KI Entwicklung befeuern um zu gewinnen? >>> Dieses Spiel ist nicht unseres!

Wir erleben gerade etwas, das mich zunehmend an den Kalten Krieg erinnert. Nur ist die Welt heute komplizierter und die möglichen Folgen sind vielleicht noch schwerer zu überblicken. Die USA und China stehen in einem technologischen und geopolitischen Wettbewerb, der längst weit über Handel und Wirtschaft hinausgeht. Es geht um Chips, künstliche Intelligenz, Produktionsmaschinen, Rohstoffe, Forschungsdaten, Kommunikationsnetze und inzwischen immer deutlicher auch um die Kontrolle des Weltraums. Auf beiden Seiten wächst die Bereitschaft, technologische Abhängigkeiten als Sicherheitsrisiko zu betrachten. Lieferketten werden eingeschränkt, Exportkontrollen verschärft, strategisch wichtige Technologien abgeschottet. Forschungsdaten werden zum geopolitischen Gut. Und bei der künstlichen Intelligenz scheint zunehmend die Frage wichtiger zu werden, wer schneller ist, als die Frage, ob die Entwicklung ausreichend kontrolliert werden kann.

Der Weltraum kommt nun als nächste Dimension hinzu. Die USA haben gerade erstmals öffentlich bestätigt, dass sie über weltraumgestützte Waffen zur „space control“ verfügen. China kritisiert dies als Schritt zu einem neuen Wettrüsten, Russland fordert erneut verbindliche Regeln gegen Waffen im Weltraum. Gleichzeitig baut auch die NATO ihre Fähigkeiten im Weltraum massiv aus. Sie betrachtet den Weltraum inzwischen ausdrücklich als eigenes Operationsgebiet.
Das ist nicht überraschend. Satelliten sind heute keine technische Spielerei mehr. Sie ermöglichen Kommunikation, Navigation, Wetterbeobachtung, Finanztransaktionen, Landwirtschaft, Logistik, Frühwarnung und militärische Aufklärung. Die NATO bezeichnet Weltrauminfrastruktur deshalb inzwischen als kritische Grundlage ihrer militärischen und zivilen Handlungsfähigkeit. Gerade deshalb ist die Entwicklung so gefährlich.

Denn dieselbe Logik, die schon das atomare Wettrüsten geprägt hat, beginnt wieder zu greifen: Wenn der andere eine neue Fähigkeit entwickelt, können wir es uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Also entwickeln wir ebenfalls eine. Der andere reagiert darauf. Und irgendwann ist ein Wettrüsten entstanden, das niemand als Gesamtprojekt beschlossen hat. Das Problem ist nicht, dass die USA sich gegen China schützen wollen. Das Problem ist auch nicht, dass Europa seine eigene Sicherheit gewährleisten muss. Beides ist angesichts der internationalen Entwicklung nachvollziehbar. Das Problem entsteht dort, wo aus notwendiger Verteidigungsfähigkeit ein permanenter technologischer Wettbewerb wird, bei dem jede neue Fähigkeit des Gegners automatisch die Entwicklung der nächsten eigenen Fähigkeit erzwingt.

Beim atomaren Wettrüsten hatten wir am Ende schlicht auch Glück. Natürlich gab es Diplomatie, Rüstungskontrolle und Menschen, die Risiken erkannt und Entscheidungen getroffen haben. Aber es gab eben auch Situationen, in denen Fehlinterpretationen oder technische Fehlalarme die Welt gefährlich nahe an eine Katastrophe gebracht haben. Wir sollten uns deshalb nicht einreden, die Menschheit habe das atomare Wettrüsten souverän kontrolliert. Sie hat gelernt, mit einem extrem gefährlichen System zu leben. Und sie hat mehrfach erlebt, wie wenig dafür manchmal gefehlt hat.

Heute ist die Situation in mancher Hinsicht schwieriger. Damals wusste man wenigstens, was die zentrale Waffe war. Heute entstehen gleichzeitig neue Technologien in unterschiedlichen Bereichen: künstliche Intelligenz, autonome Waffensysteme, Cyberangriffe, Biotechnologie, Drohnen, Hyperschallwaffen und Weltraumsysteme. Und diese Technologien verbinden sich miteinander!

Ein Satellit liefert Daten. KI wertet sie aus. Ein autonomes System verarbeitet die Informationen. Cyberfähigkeiten können Kommunikationswege stören. Neue Sensoren verkürzen die Reaktionszeit. Und militärische Entscheidungen könnten irgendwann in einem Tempo vorbereitet oder getroffen werden, bei dem Menschen kaum noch die Möglichkeit haben, die Entwicklung zu überprüfen. Gleichzeitig erleben wir eine Abschottung, die auch die Wissenschaft erreicht.
Das ist besonders widersinnig. Wissenschaftlicher Fortschritt beruhte über Jahrhunderte darauf, dass Erkenntnisse geteilt wurden. Heute werden Forschungsdaten zunehmend zu einem strategischen Rohstoff. Wer über große Mengen hochwertiger Forschungsdaten verfügt, kann damit die wissenschaftlichen KI-Systeme der Zukunft trainieren. Wer diese Daten kontrolliert, kontrolliert damit möglicherweise einen Teil des künftigen wissenschaftlichen Fortschritts. China schränkt den internationalen Austausch bestimmter Forschungsdaten zunehmend ein. In Europa haben Forschungsorganisationen deshalb bereits Probleme bei Kooperationen mit chinesischen Partnern. Und gleichzeitig versuchen die USA, ihre technologische Führungsposition durch Exportkontrollen und den Schutz strategischer Technologien zu sichern.

Das ist aus der jeweiligen nationalen Perspektive verständlich. Aber aus globaler Perspektive entsteht daraus ein gefährlicher Kreislauf.
  • Keine Chips.
  • Keine Produktionsmaschinen.
  • Keine strategischen Forschungsdaten.
  • Keine gemeinsamen Standards.
  • Keine gemeinsamen Sicherheitsregeln.
    Und irgendwann vielleicht auch keine gemeinsame Sprache mehr darüber, welche Technologien überhaupt noch verantwortbar sind.

Das erinnert tatsächlich an einen neuen „Eisernen Vorhang“. Nur verläuft er heute nicht mehr zwischen zwei politischen Blöcken. Er verläuft durch Technologie, Daten, Lieferketten, Forschung und Infrastruktur. Und Europa steckt mitten drin. Wir sind kein gleichrangiger Akteur dieses Spiels. Aber wir sind Teil davon. Europa kann sich nicht aus der amerikanisch-chinesischen Konkurrenz heraushalten. Wir können weder auf amerikanische Sicherheitsstrukturen verzichten noch die wirtschaftlichen und technologischen Beziehungen zu China einfach beenden. Vor allem haben wir viel zu verlieren! Eine Eskalation zwischen den großen Mächten würde nicht nur die USA und China treffen. Sie würde Europa wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch massiv treffen. Und bei einem Konflikt um Satelliten, Kommunikation oder kritische Infrastruktur wäre Europa nicht Zuschauer, sondern unmittelbar betroffen.

Das ist der Punkt, an dem Europa anfangen sollte, eine eigene politische Frage zu stellen. Nicht: Wie werden wir zur dritten Supermacht? Sondern: Wie verhindern wir, dass wir in einen Wettbewerb hineingezogen werden, dessen Regeln andere bestimmen und dessen Risiken wir mittragen müssen? Europa braucht dafür selbstverständlich eigene Fähigkeiten. Bei Chips, Energie, Rohstoffen, KI, Cyberabwehr und Weltrauminfrastruktur kann Abhängigkeit kein dauerhaftes Sicherheitskonzept sein. Die NATO baut deshalb beispielsweise mit HALO gerade ein vernetztes System militärischer Satelliten auf, an dem auch Deutschland beteiligt ist. Aber Eigenständigkeit muss für Europa nicht bedeuten, jeden Wettlauf mitzumachen. Wir könnten versuchen, Stärke und Begrenzung zusammenzudenken: ausreichende Fähigkeiten zur eigenen Sicherheit, aber gleichzeitig internationale Regeln für Technologien, deren Risiken irgendwann nicht mehr national beherrschbar sind. Das gilt für den Weltraum genauso wie für künstliche Intelligenz.

Denn bei der KI stehen wir möglicherweise noch am Anfang eines Wettrennens. Und anders als bei früheren Technologien ist noch keineswegs klar, wo die Grenze zwischen einer nützlichen Maschine und einem System liegt, dessen Fähigkeiten sich unserer Kontrolle entziehen könnten. Gerade jetzt gibt es aus der KI-Branche selbst wieder deutliche Warnungen vor den Risiken einer zu schnellen Entwicklung. Deshalb wäre es fatal, wenn auch hier die entscheidende politische Logik lautete: Wir müssen schneller sein und bleiben als die anderen.

Wir können etwas aus der Geschichte lernen: Die größte Verschwendung des Kalten Krieges waren nicht nur die Billionen, die in Waffen investiert wurden. Es war die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Menschheit darauf verwendet wurde, sich gegenseitig davon abzuhalten, diese Leistungsfähigkeit einzusetzen.

Heute stehen wir wieder am Anfang eines technologischen Wettrennens. Nur geht es diesmal nicht allein um Waffen. Es geht um die Kontrolle über Technologien, Daten und Infrastrukturen, die unsere gesamte Gesellschaft verändern werden. Das Spiel ist nicht unseres – aber wie so viele andere Länder können wir nicht aussteigen. Deshalb sollten wir Europäer gemeinsam mit all denen die unsere Rolle teilen, darüber sprechen, welche Regeln für dieses Spiel gelten sollen.