Früher war alles besser - wirklich? Folge 5: Mofas, Scooter und das verlorene Gefühl fürs Risiko

Ich gehöre noch zu der Generation, die ganz ohne Führerschein Mofa fahren durfte. Das Mofa war damals das, was heute der E-Scooter ist: Freiheit auf zwei Rädern, Treffpunkt der Jugend, ein Stück Unabhängigkeit. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 25 km/h. Uns wurde erklärt, alles darüber sei zu gefährlich. Gleich hinter der Grenze in den Niederlanden waren jedoch 40 km/h erlaubt. Das machte die deutsche Begründung für uns damals nicht gerade überzeugender, zumal wir in Enschede alle Teile kaufen konnten, um unsere „Brommer“ zu frisieren.

Wenn ich heute die E-Scooter sehe, wundert mich das hohe Unfallrisiko allerdings überhaupt nicht. Winzige Räder, die schon an kleinen Bordsteinen oder Schlaglöchern an ihre Grenzen kommen. Dazu eine stehende Fahrposition mit einem extrem hohen Schwerpunkt. Wer abrupt bremsen muss oder mit dem Vorderrad hängen bleibt, wird im wahrsten Sinne des Wortes über den Lenker katapultiert. Genau das bestätigt jetzt auch eine große britische Studie mit über 38.000 ausgewerteten Datensätzen zu Scooter Unfällen. Das Ergebnis ist alarmierend: E-Scooter-Fahrer erleiden deutlich häufiger schwere Kopfverletzungen als Motorrad- oder Radfahrer. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Fast niemand trägt einen Helm.

Was mich sehr beschäftigt, ist etwas anderes: Haben wir unseren Jüngsten das Gefühl für Risiko genommen? Wir haben sogar Spielplätze immer sicherer gemacht, überall Fallschutzmatten, Geländer, Vorschriften und Warnhinweise. Natürlich ist das gut gemeint. Aber vielleicht haben sie dabei ungewollt auch etwas Wichtiges verloren: die Fähigkeit, Gefahren richtig einzuschätzen. Wer nie lernt, dass eigenes Verhalten Konsequenzen hat, fühlt sich schnell unverwundbar. Genau diesen Eindruck habe ich oft, wenn ich Jugendliche auf E-Scootern beobachte: zu zweit auf einem Roller, ohne Helm, mit dem Handy in der Hand, quer über Kreuzungen oder Gehwege. Nicht aus Bosheit, sondern weil das Risiko gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Andere Länder haben bereits reagiert. Italien hat die Regeln deutlich verschärft – mit Helmpflicht für viele Nutzer, Kennzeichen und strengeren Kontrollen. Über die italienische Regierung kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber bei diesem Thema setzt sie aus meiner Sicht ein richtiges Signal. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, den E-Scooter nicht länger als harmloses Freizeitgerät zu betrachten. Er ist ein Verkehrsmittel – mit allen Chancen, aber eben auch mit erheblichen Risiken. Und wer Verantwortung im Straßenverkehr übernimmt, sollte das auch zeigen: mit einem Helm, mit Rücksicht und mit dem Bewusstsein, dass Physik sich nicht überlisten lässt. Manchmal ist die wichtigste Innovation eben nicht ein neues Fahrzeug – sondern der gute alte Menschenverstand.