Gegen Regenmangel hilft kein Baggern

Manchmal lässt sich eine politische Debatte auf einen einzigen Satz reduzieren: Gegen Regenmangel hilft kein Baggern.

Das klingt zunächst banal. Ist es aber offenbar nicht. Denn wenn Wasser knapp wird, Flüsse Niedrigwasser führen und Böden austrocknen, ist die Versuchung groß, nach einer technischen Lösung zu suchen. Irgendwo muss doch etwas gebaut, gestaut, vertieft, verbreitert oder ausgebaggert werden können. Und tatsächlich: Große Bagger sind gut sichtbar! Sie schaffen Bilder. Sie vermitteln den Eindruck: Da passiert etwas. Da packt jemand an. Nur leider bedeutet „etwas tun“ nicht automatisch, dass man das Problem löst.

Der Klimawandel ist keine Prognose mehr! Wir sollten uns deshalb endlich von einer Vorstellung verabschieden, die unsere politische Debatte immer wieder prägt: dass wir den Klimawandel irgendwann verhindern könnten, indem wir nur die richtige Maßnahme beschließen. Die Erderwärmung ist Realität, wie wir gerade täglich in ganz Europa merken. Sie zeigt sich in steigenden Durchschnittstemperaturen, häufigeren Hitzeperioden, veränderten Niederschlagsmustern und längeren Trockenphasen. Das Umweltbundesamt weist auch in diesem Jahr auf regional erhebliche Trockenheit und Dürre hin.

Natürlich müssen wir weiterhin alles daransetzen, die Erderwärmung zu begrenzen. CO₂ einzusparen bleibt unverzichtbar. Aber selbst wenn wir heute weltweit sofort auf einen konsequenten Klimaschutzkurs einschwenken würden, würde sich unser Klima nicht morgen wieder auf den Zustand von 1970 zurückstellen.
Wir müssen deshalb zweigleisig fahren: Klimaschutz und Klimaanpassung. Das eine verhindert, dass das Problem immer größer wird. Das andere sorgt dafür, dass wir mit den Veränderungen, die bereits da sind und die uns noch bevorstehen, möglichst gut umgehen können.

Gerade beim Wasser zeigt sich, wie sehr wir unsere bisherigen Denkmuster überprüfen müssen. Über Jahrzehnte haben wir Landschaften darauf ausgerichtet, Wasser möglichst schnell abzuleiten: Moore wurden trockengelegt, Bäche begradigt, Flüsse kanalisiert, Flächen entwässert und Böden versiegelt. Das war aus damaliger Sicht vielfach sinnvoll. Landwirtschaft sollte produktiver werden, Siedlungen sollten trocken bleiben, Verkehrswege sollten gebaut werden. Heute erkennen wir die Kehrseite. Ein begradigter Fluss transportiert Wasser schneller ab. Ein entwässerter Boden kann weniger Wasser speichern. Eine versiegelte Fläche lässt Regenwasser abfließen, statt es dem Boden und dem Grundwasser zur Verfügung zu stellen. Und wenn anschließend der Regen ausbleibt, stellen wir fest, dass das Wasser fehlt.

Inzwischen sollten wir weniger darüber nachdenken, wie wir Wasser schneller wegtransportieren – und mehr darüber, wie wir es in der Landschaft halten können. Renaturierte Flüsse und Auen, wiedervernässte Moore, gesunde Böden, Rückhalteflächen, entsiegelte Flächen und mehr Stadtgrün sind keine romantischen Naturschutzprojekte. Sie sind Teil einer modernen Infrastruktur für eine wärmere und trockenere Welt. Auch die Bundesregierung nennt inzwischen Wasserrückhalt, natürliche Wasserspeicher, Entsiegelung und Stadtnatur ausdrücklich als Instrumente der Klimaanpassung.

Das gilt ganz besonders für unsere Städte. Wir werden in Zukunft mehr Tage mit großer Hitze erleben. Dann entscheidet nicht nur die Außentemperatur darüber, wie gut Menschen damit zurechtkommen. Entscheidend ist auch, wie wir unsere Städte gebaut haben. Eine Stadt mit großen versiegelten Flächen, wenig Schatten, aufgeheizten Fassaden und dicht bebauten Innenräumen wird bei 35 Grad schnell zur Belastung. Eine Stadt mit Bäumen, Grünflächen, entsiegelten Bereichen, Wasserflächen, Verschattung und gut durchlüfteten Räumen kann dieselbe Hitze deutlich besser bewältigen.

Das ist keine abstrakte Zukunftsfrage, wie unser eintreten für den hiltruper Marktallee Brunnen und die die kleine grüne Oase in seiner Umgebung zeigen. Es geht um die Gesundheit der Menschen – insbesondere um ältere Menschen, Kinder und Menschen, die ohnehin gesundheitlich belastet sind. Deshalb müssen wir Klimaanpassung genauso ernst nehmen wie Straßenbau, Kanalisation oder andere öffentliche Infrastruktur. Ein großer Baum ist dann nicht einfach ein Baum. Er ist Teil unserer städtischen Klimainfrastruktur.

Und natürlich betrifft das nicht nur die Städte. Auch die Landwirtschaft braucht eine andere Strategie, sie funktioniert nur mit ausreichend Wasser. Wenn Sommer trockener und heißer werden, geraten traditionelle Anbaumethoden zunehmend unter Druck. Wir brauchen Böden, die Wasser besser speichern, angepasste Kulturen, veränderte Anbaumethoden und eine Landwirtschaft, die mit den klimatischen Bedingungen der Zukunft zurechtkommt. Das Bundeslandwirtschaftsministerium beschreibt Wassermangel und Hitzestress bereits heute als erhebliche Belastungen für die Landwirtschaft und verweist auf wiederholte Dürrejahre und daraus resultierende Ertragseinbußen. Auch hier gilt: Nicht gegen die Realität arbeiten, sondern sich auf die Realität einstellen.

Und auch die Wirtschaft muss resilienter werden. Was passiert, wenn Flüsse im Sommer nicht mehr genügend Wasser führen? Was passiert, wenn Produktionsprozesse große Mengen Kühlwasser benötigen? Was passiert, wenn Hitze die Leistungsfähigkeit von Beschäftigten reduziert oder Lieferketten durch Extremwetter unterbrochen werden? Das sind keine Fragen für irgendwann. Sie gehören in die Investitionsentscheidungen von heute. Wer heute ein Werk baut, ein Gewerbegebiet plant, eine Straße erneuert oder ein neues Wohnquartier entwickelt, muss sich fragen: Wie funktioniert das auch bei den Temperaturen und Wasserverhältnissen von morgen? Das ist keine Verhinderungspolitik. Im Gegenteil. Es ist vernünftige Wirtschaftspolitik.

Es gibt sogar schon einen politischen Auftrag: Mit dem Bundes-Klimaanpassungsgesetz hat der Gesetzgeber ausdrücklich festgelegt, dass Klimaanpassung bei öffentlichen Planungen und Entscheidungen berücksichtigt werden muss. Die Bereiche reichen von Infrastruktur und Landwirtschaft über Gesundheit und Stadtentwicklung bis hin zu Wasserwirtschaft und Wirtschaft. Auch die deutsche Anpassungsstrategie der Bundesregierung setzt auf Vorsorge: mehr kühlende Grünflächen, besseren Wasserrückhalt und eine Anpassung an die zunehmenden Risiken von Hitze, Dürre, Starkregen und Hochwasser. Das Problem ist also nicht, dass wir keine Erkenntnisse hätten. Das Problem ist, dass zwischen Erkenntnis und Umsetzung noch immer eine ziemlich große Lücke klafft.

Wir brauchen Investitionen – aber die richtigen. Deshalb sollten wir über Investitionen sprechen. Der Bund muss Länder und Kommunen finanziell in die Lage versetzen, Klimaanpassung tatsächlich umzusetzen. Denn eine Kommune kann einen Klimaanpassungsplan beschließen – aber davon wird noch kein einziger Baum gepflanzt, keine Fläche entsiegelt und kein Wasserspeicher gebaut.

Wir brauchen Investitionen in:
  • Schwammstadt-Konzepte und Regenwasserspeicherung,
  • Entsiegelung und Begrünung,
  • Bäume und Schattenplätze,
  • widerstandsfähige Wälder,
  • Wasserrückhalt in der Landschaft,
  • renaturierte Gewässer und Auen,
  • angepasste landwirtschaftliche Bewirtschaftung,
  • hitzeresiliente Gebäude,
  • sichere und robuste Infrastruktur,
  • und Unternehmen, die ihre Produktionsprozesse auf höhere Temperaturen und Wasserknappheit einstellen.

Das kostet Geld. Aber Nichtstun kostet ebenfalls Geld – und vermutlich sehr viel mehr. Das Bundesumweltministerium geht inzwischen davon aus, dass die volkswirtschaftlichen Schäden durch Klimawandelfolgen bis zur Mitte des Jahrhunderts je nach Entwicklung der Erwärmung in Deutschland kumuliert Hunderte Milliarden Euro erreichen können. Gleichzeitig können Anpassungsmaßnahmen einen erheblichen Teil dieser Kosten vermeiden.

Dabei will ich den Bagger gar nicht verteufeln. Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Bagger genau das richtige Werkzeug ist. Wir brauchen Infrastruktur. Wir müssen Hochwasserschutz verbessern. Wir müssen Verkehrswege anpassen und technische Lösungen entwickeln. Aber der Bagger darf nicht zum Symbol für eine Politik werden, die glaubt, jedes Problem lasse sich durch ein Bauprojekt lösen. Gegen steigende Temperaturen hilft kein Bagger. Gegen fehlenden Regen hilft kein Bagger. Und gegen einen veränderten Wasserkreislauf hilft schon gar kein Bagger allein. Was wir brauchen, ist eine andere Art von Machertum. Nicht die große Baustelle, die man im Fernsehen zeigen kann, sondern die vorausschauende Entscheidung, heute Geld in Dinge zu investieren, deren Nutzen sich vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren zeigt. Einen Baum zu pflanzen, bevor der nächste Hitzesommer kommt. Eine Fläche zu entsiegeln, bevor das Wasser knapp wird. Einen Bach zu renaturieren, bevor die nächste Dürre kommt. Wasser in der Landschaft zu halten, statt es möglichst schnell abzuleiten. Gebäude so zu planen, dass Menschen darin auch bei 35 Grad noch leben und arbeiten können.

Das ist keine spektakuläre Politik. Aber es ist gute Politik. Der Klimawandel wird uns noch lange beschäftigen. Wir können ihn nicht wegdiskutieren und wir können ihn nicht wegbaggern. Wir können aber entscheiden, wie verletzlich wir ihm gegenüber sein wollen. Darauf sollten wir unsere Investitionen konzentrieren. Nicht auf Aktionismus, sondern auf Resilienz.