Wohnen statt Leerstand – Münster kann neue Chancen nutzen

Deutschland diskutiert über den Wohnungsmangel. Gleichzeitig stehen immer mehr Büroflächen leer oder werden in den kommenden Jahren frei. Was auf den ersten Blick wie zwei voneinander unabhängige Entwicklungen aussieht, könnte sich gerade für Münster als große Chance erweisen. Eine ARD-Reportage beschäftigt sich in diesen Tagen mit genau diesem Thema: der Umwandlung leerstehender Bürogebäude in Wohnraum. Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, könnte Münster bereits in einer besonderen Ausgangsposition sein. Mit dem Bau des Stadthauses 4 entstehen moderne Arbeitsplätze für die Stadtverwaltung. Gleichzeitig werden nach und nach bislang angemietete Büroflächen nicht mehr benötigt. Parallel wächst am Dreieckshafen das neue KontorQuartier mit einem markanten Hochhaus und mehreren weiteren Bürogebäuden. Ein Teil der Flächen wird vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe genutzt, ein erheblicher Teil steht aber auch anderen Unternehmen zur Verfügung.

Für den Büromarkt bedeuten diese Projekte Bewegung, denn Unternehmen ziehen bevorzugt in moderne, energieeffiziente Gebäude. Dadurch können ältere Bürohäuser leer werden oder sich zumindest schwerer vermieten lassen. Was für Eigentümer zunächst eine Herausforderung ist, könnte für den Wohnungsmarkt eine große Chance sein. Münster leidet seit Jahren unter einem angespannten Wohnungsmarkt. Neue Baugebiete sind wichtig, sie benötigen aber viele Jahre Planung und erschließen immer neue Flächen. Gleichzeitig existieren in der Stadt Gebäude, deren ursprüngliche Nutzung möglicherweise ausläuft oder sich grundlegend verändert.

Wir haben bereits über das ehemalige Gefängnis an der Gartenstraße berichtet. Auch dort stellt sich die Frage, welche Zukunft ein solcher Standort einmal haben könnte. Warum sollte die Diskussion nicht grundsätzlich geführt werden? Nicht jedes Bürogebäude eignet sich für Wohnungen. Manche Grundrisse sind zu tief, manche Gebäude technisch ungeeignet oder wirtschaftlich nicht sinnvoll umzubauen. Aber genau deshalb sollte die Stadt frühzeitig prüfen, welche Gebäude überhaupt Potenzial besitzen. Andere Städte beginnen bereits damit. Der Bund unterstützt inzwischen sogar die Umwandlung von Gewerbeimmobilien in Wohnraum mit eigenen Förderprogrammen. Vielleicht braucht Münster deshalb keinen neuen Masterplan für immer weitere Baugebiete, sondern zunächst einen Gebäudeatlas der Möglichkeiten. Welche Bürohäuser könnten künftig Wohnraum werden? Welche Verwaltungsgebäude könnten nach einem Auszug eine neue Nutzung erhalten? Welche ehemaligen öffentlichen Gebäude lassen sich zu Wohnungen, studentischem Wohnen oder generationengerechten Quartieren entwickeln? Nachhaltigkeit bedeutet schließlich nicht nur energieeffizient zu bauen. Nachhaltigkeit bedeutet auch, das weiterzuentwickeln, was bereits vorhanden ist. Münster war in der Vergangenheit häufig Vorreiter bei innovativer Stadtentwicklung. Warum sollte die Stadt nicht auch Vorreiter beim intelligenten Umbau bestehender Gebäude werden?

Der Wohnungsmarkt braucht neue Ideen. Vielleicht stehen einige davon längst mitten in unserer Stadt – sie tragen heute nur noch ein Firmenschild an der Fassade.