Aktuelles
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Planen wir unsere Stadt noch mit den Kinderzahlen von gestern?
Sinkende Geburtenzahlen, geschlossene Kitas und veränderte Bevölkerungsprognosen: Münster muss seine langfristige Infrastrukturplanung überprüfen. Dabei geht es nicht einfach darum, weniger Plätze vorzuhalten. Es geht darum, rechtzeitig die richtigen Entscheidungen für die Zukunft unserer Stadt zu treffen.
Münster wächst. So lautet die zentrale Botschaft der aktuellen Bevölkerungsprognose der Stadt. Bis 2035 soll die Einwohnerzahl weiter steigen. Doch hinter diesem gesamtstädtischen Wachstum verbirgt sich eine Entwicklung, die für die Zukunft unserer Stadt von erheblicher Bedeutung ist: Die Altersgruppen entwickeln sich sehr unterschiedlich. Während die Zahl älterer Menschen zunimmt, werden wichtige jüngere Jahrgänge kleiner. Dass dies keine theoretische Überlegung mehr ist, zeigt sich bereits heute bei den Kindertageseinrichtungen. Die Stadt Münster verzeichnet einen deutlichen Rückgang der Kinderzahlen. Innerhalb eines Kitajahres sank die Zahl der unter Sechsjährigen von 16.261 auf 15.199. Acht Kindertageseinrichtungen wurden seit 2025 bereits geschlossen, weitere Schließungen sind vorgesehen.
Damit erleben wir einen bemerkenswerten Wechsel: Noch vor wenigen Jahren standen der Mangel an Betreuungsplätzen und der notwendige Ausbau der Kita-Infrastruktur im Mittelpunkt. Jetzt müssen Einrichtungen wegen fehlender Nachfrage schließen. Das hat Folgen für Träger, Beschäftigte und Familien, aber auch für die kommunale Planung. Die Entwicklung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Planen wir unsere Infrastruktur noch auf Grundlage von Annahmen, die inzwischen von der tatsächlichen Entwicklung überholt werden?
Die aktuelle Bevölkerungsprognose der Stadt Münster bis 2035 zeigt ein differenziertes Bild. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen entwickelt sich keineswegs einheitlich. Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung bei den Schulkindern: Für die Altersgruppe der Sechs- bis Neunjährigen wird bis 2035 ein Rückgang um 9,5 Prozent erwartet. Bevölkerungsprognosen sind keine sicheren Vorhersagen. Sie beruhen auf Annahmen über Geburten, Sterbefälle, Zu- und Fortzüge sowie die Bautätigkeit. Gerade deshalb müssen sie regelmäßig mit der tatsächlichen Entwicklung abgeglichen und bei Bedarf angepasst werden.
Es wäre fahrlässig, langfristige Investitionsentscheidungen einfach auf Grundlage älterer Prognosen fortzuschreiben. Besonders sorgfältig müssen wir bei der Entwicklung unserer Schulen hinschauen. Dabei ist allerdings eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die Grundschulen haben andere Voraussetzungen als die weiterführenden Schulen. Die räumliche Verteilung der Kinder, neue Wohngebiete und der Ausbau des Ganztags bestimmen hier den Bedarf ganz wesentlich. Bei den weiterführenden Schulen stellt sich zusätzlich die Frage, wie wir vorhandene Schulgebäude an moderne pädagogische Anforderungen anpassen.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Weil das Thema auch weiterhin heiß diskutiert wird: Die unterschätzte Klimafrage der Berliner Wohnungsvergesellschaftung
Die Berliner Debatte über die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände droht meiner Meinung nach einen entscheidenden Zielkonflikt zu unterschätzen: Wer dauerhaft niedrige Mieten garantieren, gleichzeitig die Kosten einer Vergesellschaftung tragen und einen riesigen Altbaubestand energetisch sanieren will, braucht dafür enorme finanzielle Spielräume. Werden diese Spielräume zu eng, könnte ausgerechnet die notwendige Klimasanierung zum Verlierer werden. Das wäre weit mehr als ein technisches Problem der Gebäudewirtschaft. Es wäre eine soziale, finanzielle und klimapolitische Frage. Denn wenn energetische Sanierungen ausbleiben, verschwinden die Kosten nicht. Sie verlagern sich auf die Bewohner, auf den öffentlichen Haushalt und auf die Zukunft.
Die Vergesellschaftung wird vor allem unter sozialen und finanziellen Gesichtspunkten diskutiert. Im Mittelpunkt stehen bezahlbare Mieten, die Frage nach dem Umgang mit großen privaten Wohnungsbeständen und die Verantwortung des Staates für eine soziale Wohnungspolitik. Dahinter steht ein nachvollziehbarer Gedanke: Wohnen ist ein elementares Bedürfnis und darf nicht allein den Regeln eines renditeorientierten Immobilienmarktes überlassen werden. Doch die Eigentumsfrage ist nur der erste Schritt. Berlin würde mit der Übernahme großer Wohnungsbestände nicht nur Wohnungen erwerben, sondern auch die Verantwortung für deren bauliche und energetische Zukunft übernehmen. Und genau diese Zukunft ist anspruchsvoll!
Berlin verfügt über einen enormen Bestand an älteren Wohngebäuden. Gerade bei den zahlreichen Altbauten ist der energetische Zustand sehr unterschiedlich, und ein erheblicher Teil der Gebäude wird den Anforderungen einer weitgehend klimaneutralen Wärmeversorgung noch nicht gerecht. Die notwendige Transformation ist gewaltig. Es geht nicht nur um den Austausch einzelner Heizungen. Dächer, Fassaden und Kellerdecken müssen gedämmt, Fenster erneuert, Heizsysteme umgestellt und Gebäude teilweise an neue Wärmeinfrastrukturen angeschlossen werden. Hinzu kommen Photovoltaik, eine bessere Gebäudetechnik und zahlreiche weitere Maßnahmen. Das alles kostet erhebliche Summen. Gleichzeitig sind diese Investitionen nicht beliebig aufschiebbar. Ein unsaniertes Gebäude bleibt nicht einfach auf dem heutigen Kosten- und Emissionsniveau stehen. Je länger die Sanierung ausbleibt, desto länger wird fossile Energie verbraucht. Mit der CO₂-Bepreisung steigen zugleich die Kosten dieser fossilen Wärme. Die Belastung verschwindet also nicht, wenn eine notwendige Investition heute unterbleibt. Sie wird lediglich in die Zukunft verschoben.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Pflegeversicherungsreform? Wohl notwendig. Aber lasst uns Pflege verhindern, solange es noch möglich ist
Warum Deutschland neben mehr Pflegeplätzen vor allem eine neue Kultur der Gesundheitsvorsorge braucht
Deutschland steht vor einer Entwicklung, deren Folgen seit Jahren absehbar sind: Wir geburtenstarken Jahrgänge kommen in ein Alter, in dem chronische Erkrankungen, körperlicher Abbau und Pflegebedürftigkeit deutlich häufiger werden. Gleichzeitig fehlen schon heute Pflegekräfte. Wir haben weder die Aussicht auf genügend Pflegeheimplätze noch darauf, in den kommenden Jahrzehnten die notwendige Zahl an Pflegekräften gewinnen zu können.
Trotzdem beschäftigen wir uns politisch lieber mit der Rente mit 63 und inzwischen auch mit ersten Leistungskürzungen oder Einschränkungen in der Pflegeversicherung. Wir diskutieren darüber, wie die Folgen des Problems finanziert und verteilt werden sollen, anstatt uns ausreichend mit der Frage zu beschäftigen, wie viele Pflegefälle überhaupt verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert werden könnten. Dabei liegt genau hier eine der großen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte.
Was können wir heute tun, damit möglichst viele Menschen möglichst lange gar keine Pflege brauchen? Das ist keine Frage nach einem Wundermittel gegen das Altern. Es geht auch nicht darum, Menschen für ihre Krankheiten oder ihre spätere Pflegebedürftigkeit verantwortlich zu machen. Aber wir wissen inzwischen sehr viel darüber, welche Faktoren beeinflussen, ob Menschen im Alter körperlich und geistig selbstständig bleiben. Bewegung, Ernährung, Körpergewicht, Schlaf, soziale Kontakte und die Behandlung chronischer Erkrankungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Wir sollten deshalb endlich beginnen, diese Erkenntnisse als das zu betrachten, was sie sind: Als eine der wichtigsten sozialen und gesundheitspolitischen Aufgaben unserer Zeit.
Es ist ein wenig wie beim Klimawandel: Nichts zu tun ist keine vernünftige Option. Wir können die demografische Entwicklung nicht aufhalten. Aber wir können beeinflussen, wie wir mit ihren Folgen umgehen. Jeder Pflegefall, der verhindert oder um Jahre hinausgezögert werden kann, bedeutet für den betroffenen Menschen mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität – und für die Gesellschaft weniger Druck auf Pflege, Angehörige und Sozialversicherung.
Die Frage ist also nicht, ob wir uns Prävention leisten können. Wir sollten uns vielmehr fragen, ob wir es uns leisten können, sie weiterhin nicht ernst genug zu nehmen.Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Einfach einsteigen – aber wohin fährt der ÖPNV?
Deutschland will das Bus- und Bahnfahren einfacher machen. Das ist dringend nötig. Wer nicht jeden Tag mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, kennt das Problem: In Münster gilt ein anderes Tarifsystem als in Osnabrück, in Köln gelten andere Regeln als in Berlin, und wer spontan in eine Straßenbahn steigt, muss sich zunächst fragen, welches Ticket überhaupt das richtige ist. Es gibt Einzelkarten, Tageskarten, Kurzstrecken, Verbundgrenzen, Apps, Automaten und unterschiedliche Bezahlverfahren. Für Menschen, die regelmäßig fahren, lässt sich das alles irgendwann lernen. Für Gelegenheitsfahrer ist es eine Einladung, das Auto zu nehmen.
Genau diese Menschen wollen Nordrhein-Westfalen und Hamburg nun erreichen. Die beiden Länder haben jetzt für die Verkehrsministerkonferenz in Schwangau einen bundesweiten digitalen Tarif vorgeschlagen. Das Prinzip ist bestechend einfach: Smartphone einschalten, einchecken, fahren, auschecken. Die App ermittelt anschließend automatisch den günstigsten Preis. Wer nur wenige Male im Monat Bus oder Bahn fährt, bezahlt entsprechend wenig. Wer häufiger fährt, soll nicht plötzlich mehr bezahlen als mit einem Deutschlandticket. Als Vorbild dient das in Nordrhein-Westfalen bereits bestehende System eezy.nrw.
Das klingt zunächst nach einer kleinen technischen Verbesserung. Tatsächlich steckt darin eine ziemlich große verkehrspolitische Idee: Der öffentliche Nahverkehr soll sich endlich stärker an den Fahrgästen orientieren – und nicht umgekehrt. Niemand sollte sich vor einer Fahrt durch Tarifzonen und Preislisten arbeiten müssen. Mobilität sollte funktionieren wie andere digitale Dienstleistungen längst funktionieren: Man nutzt sie und bekommt hinterher automatisch den passenden Preis.
Das wäre gute Nachricht. Die schlechte dahinter lautet aber: Deutschland diskutiert gleichzeitig darüber, wie es sich diesen öffentlichen Nahverkehr überhaupt noch leisten kann.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Wohnungen schaffen oder Wohnungen übernehmen?
Ein Nachdenken über Vergesellschaftung, Investitionen und den möglichen Wohnungsbau-Boost für Berlin
Berlin hat vor allem ein Problem: Es gibt zu wenig Wohnungen. Deshalb sollte sich die Berliner Wohnungspolitik bei allen Maßnahmen an einer einfachen Frage messen lassen: Wie viel zusätzlicher und bezahlbarer Wohnraum entsteht durch den Einsatz öffentlicher Mittel?
Diese Frage ist wichtiger als die Frage, wem die bereits vorhandenen Wohnungen gehören. Denn wenn die Stadt beispielsweise 100.000 Euro aufwendet, um eine bereits bestehende Wohnung in öffentliches Eigentum zu überführen, gibt es danach nicht eine Wohnung mehr als vorher. Wenn derselbe öffentliche Mitteleinsatz dagegen als Zuschuss dazu beiträgt, eine neue Wohnung zu bauen, vergrößert sich das Angebot tatsächlich.
Genau deshalb lohnt es sich, die im Sondierungsergebnis vorgesehene Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände einmal unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es geht mir dabei nicht darum, die Idee grundsätzlich abzulehnen. Die stärkere öffentliche Kontrolle über große Wohnungsbestände kann sozialpolitisch durchaus nachvollziehbare Gründe haben. Aber angesichts der enormen Summen, um die es geht, kann man sich auch fragen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, mit demselben Geld wesentlich mehr für die eigentliche Lösung des Wohnungsproblems zu erreichen.
Für die in Berlin diskutierte Vergesellschaftung stehen Entschädigungen von bis zu 16 Milliarden Euro im Raum. Bezogen auf die rund 160.000 Wohnungen, um die es geht, entspricht das rechnerisch ungefähr 100.000 Euro je Wohnung. Die tatsächliche Höhe der Entschädigungen ist allerdings rechtlich noch nicht abschließend geklärt; entsprechende Verfahren (Kaufverhandlungen und ggf. anschließende Gerichtsprozesse) könnten sich über Jahre hinziehen.
Schon die Größenordnung macht die Frage interessant: Was könnte Berlin mit 16 Milliarden Euro erreichen, wenn es sie nicht überwiegend für den Kauf bereits vorhandener Wohnungen einsetzen würde, sondern als Hebel für den Neubau? Damit kommt ein Gedanke ins Spiel, der in der politischen Diskussion bisher weniger prominent ist: Der mögliche BOOST-Effekt einer öffentlichen Wohnungsbauförderung!
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode