Was der DGB Ausbildungsreport 2026 zeigt – und was man daraus lesen sollte

Auszubildende sind kein Problem – sie sind unsere Zukunft

Der neue Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds ist alarmierend: Jeder zweite Auszubildende fühlt sich psychisch belastet. Die Zufriedenheit mit der Ausbildung sinkt. Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, fehlende Betreuung und schlechte Kommunikation gehören zu den Problemen, von denen junge Menschen berichten.
Die Zahlen sollte man ernst nehmen. Die Befragung ist umfangreich und methodisch solide. Und die Probleme sind real.

Aber man kann einen solchen Report auf unterschiedliche Weise lesen. Man kann ihn als Anklage gegen die Ausbildungsbetriebe verstehen. Oder als weiteren Beleg dafür, dass die junge Generation immer weniger belastbar sei. Ich glaube, beides greift zu kurz. Denn hinter den Zahlen steckt eine viel interessantere Frage: Was passiert eigentlich, wenn eine veränderte junge Generation auf eine Arbeitswelt trifft, die sich selbst ebenfalls verändert hat?

Natürlich waren Jugendliche schon immer anders als die Generation vor ihnen. Das ist nichts Neues. Aber die Lebenswelt hat sich verändert. Viele junge Menschen wachsen heute mit weniger Geschwistern auf, bekommen viel Aufmerksamkeit und werden stärker begleitet. Eltern greifen häufiger ein, wenn es schwierig wird. Lob und positive Verstärkung spielen eine größere Rolle. Gleichzeitig haben soziale Medien eine Welt geschaffen, in der Schwächen möglichst nicht gezeigt werden. Das ist nicht automatisch schlecht. Aber junge Menschen bringen dadurch teilweise andere Erfahrungen mit, wenn sie in eine Ausbildung kommen. Dort gelten plötzlich andere Regeln. Man muss morgens zuverlässig erscheinen. Acht Stunden Arbeit können körperlich anstrengend sein. Man muss sich konzentrieren, auch wenn man gerade keine Lust dazu hat. Man muss warten, bis man an der Reihe ist. Kritik aushalten. Sich in ein Team einfügen. Aufgaben erledigen, deren Sinn man vielleicht noch nicht versteht. Und manchmal auch etwas tun, was schlicht keinen Spaß macht. Das muss man lernen. Manche müssen sogar lernen, sich selbst realistisch einzuschätzen.

Gleichzeitig hat sich aber auch die Arbeitswelt verändert. Der alte Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ ist keine zeitgemäße Pädagogik. Und Sprüche wie „Stell dich nicht so an“ oder gar „Du bist hier nicht zum Denken, sondern zum Arbeiten“ sind schon deshalb Unsinn, weil wir dringend junge Menschen brauchen, die denken, fragen und Verantwortung übernehmen. Unternehmen suchen heute händeringend Nachwuchs. Sie stellen deshalb auch Jugendliche ein, die früher vielleicht keinen Ausbildungsplatz bekommen hätten. Das ist richtig. Aber daraus folgt eine Konsequenz: Wer die Zugangshürden zur Ausbildung senkt, muss die Unterstützung während der Ausbildung verbessern. Man kann nicht sagen: „Wir nehmen jeden, weil wir Fachkräfte brauchen“ – und anschließend erwarten, dass jeder junge Mensch ohne Unterstützung genau so funktioniert wie der perfekte Auszubildende von vor 20 Jahren.

Ausbildung ist keine Belastungsprobe. Sie ist Nachwuchsgewinnung. Hier liegt für mich ein entscheidender Denkfehler in manchen Betrieben. „Ich muss mich heute um den Azubi kümmern. Den haben sie mir aufs Auge gedrückt!“ – habe ich neulich noch als Kunde in einem Ausbildungsbetrieb von Mitarbeitern dort gehört. Ich finde ihn schrecklich. Denn wenn ein Betrieb weiß, dass er ohne Nachwuchs keine Zukunft hat, dann ist ein Auszubildender kein lästiger Zusatzaufwand. Er ist ein Schatz! Und einen Schatz vertraut man nicht irgendjemandem an, Ausbilder zu sein müsste eine Auszeichnung sein.

Nicht jeder gute Mitarbeiter ist automatisch ein guter Ausbilder. Wer junge Menschen begleitet, braucht Fachwissen, aber auch Geduld, Kommunikationsfähigkeit, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, Anforderungen zu erklären und Rückmeldung zu geben. Dafür braucht es Zeit, Anerkennung und Wertschätzung. Der beste Mitarbeiter sollte (Bitte!) nicht denken: „Jetzt muss ich mich auch noch um den Azubi kümmern“ sondern „Mir wird zugetraut, unseren zukünftigen Kollegen auszubilden.“

Der entscheidende Unterschied heißt Kommunikation. Viele Probleme, die im Ausbildungsreport sichtbar werden, sind real – aber sie sind nicht unvermeidbar.
Ein junger Mensch muss nicht begeistert sein, wenn er zum ersten Mal acht Stunden am Tag arbeitet. Er darf müde sein. Er darf überfordert sein. Er darf Fehler machen. Aber er muss wissen, warum etwas von ihm erwartet wird. Und er muss jemanden haben, den er fragen kann. Das gilt besonders für die vielen jungen Menschen, die über die Fachkräfteeinwanderung zu uns kommen. Für sie beginnt Ausbildung manchmal schon mit einer enormen Lebensleistung: ein anderes Land, eine andere Sprache, eine andere Kultur, eine neue Wohnung, Behörden, Versicherungen, ein Bankkonto, ein neuer Arbeitsplatz.
Wer hilft beim Arzt? Wer erklärt eine Krankmeldung? Wer hilft bei der Wohnungssuche? Was passiert, wenn die erste Ausbildungsvergütung erst am Monatsende kommt und gleichzeitig Kaution und erste Miete fällig sind? Das sind keine Ausbildungsinhalte. Aber sie können darüber entscheiden, ob Ausbildung gelingt. Ein fester guter Ansprechpartner im Betrieb wäre dafür oft schon ein großer Schritt.

Der Azubi muss aber auch etwas leisten, das alles bedeutet nicht, dass wir jungen Menschen alles abnehmen sollten. Im Gegenteil. Gute Ausbildung bedeutet Wertschätzung und Anspruch gleichzeitig. „Du bist uns wichtig“ heißt nicht „Du darfst alles“. Es heißt: „Wir glauben, dass du etwas kannst. Deshalb erwarten wir auch etwas von dir.“ Wer Anerkennung erfährt, ist oft viel eher bereit, sich anzustrengen. Das habe ich selbst immer wieder erlebt. Wenn ein Auszubildender während eines Ausbildungsabschnitts in ein neues Team kam und dort jemand zu ihm sagte: „Komm doch nach deiner Prüfung zu uns!“
dann war das mehr als ein freundlicher Satz. Es war Anerkennung. „Wir sehen etwas in dir. Wir können uns vorstellen, dass du zu uns gehörst.“ Solche Sätze vergisst man nicht.

Und plötzlich verändert sich etwas. Der junge Mensch hängt sich richtig rein. Er übernimmt Verantwortung. Er entwickelt Freude an der Arbeit. Nicht weil man ihn geschont hat.Sondern weil man ihm etwas zugetraut hat. Und genau hier beginnt die eigentliche Nachwuchsgewinnung. Ein Betrieb bildet einen jungen Menschen idealerweise drei Jahre lang aus. Was ist das Ziel? Eine Fachkraft zu gewinnen, die anschließend freiwillig bleibt. Das ist eigentlich eine ziemlich einfache Rechnung. Warum sollte ein junger Mensch nach der Ausbildung freiwillig dort bleiben, wo er drei Jahre lang das Gefühl hatte, eine Last zu sein?
Umgekehrt: Warum sollte er gehen, wenn er sich willkommen, gebraucht und gefördert fühlt?

Deshalb ist die Frage, ob Auszubildende zufrieden sind, keine Kuschelpädagogik. Sie ist eine betriebswirtschaftliche Frage. Ausbildung kostet Geld. Zeit. Personal. Aufmerksamkeit. Wenn der Auszubildende anschließend bleibt, war das eine Investition in die eigene Zukunft. Wenn er nach der Prüfung geht, weil er schon seit drei Jahren weiß, dass er dort nicht bleiben möchte, war vielleicht nicht der Arbeitsmarkt das Problem. Vielleicht war es die Ausbildung.

Warum messen wir das alles eigentlich nicht systematisch in jedem Ausbildungsbetrieb? Eigentlich müsste es selbstverständlich sein. Unternehmen messen Kundenzufriedenheit. Sie analysieren Fehler. Sie betreiben Qualitätsmanagement. Sie fragen nach Reklamationen. Warum nicht bei den Auszubildenden? Nach jedem Ausbildungsabschnitt könnte man beispielsweise fragen:
  • Fühlst du dich im Team willkommen?
  • Weißt du, was von dir erwartet wird?
  • Bekommst du genügend Rückmeldung?
  • Hast du einen Ansprechpartner?
  • Werden deine Fragen ernst genommen?
  • Entspricht deine Tätigkeit deiner Ausbildung?
  • Kannst du Probleme offen ansprechen?
  • Hast du in diesem Abschnitt etwas gelernt?
  • Würdest du nach deiner Ausbildung gerne in diesem Team arbeiten?
  • Würdest du diesen Betrieb einem Freund empfehlen?

Das Entscheidende ist nicht die Umfrage. Das Entscheidende ist, was danach passiert. Azubi-Feedback muss in die Verbesserung der Ausbildung einfließen.
Feedback → Auswertung → Veränderung → erneutes Feedback. Das wäre echtes Qualitätsmanagement.

Und noch etwas wird dabei gerne vergessen: Der beste Personalwerber ist dann vielleicht schon im Haus! Der zufriedene Azubi ist ein hervorragender Botschafter. Wenn er seinen Freunden erzählt: „Bei uns ist es gut. Die kümmern sich um dich. Du wirst ernst genommen. Ich will nach der Ausbildung bleiben.“
dann ist das glaubwürdiger als jede Hochglanzkampagne zur Fachkräftegewinnung. Und natürlich funktioniert das auch umgekehrt. Wer seinen Auszubildenden nicht gut behandelt, produziert möglicherweise die effektivste Anti-Werbung gleich mit.

Mein Motto ist immer, Probleme, die man kennt, kann man lösen. Deshalb würde ich den DGB-Ausbildungsreport weder kleinreden noch zum gesellschaftlichen Untergangsszenario erklären. Er zeigt Schwächen auf. Diese Schwächen gibt es wirklich. Aber genau darin liegt auch eine gute Nachricht:
Probleme, die man kennt, kann man angehen. Wir müssen junge Menschen besser auf den Übergang von Schule in Beruf vorbereiten. Wir müssen ihnen helfen, ihre Fähigkeiten und Interessen realistischer einzuschätzen. Betriebe müssen Ausbildung noch ernster nehmen. Ausbilder müssen ausreichend Zeit und viel mehr Anerkennung bekommen. Die Kommunikation muss besser funktionieren. Internationale Auszubildende brauchen Unterstützung, gerade am Anfang. Und die Rückmeldungen der Auszubildenden sollten selbstverständlich Bestandteil eines modernen Qualitätsmanagements sein.

Das alles ist keine Luxusaufgabe, denn wir haben keine Alternative. Wir brauchen diese jungen Menschen. Unsere Unternehmen brauchen sie. Unsere Pflege braucht sie. Das Handwerk braucht sie. Die Verwaltung braucht sie. Unsere gesamte Gesellschaft braucht sie.

Und deshalb sollten wir aufhören, über „die schwierige Jugend“ zu jammern. Es sind unsere Kinder und Enkel.

Wir müssen ihnen nicht alles abnehmen. Aber wir sollten ihnen etwas zutrauen. Wir sollten ihnen etwas abverlangen. Wir sollten sie ernst nehmen. Und wir sollten ihnen zeigen, dass es sich lohnt, etwas zu leisten. Denn wenn das gelingt, passiert etwas Wunderbares: Aus dem Azubi wird eine Fachkraft.
Aus der Fachkraft wird ein Kollege. Und aus dem Kollegen wird vielleicht irgendwann selbst derjenige, der einem jungen Menschen sagt: „Komm doch nach deiner Prüfung zu uns.“ Genau so funktioniert Nachwuchsgewinnung. Und genau deshalb ist gute Ausbildung nicht nur notwendig. Sie ist es wert!