Museum, die Meisterhäuser und das historische Bauhaus Gebäude angesehen. Natürlich gehört zu einem solchen Besuch auch die Siedlung Dessau Törten, die zwischen 1926 und 1928 nach Plänen von Walter Gropius entstanden ist. Was zunächst wie ein Ausflug in die Architekturgeschichte wirkt, bekommt erstaunlich schnell eine aktuelle Dimension. Denn in Törten ging es vor fast hundert Jahren um eine Frage, die uns heute wieder beschäftigt: Wie kann man guten Wohnraum so bauen, dass ihn sich Menschen mit normalen Einkommen leisten können – und zwar nicht nur zur Miete, sondern als eigenes Zuhause?

Um zu verstehen, warum Törten entstanden ist, muss man sich die Situation der damaligen Zeit vor Augen führen. Deutschland litt nach dem Ersten Weltkrieg unter einem erheblichen Wohnungsmangel, und auch Dessau stand vor der Aufgabe, möglichst schnell zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Es ging dabei nicht um eine kleine architektonische Versuchsanordnung für ein wohlhabendes Publikum, sondern um ein gesellschaftliches Problem von großer Bedeutung: Viele Menschen brauchten Wohnungen, die sie sich tatsächlich leisten konnten. Die Stadt Dessau suchte deshalb nach neuen Wegen und gab dem Bauhaus die Möglichkeit, in Törten ein neuartiges Wohnungsbaukonzept zu erproben.

Törten war deshalb weit mehr als eine Ansammlung ungewöhnlicher Bauhaus-Häuser. Die Siedlung war ein Experiment, in dem die Frage im Mittelpunkt stand, ob sich Wohnhäuser rationeller, schneller und kostengünstiger herstellen lassen, ohne dabei auf gute Wohnqualität verzichten zu müssen. Walter Gropius und seine Mitarbeiter setzten auf standardisierte Grundrisse, eine möglichst weitgehende Rationalisierung der Bauabläufe und neue Formen der industriellen Fertigung. Die Häuser waren mit 57 bis 75 Quadratmetern für uns heute vergleichsweise klein, aber total funktional geplant und mit Nutzgärten ausgestattet. In kurzer Zeit entstanden 314 Reihenhäuser, fast alle erhalten bis heute. Das Ziel war nicht, möglichst repräsentative Häuser zu schaffen, sondern bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit normalen Einkommen.

Besonders interessant wird Törten aus heutiger Sicht dadurch, dass es nicht um Mietwohnungen ging. Die Häuser waren als Eigenheime für ihre Bewohner gedacht. Damit verband das Projekt zwei Ziele, die wir heute häufig getrennt betrachten: die Schaffung bezahlbaren Wohnraums und den Aufbau von Wohneigentum. Genau dieser Zusammenhang hat mich bei meinem Besuch in Dessau besonders beschäftigt.

Denn heute hören wir immer wieder, dass viele Menschen gar kein eigenes Haus oder keine eigene Wohnung mehr wollten. Sie seien lieber flexibel, wollten sich nicht langfristig binden oder würden die Vorteile des Mietens schätzen. Das trifft sicherlich auf einen Teil der Bevölkerung zu. Aber ich frage mich, ob wir bei dieser Diskussion nicht gelegentlich Ursache und Wirkung verwechseln. Wenn eine junge Familie feststellen muss, dass selbst eine vergleichsweise bescheidene Eigentumswohnung mehrere hunderttausend Euro kostet, das Grundstück einen erheblichen Teil des Preises ausmacht, die Finanzierung hohe monatliche Belastungen verursacht und zusätzlich beträchtliches Eigenkapital erforderlich ist, dann ist die Entscheidung für die Miete nicht unbedingt eine freie Entscheidung.

Vielleicht müssten wir deshalb eine andere Frage stellen. Nicht: Warum wollen so viele Menschen kein Eigentum mehr? Sondern: Warum können sich so viele Menschen Eigentum nicht mehr leisten? Das ist für mich ein entscheidender Unterschied. Denn ich bin keineswegs davon überzeugt, dass der Wunsch nach einem eigenen Zuhause verschwunden ist. Vielleicht haben wir vielmehr aufgehört, den Menschen ein Angebot zu machen, das sie sich mit einem normalen Einkommen leisten können. Und damit sind wir wieder bei Törten – und bei einer Frage, die heute noch genauso entscheidend ist wie damals: dem Boden.
Wer bezahlbaren Wohnraum schaffen will, kann über Baukosten, Grundrisse, Bauverfahren und Standards diskutieren, so viel er möchte. Wenn der Baugrund selbst bereits einen großen Teil der späteren Wohnkosten ausmacht, stößt jedes Konzept irgendwann an seine Grenzen. Genau deshalb lohnt es sich, über die Rolle der Kommunen beim Boden neu nachzudenken.

Heute verkaufen Städte ihre Grundstücke häufig und erzielen damit kurzfristig Einnahmen. Das ist verständlich, denn auch Kommunen müssen ihre Haushalte finanzieren. Gleichzeitig führt der Verkauf von Bauland aber dazu, dass der Bodenpreis Bestandteil des späteren Kaufpreises wird. Wer Wohneigentum schaffen will, muss dann nicht nur das Haus finanzieren, sondern gleichzeitig einen immer teurer werdenden Grund und Boden. Warum sollte eine Kommune deshalb nicht häufiger einen anderen Weg gehen? Sie könnte den Boden dauerhaft in öffentlicher Hand behalten und beispielsweise über langfristige Erbbaurechte zur Verfügung stellen. Die Bürgerinnen und Bürger würden ihr Haus oder ihre Wohnung erwerben und damit tatsächlich Eigentum aufbauen, während der Boden nicht zum Spekulationsobjekt werden müsste. Das wäre keine Rückkehr zu den 1920er-Jahren. Es wäre vielmehr eine moderne Weiterentwicklung eines Gedankens, der auch in Törten eine Rolle spielte: Die öffentliche Hand schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen zu einem bezahlbaren eigenen Zuhause kommen können.

Natürlich können wir die Siedlung Törten heute nicht einfach kopieren. Die Anforderungen an Energieeffizienz, Barrierefreiheit, Mobilität und Wohnkomfort sind andere als vor hundert Jahren, ebenso die Lebensentwürfe und Familienstrukturen. Auch die damalige Siedlung war keineswegs frei von Problemen und Kritik. Aber das Grundprinzip halte ich für bemerkenswert aktuell: Nicht jedes Haus muss ein individuelles Einzelstück sein, wenn das Ziel darin besteht, möglichst vielen Menschen gutes Wohnen zu ermöglichen.

Vielleicht brauchen wir deshalb so etwas wie ein „Bauhaus 2.0“. Nicht als architektonischen Stil und schon gar nicht als nostalgische Rückkehr zu Gropius, sondern als neues Denken über die Frage, wie wir bezahlbares Wohneigentum ermöglichen können. Dazu könnten standardisierte und zugleich flexible Haustypen gehören, serielles und modulares Bauen, vernünftige Wohnungsgrößen und eine konsequente Konzentration auf das, was Menschen zum guten Wohnen tatsächlich brauchen. Vor allem aber gehört dazu eine Bodenpolitik, die den Grundstückspreis nicht automatisch zum größten Hindernis macht.

Das wäre auch für wachsende Städte interessant. Nehmen wir Münster als Beispiel: Wenn neue Wohngebiete entstehen, wird meist darüber gesprochen, wie viele Wohnungen dort geschaffen werden können und wie sich der dringend benötigte Wohnraum verteilen lässt. Man könnte die Perspektive aber erweitern und zusätzlich fragen, wie man in solchen Quartieren Menschen mit normalen Einkommen die Chance geben kann, sich langfristig ein eigenes Zuhause und damit auch Vermögen aufzubauen. Das wäre mehr als klassische Wohnungspolitik. Es wäre zugleich Stadtentwicklungs-, Familien- und Wirtschaftspolitik. Eine Stadt, die jungen Familien, Schwimmmeistern und Feuerwehrleuten, Handwerkerinnen und Handwerkern, Lehrerinnen und Lehrern oder Beschäftigten anderer wichtiger Berufe eine realistische Perspektive auf Wohneigentum bieten kann, schafft damit möglicherweise auch einen Standortvorteil. Menschen ziehen dorthin, arbeiten dort, zahlen Steuern, ihre Kinder besuchen dort Schulen und Kitas, sie kaufen vor Ort ein und engagieren sich in Vereinen und Nachbarschaften. Bezahlbares Wohneigentum kann damit ein Instrument sein, mit dem eine Stadt ihre eigene Zukunft mitgestaltet.

Gerade deshalb finde ich die Diskussion darüber, ob die Menschen heute überhaupt noch Eigentum wollen, zu kurz gegriffen. Natürlich wird es immer Menschen geben, die lieber zur Miete wohnen. Das ist eine legitime und für viele Lebenssituationen sinnvolle Entscheidung. Aber daraus sollte nicht der Schluss gezogen werden, dass die Politik den Wunsch nach Eigentum nicht mehr ernst nehmen muss. Vielleicht müssen wir vielmehr dafür sorgen, dass aus einem Wunsch wieder eine realistische Möglichkeit wird.

Mein Besuch in Törten hat mir jedenfalls gezeigt, dass diese Frage keineswegs neu ist. Vor hundert Jahren standen die Verantwortlichen in Dessau vor einem massiven Wohnungsproblem und haben nicht einfach akzeptiert, dass bezahlbares Wohnen schwierig sei. Sie haben versucht, anders zu bauen, anders zu planen und die Möglichkeiten der öffentlichen Hand zu nutzen. Das Ergebnis steht noch heute in Dessau und macht sichtbar, was damals möglich war, als man bereit war, Wohnen nicht nur als individuelles Marktproblem, sondern als gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten.

Für mich liegt darin eine Erkenntnis. Wir müssen nicht so bauen wie vor hundert Jahren. Wir müssen auch nicht das Bauhaus romantisieren. Aber wir könnten uns wieder stärker von der damaligen Haltung inspirieren lassen: Wenn ein gesellschaftliches Problem nicht zufriedenstellend gelöst ist, muss man nicht nur darüber reden, sondern neue Modelle ausprobieren. Und vielleicht sollten wir die Frage nach Wohneigentum neu stellen. Nicht als Gegensatz zur Miete und nicht als Versprechen, dass jeder Mensch ein Einfamilienhaus besitzen müsse. Sondern als Frage der sozialen Teilhabe: Warum sollte es Menschen mit normalen Einkommen nicht möglich sein, sich durch Wohnen ein Stück Sicherheit und Vermögen für ihr eigenes Leben aufzubauen? Vor 100 Jahren war die Antwort des Bauhauses darauf ein Experiment in Dessau-Törten. Heute haben wir andere technische Möglichkeiten und andere gesellschaftliche Bedingungen. Was uns vielleicht fehlt, ist nicht die Fähigkeit zu bauen, sondern der Mut, wieder konsequent darüber nachzudenken, wie wir bauen müssen, damit sich Menschen mit normalen Einkommen ein eigenes Zuhause leisten können.