Wie eine Idee von 1906 bis heute Münsters Trinkwasser sichert

Wer in Hiltrup in der Hohen Ward spazieren geht, ahnt kaum, dass sich dort eine der nachhaltigsten technischen Anlagen Münsters verbirgt. Seit über 120 Jahren sorgt das Wasserwerk Hohe Ward dafür, dass hunderttausende Menschen zuverlässig mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Was damals als mutige Investition begann, erweist sich heute – im Zeitalter des Klimawandels – als erstaunlich weitsichtig. Als das Wasserwerk 1906 seinen Betrieb aufnahm, stand vor allem die Versorgung einer wachsenden Stadt im Mittelpunkt. Niemand sprach von Nachhaltigkeit oder Klimaanpassung. Und doch entstand hier ein System, das genau diese Eigenschaften besitzt.

Der Schlüssel liegt in der künstlichen Grundwasseranreicherung. Das Wasserwerk entnimmt Wasser aus dem Dortmund-Ems-Kanal. Ein erheblicher Teil dieses Kanalwassers stammt aus dem Einzugsgebiet der Lippe. Doch dieses Wasser fließt nicht direkt in unsere Wasserhähne. Zunächst wird es vorgereinigt und anschließend in große Versickerungsbecken geleitet. Dort beginnt ein Prozess, den keine technische Filteranlage besser beherrscht als die Natur selbst. Langsam sickert das Wasser durch die sand- und kieshaltigen Böden der Hohen Ward. Auf seinem Weg durch den Untergrund wird es über Wochen hinweg auf natürliche Weise gefiltert und gereinigt. Erst danach wird es über Förderbrunnen wieder gewonnen, aufbereitet und als hochwertiges Trinkwasser in das Versorgungsnetz eingespeist.

Dieses Verfahren bietet gleich mehrere Vorteile:

Zum einen wird der natürliche Wasserkreislauf genutzt, anstatt ihn zu ersetzen. Der Boden übernimmt einen wesentlichen Teil der Reinigung und dient gleichzeitig als riesiger Wasserspeicher. Dadurch reagiert das System deutlich gelassener auf kurzfristige Wetterextreme. Während ein Fluss nach wenigen Tagen Trockenheit erheblich weniger Wasser führen kann, befindet sich unter der Hohen Ward bereits ein über Wochen aufgebauter natürlicher Wasservorrat.

Gerade im Klimawandel zeigt sich die Stärke dieses Konzepts. Natürlich bleibt auch die Hohe Ward von den Folgen des Klimawandels nicht unberührt. Längere Trockenperioden, heißere Sommer, geringere Wasserstände und steigende Wasserverbräuche stellen die Wasserversorgung vieler Regionen vor neue Herausforderungen.

Ein berechtigter Einwand lautet deshalb: Was passiert, wenn die Lippe künftig weniger Wasser führt? Kommt dann im Kanal auch weniger Wasser in Münster an? Tatsächlich besteht dieses Risiko grundsätzlich. Der Klimawandel führt zu längeren Trockenperioden, geringeren Sommerabflüssen, höheren Temperaturen und einer stärkeren Verdunstung. Dadurch kann der Wasserstand der Lippe sinken. Doch genau hier zeigt sich erneut die Weitsicht des gesamten Systems. Die Lippe gehört zu den am stärksten wasserwirtschaftlich gesteuerten Flüssen Deutschlands. In ihrem Oberlauf liegen mehrere große Talsperren – darunter die Möhne-, Sorpe-, Henne- und Biggetalsperre. Sie dienen nicht nur dem Hochwasserschutz und der Trinkwasserversorgung, sondern geben in trockenen Zeiten gezielt Wasser ab. Dadurch werden Mindestabflüsse in der Lippe sichergestellt und die Wasserführung wesentlich stabiler gehalten, als dies bei einem natürlichen Fluss der Fall wäre.

Auch der Dortmund-Ems-Kanal wird aktiv bewirtschaftet. Zusammen mit der natürlichen Speicherung des Wassers im Untergrund entsteht so ein mehrstufiges Sicherheitssystem. Das Wasserwerk ist deshalb nicht von den Schwankungen eines einzelnen heißen Sommertages abhängig, sondern verfügt über einen natürlichen Puffer, der über Wochen und Monate aufgebaut wird. Es bleiben aber zukünftige Herausforderungen: Höhere Temperaturen können die Wasserqualität in Flüssen und Kanälen beeinflussen. Deshalb investieren die Stadtwerke kontinuierlich in moderne Aufbereitungstechnik, digitale Überwachung und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen. Nachhaltigkeit bedeutet eben nicht Stillstand, sondern die Bereitschaft, Bewährtes immer wieder an neue Bedingungen anzupassen. Nachhaltigkeit entsteht nicht erst durch moderne Schlagworte oder neue Technologien. Manchmal beginnt sie mit einer klugen Entscheidung, die Generationen überdauert.

Vor mehr als einem Jahrhundert schufen Ingenieure und Stadtplaner in Hiltrup ein Wasserwerk, das nicht gegen die Natur arbeitet, sondern mit ihr. Sie nutzten die Filterkraft des Bodens, schufen einen natürlichen Wasserspeicher und legten damit den Grundstein für eine sichere Trinkwasserversorgung bis weit ins 21. Jahrhundert. Heute liefert die Hohe Ward rund ein Viertel des Münsteraner Trinkwassers. Das ist nicht nur eine technische Leistung. Es ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie langfristiges Denken, verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen und kontinuierliche Modernisierung zusammenwirken können. Gerade in einer Zeit, in der häufig über Krisen und Probleme gesprochen wird, lohnt sich der Blick auf diese Erfolgsgeschichte vor unserer Haustür.