Ein Antrag statt zehn – das digitale Familiencenter
Die aktuelle Diskussion über notwendige Einsparungen im Bundeshaushalt trifft wieder einmal ausgerechnet die Menschen, die ohnehin wenig haben. Ich finde, es fehlt an Ideen, wo man besser sparen kann. Dabei lohnt sich ein Blick auf die Frage: Wie viel Geld verschlingt eigentlich die Verwaltung der Sozialleistungen?
Nehmen wir das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter in Münster. Sie arbeitet geringfügig im Einzelhandel und hat zwei Kinder in Kindergarten und Grundschule. Sie muss – je nach persönlicher Situation – häufig mit einer Vielzahl unterschiedlicher Leistungen und Behörden umgehen:- Bürgergeld
- Kindergeld
- Wohngeld
- Unterhaltsvorschuss
- Zuschüsse zu den Kita-Beiträgen
- Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (z. B. Mittagessen, Klassenfahrten oder Vereinsbeiträge)
- Übernahme von Unterkunfts- und Heizkosten
- Förderleistungen für Weiterbildung oder Arbeitsaufnahme
- gegebenenfalls weitere kommunale Unterstützungsangebote
- Jobcenter
- Familienkasse
- Jugendamt
- Wohngeldstelle
- Sozialamt
- Kindertageseinrichtungen
- Schulen sowie weitere Beratungs- und Fachstellen
Für die betroffenen Familien bedeutet das: immer wieder dieselben Formulare, dieselben Einkommensnachweise, dieselben Änderungen der Lebensverhältnisse – und oft lange Bearbeitungszeiten. Dabei müssten die meisten Daten nur ein einziges Mal erfasst werden. Statt darüber zu diskutieren, an welcher Sozialleistung noch ein paar Euro eingespart werden können, könnten wir die Verwaltungsstrukturen grundlegend modernisieren.
Meine Vorstellung ist ein digitales Familiencenter: Ein Antrag. Ein Datensatz. Eine Ansprechpartnerin oder ein Ansprechpartner.
Alle Leistungen werden auf Grundlage derselben Daten automatisch berechnet. Änderungen – etwa beim Einkommen oder der Miete – müssen nur einmal gemeldet werden und stehen anschließend allen zuständigen Stellen zur Verfügung. Das spart Zeit, vermeidet Fehler und entlastet sowohl die Familien als auch die Beschäftigten in den Behörden. Die frei werdenden personellen und finanziellen Ressourcen könnten dort eingesetzt werden, wo sie wirklich gebraucht werden: in der persönlichen Beratung, der Unterstützung von Familien und der Betreuung von Kindern – statt in der mehrfachen Bearbeitung identischer Vorgänge. Wer den Sozialstaat zukunftsfähig machen will, sollte deshalb nicht zuerst bei den Menschen sparen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Der größte Hebel liegt in einer modernen, digitalen und bürgerfreundlichen Verwaltung.
Ein starker Sozialstaat braucht nicht mehr Bürokratie – sondern bessere Bürokratie.