Warum Deutschland neben mehr Pflegeplätzen vor allem eine neue Kultur der Gesundheitsvorsorge braucht
Deutschland steht vor einer Entwicklung, deren Folgen seit Jahren absehbar sind: Wir geburtenstarken Jahrgänge kommen in ein Alter, in dem chronische Erkrankungen, körperlicher Abbau und Pflegebedürftigkeit deutlich häufiger werden. Gleichzeitig fehlen schon heute Pflegekräfte. Wir haben weder die Aussicht auf genügend Pflegeheimplätze noch darauf, in den kommenden Jahrzehnten die notwendige Zahl an Pflegekräften gewinnen zu können.
Trotzdem beschäftigen wir uns politisch lieber mit der Rente mit 63 und inzwischen auch mit ersten Leistungskürzungen oder Einschränkungen in der Pflegeversicherung. Wir diskutieren darüber, wie die Folgen des Problems finanziert und verteilt werden sollen, anstatt uns ausreichend mit der Frage zu beschäftigen, wie viele Pflegefälle überhaupt verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert werden könnten. Dabei liegt genau hier eine der großen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte.
Was können wir heute tun, damit möglichst viele Menschen möglichst lange gar keine Pflege brauchen? Das ist keine Frage nach einem Wundermittel gegen das Altern. Es geht auch nicht darum, Menschen für ihre Krankheiten oder ihre spätere Pflegebedürftigkeit verantwortlich zu machen. Aber wir wissen inzwischen sehr viel darüber, welche Faktoren beeinflussen, ob Menschen im Alter körperlich und geistig selbstständig bleiben. Bewegung, Ernährung, Körpergewicht, Schlaf, soziale Kontakte und die Behandlung chronischer Erkrankungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Wir sollten deshalb endlich beginnen, diese Erkenntnisse als das zu betrachten, was sie sind: Als eine der wichtigsten sozialen und gesundheitspolitischen Aufgaben unserer Zeit.
Es ist ein wenig wie beim Klimawandel: Nichts zu tun ist keine vernünftige Option. Wir können die demografische Entwicklung nicht aufhalten. Aber wir können beeinflussen, wie wir mit ihren Folgen umgehen. Jeder Pflegefall, der verhindert oder um Jahre hinausgezögert werden kann, bedeutet für den betroffenen Menschen mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität – und für die Gesellschaft weniger Druck auf Pflege, Angehörige und Sozialversicherung.
Die Frage ist also nicht, ob wir uns Prävention leisten können. Wir sollten uns vielmehr fragen, ob wir es uns leisten können, sie weiterhin nicht ernst genug zu nehmen.
In der Medizin wird häufig erst behandelt, wenn bereits eine Krankheit oder ein konkretes Symptom vorliegt. Das ist verständlich: Ein Patient kommt mit Schmerzen, Atemnot, erhöhtem Blutdruck oder einer Stoffwechselerkrankung zum Arzt und erhält eine Diagnose und eine Behandlung. Ein schleichender Verlust körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit passt schlecht in dieses System. In der Altersmedizin gibt es dafür den Begriff Frailty, häufig übersetzt mit Gebrechlichkeit oder erhöhter Vulnerabilität. Gemeint ist nicht einfach das hohe Lebensalter. Gemeint ist eine nachlassende Widerstandsfähigkeit des Körpers, die dazu führt, dass ein Mensch auf Belastungen immer schlechter reagieren kann. Ein Sturz, eine Infektion oder ein Krankenhausaufenthalt kann dann plötzlich Folgen haben, die ein robusterer Mensch ohne bleibende Einschränkungen überstanden hätte. Das Entscheidende: Dieser Prozess ist nicht zwangsläufig unveränderlich. Frailty kann erkannt und in vielen Fällen beeinflusst werden. Dazu gehören beispielsweise Bewegung und Krafttraining, eine ausreichende Ernährung, die Behandlung chronischer Erkrankungen, die Überprüfung von Medikamenten, die Förderung geistiger Fähigkeiten und soziale Teilhabe.
Deutschland hat ein leistungsfähiges System entwickelt, um Menschen zu versorgen, wenn sie pflegebedürftig geworden sind. Aber die Pflegeversicherung ist vor allem ein System zur Bewältigung eines bereits eingetretenen Risikos. Wenn die Zahl der Pflegebedürftigen stark steigt, können wir deshalb nicht mehr davon ausgehen, dass die Gesellschaft entsprechend viele zusätzliche Pflegekräfte bereitstellen kann. Pflege ist personalintensiv, alles Handarbeit. Ein/e Pfelgende/r kann nicht gleichzeitig zehn Pflegebedürftige versorgen. Und Pflegekräfte lassen sich nicht beliebig ausbilden oder aus anderen Ländern anwerben, denn auch dort altert die Bevölkerung zunehmend. Damit wird Prävention zu mehr als einer gesundheitspolitischen Wunschvorstellung. Sie wird zu einer Frage der Funktionsfähigkeit unseres Sozialstaates.
Jeder Mensch, der fünf Jahre länger selbstständig leben kann, braucht möglicherweise fünf Jahre lang keinen Pflegeheimplatz. Jeder verhinderte schwere Sturz, jeder vermiedene Folgeaufenthalt im Krankenhaus und jeder Mensch, der seine Mobilität länger erhält, entlastet nicht nur das Gesundheitssystem, sondern vor allem die Betroffenen und ihre Familien.
Nicht jeder Mensch kann gesund altern. Krankheiten treffen Menschen auch unabhängig von ihrem Verhalten. Die sozialen Voraussetzungen sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Wer körperlich hart arbeitet, wenig verdient oder über Jahrzehnte unter schlechten Lebensbedingungen lebt, hat weniger Möglichkeiten als jemand mit viel Zeit, Geld und Zugang zu Gesundheitsangeboten. Aber aus dieser Erkenntnis folgt nicht, dass Selbstverantwortung bedeutungslos wäre.
Im Gegenteil: Gerade weil nicht alles beeinflussbar ist, sollte jeder die Möglichkeit bekommen, das Beeinflussbare möglichst gut zu nutzen. Dazu gehören ganz basale Dinge: regelmäßige Bewegung, Erhalt von Muskelkraft, vernünftige Ernährung, ein gesundes Körpergewicht, ausreichend Schlaf, Nichtrauchen, ein maßvoller Umgang mit Alkohol, gute Mundgesundheit und die Behandlung von Bluthochdruck oder Diabetes. Das klingt banal, könnte aber unglaublich viel bewirken!
Über die großen Versprechen der sogenannten Longevity-Branche wird viel gesprochen. Über Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, genetische Eingriffe oder Verfahren, die das biologische Altern angeblich zurückdrehen sollen, lässt sich Aufmerksamkeit gewinnen. Dabei sind die wesentlich wirksameren Maßnahmen wenig spektakulär. Wir wissen längst sehr viel darüber, was Menschen hilft, möglichst lange selbstständig zu bleiben. Wir setzen dieses Wissen nur nicht konsequent genug um. Besonders deutlich wird das bei Übergewicht, Bewegungsmangel und Stoffwechselerkrankungen. Zehn zusätzliche Lebensjahre, in denen ein Mensch seine Wohnung verlassen, einkaufen, Freunde treffen, reisen, seine Angelegenheiten selbst regeln und vielleicht seine Enkel betreuen kann, sind etwas völlig anderes als zehn zusätzliche Jahre mit weitgehender Abhängigkeit von anderen. Die entscheidende Größe ist deshalb nicht allein die Lebenserwartung. Es geht um mehr gesunde und selbstständige Lebensjahre.
Hier liegt ein Gedanke nahe, der zunächst historisch wirken mag, tatsächlich aber sehr modern sein könnte. Die deutsche Arbeiterbewegung entstand im 19. Jahrhundert nicht allein aus Parteien und Parlamenten. In vielen Städten entstanden Arbeitervereine und Bildungsvereine. Bildung war ein Instrument der Selbstorganisation: Menschen sollten Wissen erwerben, sich austauschen und ihre Angelegenheiten zunehmend selbst in die Hand nehmen. Auch die frühe Sozialdemokratie war eng mit dieser Vereins- und Bildungskultur verbunden. Das muss heute natürlich nicht politisch kopiert werden, aber die Idee dahinter könnte wieder interessant werden. Warum sollte es nicht wieder mehr Orte geben, an denen Menschen gemeinsam lernen? Diesmal wie sie gesund älter werden können. Nicht als Belehrungsveranstaltung. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Und schon gar nicht nach dem Motto: Wer krank wird, ist selbst schuld.
Sondern als Hilfe zur Selbsthilfe. Man könnte gemeinsam lernen, wie man Kraft und Beweglichkeit erhält, wie man Diabetes vermeidet oder gut kontrolliert, was eine vernünftige Ernährung im Alltag tatsächlich bedeutet, wie man Stürze verhindert, warum Schlaf wichtig ist und was soziale Isolation mit Gesundheit macht. Vor allem aber könnte man lernen, welche Warnzeichen darauf hindeuten, dass die eigene körperliche oder geistige Widerstandsfähigkeit nachlässt.
Solche Angebote könnten in Volkshochschulen, Sportvereinen, Betrieben, Gemeinden, Apotheken, Arztpraxen oder Nachbarschaftszentren stattfinden. Entscheidend wäre weniger die Institution als die Haltung. Nicht: Wir erklären euch, wie ihr zu leben habt. Sondern: Wir geben euch Wissen und Möglichkeiten an die Hand, damit ihr möglichst lange selbstbestimmt leben könnt. Ich finde, das wäre auch ein zeitgemäßes Verständnis von Solidarität.
Solidarität bedeutet nicht zwangsläufig, jede Folge eines Lebensrisikos vollständig kollektiv zu übernehmen. Solidarität kann auch bedeuten, Menschen frühzeitig dabei zu unterstützen, Risiken selbst zu verringern, die sie beeinflussen können. Der Staat kann Prävention fördern, Gesundheitsbildung ermöglichen, Bewegungsangebote schaffen, gute Ernährung erleichtern und medizinische Früherkennung verbessern. Wir Bürger wiederum können diese Möglichkeiten nutzen und Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen.
Die demografische Entwicklung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Wir geburtenstarken Jahrgänge werden jetzt älter, die Zahl der Hochbetagten wird auf nie gekannte Zahlen steigen und gleichzeitig wird es immer schwieriger werden, genügend Menschen für deren Pflege zu gewinnen.