Hitze, Niedrigwasser und Klimaanpassung: Die SPD übernimmt in Berlin das Heft des Handelns

Deutschland erlebt gerade ziemlich eindrucksvoll, was Klimawandel bedeutet. Hitze, Dürre, Waldbrände und Niedrigwasser sind keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Sie treffen Menschen, Kommunen, Landwirtschaft und Wirtschaft – und sie treffen uns jetzt. In den vergangenen Wochen habe ich mich hier mehrfach mit diesen Entwicklungen beschäftigt: mit der Frage, wie hitzeresilient unsere Städte eigentlich sind, mit dem Niedrigwasser und dem Ruf nach mehr Baggern und mit der grundsätzlichen Frage, wie wir uns auf eine Zukunft einstellen, in der extreme Wetterlagen häufiger werden. Jetzt kommt Bewegung in die Bundespolitik und bemerkenswert ist vor allem, wer dabei den Takt vorgibt: Fünf SPD-Ministerien legen einen gemeinsamen Plan vor

Die sozialdemokratischen Bundesministerinnen und Bundesminister aus den Bereichen Umwelt, Finanzen, Arbeit und Soziales, Bauen sowie Entwicklung haben einen gemeinsamen Aktionsplan gegen die Folgen des Klimawandels vorgelegt. Das vierseitige Papier enthält rund ein Dutzend konkrete Vorschläge. Dazu gehören ein nationaler Hitzeaktionsplan, besserer Schutz von Beschäftigten bei extremen Temperaturen, Anpassungen im Bauplanungsrecht und zusätzliche Unterstützung für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und andere soziale Einrichtungen. Auch natürliche Maßnahmen wie die Renaturierung von Flüssen und Mooren sollen stärker genutzt werden. Das ist zunächst einmal genau das, was ich von einer Bundesregierung erwarte: Nicht nur feststellen, dass es heiß ist. Sondern überlegen, was daraus politisch folgen muss.

Der entscheidende Punkt: Wer bezahlt die Anpassung? Besonders interessant wird der Vorstoß dort, wo es um die Finanzierung geht. Denn Klimaanpassung findet zu einem großen Teil vor Ort statt. Städte müssen Bäume pflanzen, Plätze entsiegeln, Schatten schaffen, Schulen und Kindergärten schützen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen anpassen und mit Wasser vorsichtiger umgehen. Aber die Kommunen können diese Aufgaben vielfach nicht allein finanzieren. Genau deshalb fordert die SPD eine Änderung des Grundgesetzes. Klimaanpassung und Naturschutz sollen als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern verankert werden. Damit könnte der Bund Kommunen und Länder dauerhaft und rechtssicher bei entsprechenden Maßnahmen unterstützen.
Das ist keineswegs eine völlig neue Idee. Die Umweltministerinnen und Umweltminister von Bund und Ländern haben bereits im Mai 2025 einstimmig für eine solche gemeinschaftliche Finanzierung von Klimaanpassung und Naturschutz votiert. Auch die Umweltministerkonferenz 2026 führt die Frage weiter.

Und genau hier wird der politische Konflikt interessant. Die CDU sagt: Das brauchen wir nicht. Dort sieht man die Sache anders. Eine Grundgesetzänderung sei, so die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann, „wohlfeil und bringt nichts“. Auch aus der Unionsfraktion kommt die Forderung, zunächst müsse der konkrete Mehrwert gegenüber den bestehenden Fördermöglichkeiten geklärt werden. Das kann man selbstverständlich diskutieren, aber dann sollte man bitte auch die Konsequenz daraus ziehen und sagen, wie die notwendigen Milliardeninvestitionen stattdessen finanziert werden sollen, denn die Hitze verschwindet nicht dadurch, dass man Zuständigkeiten verteidigt. Und ein Krankenhaus wird nicht dadurch kühler, dass Bund und Länder darüber diskutieren, wer eigentlich zuständig ist.

Genau hier liegt der Unterschied zwischen Aktionismus und Vorsorge, das ist für mich die entscheidende Verbindung zu meinen bisherigen Beiträgen. Beim Niedrigwasser wird darüber gesprochen, ob mehr gebaggert werden muss. Beim Hochwasser wird nach dem Ereignis über Schutzmaßnahmen gesprochen. Bei Hitze stellen wir fest, dass Schulen, Kindergärten, Pflegeheime und Krankenhäuser teilweise völlig unzureichend vorbereitet sind. Das alles sind Symptome eines Problems: Wir reagieren noch immer zu häufig auf die Katastrophe, statt uns auf die veränderten Bedingungen einzustellen.

Die SPD versucht mit ihrem Papier, genau diesen Gedanken in konkrete Politik zu übersetzen. Dazu gehört beispielsweise, Förderprogramme für Klimaanpassung zu bündeln und kurzfristig wieder stärker für soziale Einrichtungen zu öffnen. Krankenhäuser und Pflegeheime sollen Unterstützung bekommen, damit sie sich weniger stark aufheizen beziehungsweise technisch gekühlt werden können. Auch Fassadenanpassungen und andere bauliche Maßnahmen sollen über Mittel aus dem Infrastruktur- und Klimaschutz-Sondervermögen unterstützt werden. Das ist keine spektakuläre Symbolpolitik. Es ist ziemlich nüchterne Vorsorgepolitik. Und plötzlich wird Klimaanpassung zur sozialen Frage und die halte ich für besonders wichtig.

Hitze trifft eben nicht alle Menschen gleich. Wer in einem gut gedämmten Einfamilienhaus mit Garten lebt, kann anders mit 35 oder 40 Grad umgehen als jemand, der in einer schlecht belüfteten Dachgeschosswohnung lebt. Ein gesunder 30-Jähriger ist anders betroffen als ein hochbetagter Mensch im Pflegeheim. Und ein Büroangestellter mit klimatisiertem Arbeitsplatz hat andere Möglichkeiten als jemand, der bei großer Hitze körperlich arbeiten muss.
Deshalb ist Klimaanpassung nicht nur Umweltpolitik, sie ist Sozialpolitik, Gesundheitspolitik, Arbeitspolitik, Baupolitik und Wirtschaftspolitik.

Dass nun mehrere SPD-Ministerien gemeinsam handeln, ist deshalb politisch folgerichtig. Auch die Wirtschaft bekommt die Folgen längst zu spüren. Das Niedrigwasser auf dem Rhein zeigt gerade, wie eng Umwelt und Wirtschaft miteinander verbunden sind. Wenn Binnenschiffe wegen zu niedriger Wasserstände kaum noch fahren können, betrifft das nicht nur die Schifffahrt. Dann geht es um Lieferketten, Industrieproduktion, Energieversorgung und Preise. Die Landwirtschaft erlebt gleichzeitig die Folgen von Dürre und Hitze. Klimaanpassung ist deshalb keine Luxusveranstaltung für Umweltpolitiker, sie ist Standortpolitik. Wer heute in Wassermanagement, widerstandsfähige Infrastruktur, Stadtgrün, Retentionsflächen, Kühlung und angepasste Gebäude investiert, investiert in die Funktionsfähigkeit unseres Landes.

Das gilt auch für Münster und damit sind wir wieder bei dem, was ich vor einigen Tagen über den Hitzeaktionsplan der Stadt Münster geschrieben habe. Ein Hitzeaktionsplan ist sinnvoll. Aber ein Papier allein macht noch keine Stadt resilient. Wenn Schulhöfe kaum Schatten bieten, Kindergärten sich im Sommer aufheizen, Krankenhäuser nicht ausreichend gekühlt werden können und viele öffentliche Plätze nach wie vor stark versiegelt sind, dann haben wir noch viel Arbeit vor uns. Genau dafür brauchen Kommunen Geld. Und sie brauchen Planungssicherheit. Es kann nicht sein, dass jede Stadt für sich neue Förderanträge schreibt und jedes einzelne Projekt darum kämpfen muss, ob es gerade in irgendein Förderprogramm passt.

Klimaanpassung muss zur normalen Aufgabe staatlicher Daseinsvorsorge werden, genau das ist der Kern des SPD-Vorschlags.

Das Heft des Handelns liegt damit tatsächlich bei der SPD, natürlich ist das Papier noch kein Gesetz. Natürlich muss die SPD ihre Vorschläge innerhalb der Koalition durchsetzen. Und natürlich kann man über einzelne Maßnahmen und vor allem über die konkrete Ausgestaltung einer Grundgesetzänderung diskutieren. Aber politisch ist etwas anderes bemerkenswert: Die SPD beschreibt ein Problem, verbindet verschiedene Politikbereiche miteinander, macht konkrete Vorschläge und benennt zugleich die Frage der Finanzierung. Die Union kann dem widersprechen. Sie kann bessere Vorschläge machen. Sie kann erklären, wie sie Klimaanpassung stattdessen organisieren und finanzieren will. Aber irgendwann reicht es nicht mehr, vor neuen Zuständigkeiten zu warnen.
Denn die Zuständigkeiten der Natur sind ziemlich eindeutig: Es wird heißer. Es wird trockener. Gleichzeitig müssen wir mit Starkregen und Hochwasser rechnen. Das Wasser wird an manchen Stellen knapp und an anderen zur Gefahr.

Darauf müssen wir reagieren. Nicht irgendwann. Jetzt. Klimaanpassung ist keine freiwillige Zusatzaufgabe mehr. Sie wird zu einer der zentralen staatlichen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte. Wer das verstanden hat, sollte nicht mehr darüber diskutieren, ob wir handeln müssen, sondern darüber, wie schnell und wie gut wir es schaffen.