Schon gelesen: Verantwortung statt Ausreden

Es gibt Interviews, die liest man wegen der Schlagzeile. Und es gibt Interviews, bei denen eine ganz andere Botschaft hängen bleibt. So ging es mir beim lesen eines Interviews mit der neuen Bahnchefin Evelyn Palla, das man heute an verschiedenen Stellen lesen konnte.

Natürlich ging es um verspätete Züge, Baustellen und unzufriedene Fahrgäste. Aber ein Satz hat mich aufhorchen lassen. Sie sprach von einer früheren „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Ein hartes Urteil über den eigenen Konzern. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Das ist nicht nur ein Bahnproblem. Das ist eine Herausforderung vieler großer Organisationen – in Unternehmen, Verwaltungen, Schulen, Krankenhäusern und manchmal auch in der Politik. Zu oft wird Verantwortung zwischen verschiedenen Ebenen hin- und hergeschoben. Die einen entscheiden, die anderen sollen umsetzen. Wenn etwas nicht funktioniert, findet sich fast immer eine gute Erklärung. Am Ende fühlt sich niemand wirklich verantwortlich.

Der spannendste Gedanke des Interviews ist deshalb für mich ein anderer. Führung bedeutet nicht, jede Entscheidung selbst zu treffen. Gute Führung schafft die Voraussetzungen dafür, dass diejenigen, die täglich die eigentliche Arbeit leisten, erfolgreich sein können. Wer draußen unterwegs ist – auf der Baustelle, im Zug, im Betrieb, in der Schule oder im Rathaus – weiß meist sehr genau, wo die Probleme liegen. Diese Menschen brauchen keine zusätzliche Kontrolle. Sie brauchen Vertrauen, klare Zuständigkeiten und die Möglichkeit, Entscheidungen dort zu treffen, wo die Arbeit tatsächlich geschieht.

Ebenso wichtig finde ich einen zweiten Gedanken von Evelyn Palla. Sie richtet ihre Kritik ausdrücklich nicht an die Menschen, die täglich den Betrieb am Laufen halten. Im Gegenteil: Sie würdigt die Beschäftigten an der Basis. Ihre Botschaft richtet sich an die Führungsebene. Das ist bemerkenswert. Denn allzu oft wird von Mitarbeitenden Veränderung verlangt, während sich die Führung selbst ausnimmt. Besonders gefällt mir noch ein weiterer Satz. Sinngemäß sagt Palla: Entscheidend sind am Ende nicht die besten Erklärungen, sondern die besten Ergebnisse. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

In vielen Organisationen wird enorm viel Zeit darauf verwendet zu erklären, warum etwas nicht funktioniert hat. Vielleicht sollten wir dieselbe Energie häufiger dafür einsetzen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Denn gute Führung erkennt man nicht daran, wie überzeugend Probleme beschrieben werden. Sondern daran, dass sie gelöst werden. Für mich ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Interviews – weit über die Deutsche Bahn hinaus.