Früher war alles besser - wirklich? Folge 6 Wer erinnert sich noch an die 70er Jahre Autos?

Für meine Generation war ein eigenes Auto zunächst ein Traum. Nicht irgendein Traum, sondern ein ziemlich großer. Ein Auto bedeutete Freiheit: Man konnte einfach losfahren, musste nicht mehr auf den Bus warten und war plötzlich unabhängig. Für viele von uns war der Kauf des ersten Autos eine gewaltige Anschaffung – oft verschlang ein Kleinwagen einen erheblichen Teil des Jahreseinkommens. Und dann stand er vor der Tür: der Käfer, der Kadett, der R4 der Ford 12 M. Man war stolz. Was wir damals weniger wahrgenommen haben: Diese Autos waren erstaunlich unsicher. Keine Knautschzonen, wie wir sie heute kennen. Keine Airbags. Keine elektronischen Stabilitätsprogramme. Keine Kopfstützen. Sicherheitsgurte waren zunächst längst nicht selbstverständlich.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Fahrschule. Das Fahrschulauto war häufig ein relativ neuer Wagen – und plötzlich saß man in einem Auto, das Dinge hatte, die man aus dem eigenen Familienwagen gar nicht kannte: Kopfstützen und Dreipunktgurte die man jedes mal neu einstellen musste. Man gewöhnte sich daran. Aber nicht unbedingt freiwillig. Als die ersten Sicherheitsgurte Pflicht wurden, gab es Widerstand. Warum sollte man sich während der Fahrt „festbinden“? Das sei unbequem. Man könne sich bei einem Unfall vielleicht nicht mehr befreien. Und überhaupt: Man fahre schließlich vorsichtig.
Die freiwillige Gurtbenutzung funktionierte nicht ausreichend. Also wurde die Pflicht eingeführt – zunächst auf den Vordersitzen, später auch hinten. Heute erscheint uns das selbstverständlich.

Das ist ein interessantes Muster. Fortschritt beginnt manchmal damit, dass Menschen etwas Neues ablehnen, das sie später nicht mehr missen möchten. Und bei der Verkehrssicherheit ging es weiter. ABS verhindert, dass Räder beim Bremsen blockieren. ESP kann helfen, ein Fahrzeug in kritischen Situationen zu stabilisieren. Airbags schützen bei einem Aufprall. Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer vermindern Verletzungen. Moderne Fahrzeuge verfügen über Abstandsregelung, Spurhalte- und Spurwechselassistenten, Totwinkelüberwachung, Verkehrszeichenerkennung, Müdigkeits- und Aufmerksamkeitsüberwachung, Rückfahrassistenten, Abbiegeassistenten und automatische Notbremssysteme. Und seit Juli 2024 sind bei neuen Pkw zahlreiche Assistenzsysteme verpflichtend – darunter Notbremsassistent, Notfall-Spurhalteassistent, Müdigkeitserkennung, intelligenter Geschwindigkeitsassistent und Rückfahrassistent.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Wir haben inzwischen Autos, die aufpassen, wenn der Mensch einen Fehler macht. Das ist ziemlich bemerkenswert, denn der Mensch ist und bleibt die entscheidende Fehlerquelle: Unaufmerksamkeit, überhöhte Geschwindigkeit, Ablenkung durch das Handy, falsches Einschätzen einer Situation, Müdigkeit oder Alkohol. Und trotzdem fahren wir heute nicht wirklich vorsichtiger als unsere Eltern. Wir haben vor allem begonnen, das Auto als „System“ sicherer zu machen. Die Zahlen zeigen, was das bewirkt hat. 2025 starben in Deutschland 2.832 Menschen im Straßenverkehr. Das sind immer noch 2.832 zu viele. Aber der langfristige Vergleich ist gewaltig: Anfang der 1970er Jahre waren es mehr als 20.000 Verkehrstote jährlich. Gleichzeitig ist der Verkehr massiv gewachsen. Auch in Münster ist die Entwicklung sichtbar. 2025 wurden 147 Schwerverletzte registriert; 2015 waren es noch 235.

Und im Hintergrund beginnt schon die nächste großen Veränderung. Was kommt nach dem Assistenzsystem? Das Auto, das nicht mehr nur hilft, sondern selbst fährt. Noch sind wir davon entfernt, dass wir uns einfach auf den Rücksitz setzen und das Auto den Rest erledigt. Hochautomatisiertes und autonomes Fahren ist technisch und rechtlich anspruchsvoll. Aber die Entwicklung hat längst begonnen. In Deutschland gibt es inzwischen gesetzliche Regelungen für hochautomatisiertes und autonome Fahrzeuge; vollständig autonome private Pkw für den normalen Straßenverkehr gibt es allerdings noch nicht.

Und nun stellen wir uns einmal das Jahr 2046 vor. Vielleicht sitzen dann unsere Enkel in einem Auto, das selbstständig fährt. Es erkennt einen Fußgänger, bevor ein Mensch ihn wahrnimmt. Es kommuniziert mit anderen Fahrzeugen. Es hält Abstand, kennt die Geschwindigkeitsbegrenzung und reagiert schneller, als ein Mensch es jemals könnte. Und vielleicht schauen diese Menschen dann auf unsere alten Autos und fragen: „Ihr habt damals wirklich jeden selbst fahren lassen?“ – „Ja.“ – „Und ihr habt euch darauf verlassen, dass niemand müde wird, nicht aufs Handy schaut, keinen Fehler macht und immer schnell genug reagiert?“ – „Ja.“ – „Wie konnte man das nur machen?“

Vielleicht wird man dann genauso verständnislos zurückblicken, wie wir heute auf Autos ohne Sicherheitsgurt zurückblicken.

Erinnerungen sind kostbar. Aber sie sind kein zuverlässiger Maßstab für die Gegenwart.