In meinem sozialen Umfeld wissen natürlich alle, das ich mich seit vielen Jahren in der SPD engagiere. Beherrschendes Thema gestern und heute: „Was sagst du zum Ausgang des Bürgerentscheids vom Wochende?“
Deshalb hier eine Meinungsäußerung zum Thema:
Der Bürgerentscheid zur Umbenennung mehrerer Straßen im Marineviertel ist entschieden. Für viele Beteiligte – auf allen Seiten – war dieser Prozess emotional belastend. Für uns als SPD in Münster und auch hier vor Ort in Hiltrup stellt sich nun die Frage: Was lernen wir aus diesem Verfahren – jenseits des Ergebnisses?
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, das Anliegen selbst infrage zu stellen. Die kritische Auseinandersetzung mit Geschichte, Verantwortung und demokratischen Werten ist und bleibt richtig. Sie gehört zu unserem sozialdemokratischen Selbstverständnis. Aber politische Klugheit bemisst sich nicht nur am Ziel, sondern auch an Zeitpunkt, Verfahren und gesellschaftlicher Stimmung.
Aus meiner Sicht besonders relevant: Der Zeitpunkt
Rückblickend müssen wir feststellen: Der Zeitpunkt des Bürgerentscheids war politisch ungünstig. Viele Bürgerinnen und Bürger in Münster – auch bei uns in Hiltrup – erleben diese Jahre als eine Phase permanenter Veränderungen und Verunsicherungen. Pandemie, Krieg, steigende Preise, Diskussionen um Energie, Mobilität und Stadtentwicklung: All das prägt den Alltag und erzeugt ein starkes Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Konstanz.
In einer solchen Situation werden zusätzliche Veränderungen im direkten Lebensumfeld oft skeptisch betrachtet – selbst dann, wenn sie gut begründet sind. Straßenumbenennungen betreffen ganz konkret Adressen, Orientierung, Gewohnheiten und oft auch persönliche Bindungen. In einer Phase ausgeprägter Reformmüdigkeit wird das schnell als Überforderung empfunden.
Emotionale Grundstimmung und lokale Wahrnehmung
Ich empfinde die emotionale Grundstimmung eher so, das viele Menschen derzeit sensibel auf veränderte Bewertungen historischer Zusammenhänge reagieren. Nicht aus Ablehnung demokratischer Werte, sondern aus dem Gefühl heraus, dass Vertrautes immer wieder neu infrage gestellt wird.
Gerade in Münster, einer Stadt mit starkem lokalem Selbstverständnis und gewachsenen Quartieren, spielt Identifikation eine große Rolle. Das Marineviertel ist für viele nicht nur ein politischer, sondern ein persönlicher Ort. Diese emotionale Dimension wurde im Prozess möglicherweise unterschätzt.
Bürgerentscheid als Instrument
Ein Bürgerentscheid ist ein wichtiges demokratisches Mittel. Gleichzeitig ist er ein sehr hartes Instrument: komplexe Fragen werden auf ein Ja oder Nein reduziert. In angespannten gesellschaftlichen Zeiten führt das oft dazu, dass der Wunsch nach Bewahrung stärker mobilisiert wird als der Wille zur Veränderung. Wer unsicher ist, entscheidet sich häufig für den bekannten Zustand.
Vielleicht wäre ein anderer Weg zielführender gewesen: mehr Zeit für den gesamten Prozess, mehr Dialog, mehr erklärende Formate, etwa durch Ausstellungen, Stadtteilgespräche oder eine stärkere historische Einordnung vor einer formalen Entscheidung.
Unser Fazit als SPD vor Ort
Die SPD hat die Umbenennung aus guten Gründen unterstützt. Dazu stehen wir. Gleichzeitig sollten wir selbstkritisch anerkennen:
- Der Zeitpunkt traf auf eine wenig reformfreudige Gesellschaft.
- Das Bedürfnis vieler Menschen nach Stabilität wurde unterschätzt.
- Der Bürgerentscheid hat Gräben eher sichtbar gemacht als geschlossen.
Das bedeutet nicht, dass die Debatte abgeschlossen ist. Die Auseinandersetzung mit Geschichte bleibt notwendig – auch in Münster und auch in Hiltrup. Aber wir sollten daraus lernen, wann wir solche Themen auf die politische Agenda setzen und wie wir sie führen: mit mehr Zeit, mehr Zuhören und mehr Sensibilität für die Stimmung vor Ort.
Politische Verantwortung zeigt sich nicht nur im richtigen Anliegen, sondern auch darin, die Menschen mitzunehmen – gerade dann, wenn die Zeiten unruhig sind.