Die aktuellen Anmeldezahlen sprechen eine deutliche Sprache: 818 Anmeldungen an den drei städtischen Gesamtschulen in Münster – aber nur rund die Hälfte der Kinder erhält einen Platz. 440 Schülerinnen und Schüler bekommen eine Absage. Im vergangenen Jahr waren es bereits 288. Das ist kein Ausreißer. Das ist ein strukturelles Problem.
Hohe Nachfrage ist kein Zufall
Die anhaltend hohe Zahl an Anmeldungen zeigt, wie groß das Vertrauen vieler Eltern in die Gesamtschulen ist. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar:
- längeres gemeinsames Lernen
- mehr individuelle Förderung
- spätere Entscheidung über Bildungswege
- höhere Durchlässigkeit zwischen Abschlüssen
- gebundener Ganztag mit pädagogischem Konzept
Gesamtschulen bieten Kindern Zeit zur Entwicklung. Sie reduzieren den Druck einer frühen Festlegung nach der vierten Klasse – einer Entscheidung, die häufig stärker von sozialer Herkunft als von tatsächlichem Potenzial beeinflusst wird. Dass sich Jahr für Jahr deutlich mehr Familien für diese Schulform entscheiden als Plätze vorhanden sind, ist ein klarer politischer Handlungsauftrag.
Kapazitäten müssen der Realität folgen
Wenn ein Angebot dauerhaft überzeichnet ist, dann liegt das Problem nicht bei den Eltern – sondern bei zu geringen Kapazitäten.
Deshalb ist der geplante Bau der vierten städtischen Gesamtschule im Südosten Münsters der richtige und notwendige Schritt. Die Entscheidung für den Standort in Angelmodde war vorausschauend.
Angesichts der aktuellen Zahlen wird noch deutlicher: Wir handeln nicht zu früh, sondern eher spät. Bildungspolitik darf nicht auf Kante genäht werden. Sie muss Entwicklungen antizipieren – nicht nur reagieren.
Bildung ist der entscheidende Zukunftsfaktor
Deutschland steht wirtschaftlich und gesellschaftlich vor großen Herausforderungen: Transformation der Industrie, Digitalisierung, Fachkräftemangel, soziale Spaltung. All diese Fragen haben einen gemeinsamen Schlüssel: Bildung.
Wir können es uns schlicht nicht leisten, Bildungswege künstlich zu verknappen. Jede Schülerin und jeder Schüler, der sein Potenzial bestmöglich entfalten kann, ist ein Gewinn für unsere Stadt und unser Land. Eine moderne Gesellschaft braucht ein Bildungssystem, das auf Durchlässigkeit, Förderung und Chancengleichheit setzt – nicht auf frühe Sortierung.
Mit Blick nach vorn, müssen wir uns eingestehen, das dreigliedrige System ist nicht mehr zeitgemäß
Das klassische dreigliedrige Schulsystem stammt aus einer Zeit, in der Lebens- und Berufswege deutlich starrer waren als heute. In den 1960er-Jahren waren Bildungsbiografien vorhersehbarer, soziale Mobilität geringer und akademische Abschlüsse weniger verbreitet. Heute ist unsere Gesellschaft vielfältiger, dynamischer und komplexer. Frühe Selektion mit zehn Jahren wird dieser Realität immer weniger gerecht. Internationale Studien zeigen seit Jahren, dass Systeme mit längerem gemeinsamen Lernen soziale Ungleichheiten eher ausgleichen und mehr jungen Menschen höhere Abschlüsse ermöglichen.
Gesamtschulen sind deshalb kein ideologisches Projekt – sondern eine Antwort auf gesellschaftliche Veränderungen.
Die Debatte um das Anmeldeverfahren greift zu kurz
Aktuell wird erneut über das vorgezogene Anmeldeverfahren diskutiert. Diese Frage ist nicht unwichtig, sie darf jedoch nicht vom Kernproblem ablenken: Nicht das Verfahren produziert 440 Absagen – sondern fehlende Schulplätze. Solange die Nachfrage das Angebot so deutlich übersteigt, bleibt jede Verfahrensdiskussion eine Randdebatte. Entscheidend ist der Ausbau.
>>>Unser Auftrag: Wunsch und Wirklichkeit zusammenbringen
Unser Ziel bleibt klar: Jedes Kind soll die Schulform besuchen können, die zu ihm passt.
Dafür braucht es Investitionen, Planungssicherheit und politischen Willen. Der Bau der vierten Gesamtschule ist ein wichtiger Schritt. Perspektivisch müssen wir die Entwicklung der Schülerzahlen weiter aufmerksam beobachten und frühzeitig handeln.
- Bildung ist keine Kostenstelle.
- Bildung ist Zukunftspolitik.
Und Zukunftspolitik beginnt damit, auf klare Signale zu reagieren – so wie jetzt bei den Gesamtschulplätzen in Münster.