Früher war alles besser - wirklich? Folge 5 Wer erinnert sich noch an den ständigen Abgasgeruch?

Wer erinnert sich noch an diese Sommer? Die Fenster standen weit offen. Auf der Straße knatterten Mofas, irgendwo tuckerte ein alter Diesel vor sich hin und wenn ein Bus vorbeifuhr, zog eine Abgaswolke hinterher. Und Zigarettenrauch, den gab es fast überallt. Er gehörte einfach dazu. Im Wohnzimmer, im Restaurant, in der Kneipe, im Büro, im Zug und sogar in manchen Wartezimmern wurde geraucht. Alte Filme wirken heute manchmal wie Dokumentationen aus einer anderen Welt: Fast überall sitzt jemand mit einer Zigarette in der Hand. Dicken Zigarrenrauch mochte auch damals niemand besonders. Man verzog das Gesicht, machte vielleicht das Fenster auf – und ertrug es trotzdem. Denn es war normal.

Wir waren Kinder. Wir spielten draußen, fuhren Fahrrad und verbrachten ganze Nachmittage auf der Straße oder am Kanal. Und wenn die Luft nach Benzin, Abgasen, Rauch oder manchmal auch nach Industrie roch, dachte kaum jemand darüber nach, was wir da eigentlich einatmeten. Heute würden wir das vermutlich anders sehen. Und das ist eine ziemlich gute Nachricht. Denn die Luftbelastung ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zurückgegangen. Das Umweltbundesamt dokumentiert deutliche Verbesserungen bei zahlreichen Luftschadstoffen. Besonders bei Feinstaub und Stickstoffdioxid sind die Belastungen stark gesunken. Auch Münster ist dafür ein gutes Beispiel.

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Luftreinhaltung umgesetzt. Dazu gehören unter anderem strengere Umweltzonenregelungen, abgasärmere Busse, Veränderungen der Verkehrsführung und die Förderung von Radverkehr und öffentlichem Nahverkehr. Der Jahresgrenzwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter wird in Münster seit 2017 an allen Messstationen eingehalten. Und die aktuellen Messwerte zeigen, wie groß der Unterschied inzwischen ist: An der verkehrsnahen Messstation an der Weseler Straße lag der Jahresmittelwert 2024 bei 18 Mikrogramm Stickstoffdioxid, 15 Mikrogramm PM10 und 10 Mikrogramm PM2,5. Natürlich ist damit nicht alles gut. Luftschadstoffe bleiben gesundheitlich relevant und gerade der Verkehr verursacht weiterhin Belastungen.

Aber vergleichen wir einmal unsere Kindheit mit heute. Damals war Rauchen in Innenräumen gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Heute ist es in öffentlichen Gebäuden, im öffentlichen Verkehr und in vielen anderen Bereichen selbstverständlich verboten oder stark eingeschränkt. Das hat unsere Umgebung massiv verändert. Auch beim Tabakkonsum selbst hat sich viel getan. 2025 rauchten in Deutschland 19,1 Prozent der Menschen ab 15 Jahren zumindest gelegentlich. Das ist immer noch viel zu viel – aber der langfristige Rückgang ist erheblich: 1991 wurden in Deutschland noch 146,5 Milliarden Zigaretten versteuert, 2024 waren es 66,2 Milliarden. Der Pro-Kopf-Verbrauch sank von 1.831 auf 784 Zigaretten.

Das Interessante daran ist nicht, dass heute niemand mehr raucht. Das stimmt nicht. Das Interessante ist, wie sehr sich unsere Vorstellung davon verändert hat, was wir anderen Menschen zumuten dürfen. Wir akzeptieren heute nicht mehr ohne Weiteres, dass jemand am Nebentisch raucht und alle anderen den Qualm mitatmen müssen. Wir erwarten saubere Luft in öffentlichen Räumen. Und wir nehmen es inzwischen als selbstverständlich wahr, dass Kinder nicht überall dem Rauch Erwachsener ausgesetzt sind. Genau das ist gesellschaftlicher Fortschritt.

Und vielleicht fällt uns dieser Fortschritt gerade deshalb so wenig auf, weil wir uns an ihn gewöhnt haben. Wir sehen diese Verbesserungen nicht. Wir können sie nicht fotografieren. Wir bemerken sie eigentlich erst, wenn wir uns erinnern. An die Mofas. An die alten Autos. An Kohleöfen. An die Zigaretten im Zug.
An den Aschenbecher auf jedem Restauranttisch. An den Geruch, der in Kleidung und Vorhängen hing.

Und dann lohnt sich ein Blick auf die Gegenwart. Wir haben nicht alle Umweltprobleme gelöst. Wir haben auch das Rauchen nicht besiegt. Aber wir haben etwas verändert, das noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar war. Wir haben gelernt, dass saubere Luft keine Zumutung, sondern Lebensqualität ist.
Vielleicht ist das eine der Geschichten, die wir uns viel öfter erzählen sollten, aber nicht um die Vergangenheit schlechtzureden, sondern um wahrzunehmen, was wir heute schon für selbstverständlich halten.

Und vielleicht gehen wir heute Abend einfach einmal nach draußen, atmen tief durch und denken daran: Diese Luft hätten wir uns als Kinder gewünscht, wenn wir gewusst hätten, was wir damals eingeatmet haben.

Erinnerungen sind kostbar. Aber sie sind kein zuverlässiger Maßstab für die Gegenwart.