25 Jahre nach dem ersten PISA-Schock erreicht Deutschland einen historischen Tiefstand. Besonders beunruhigend ist dabei nicht nur das schlechte Abschneiden in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Beunruhigend ist, dass wir seit Jahren sehr genau wissen, wo die Probleme liegen. Warum gelingt es uns trotzdem so wenig, daraus bessere Schule zu machen?
Als 2001 die erste PISA-Studie veröffentlicht wurde, war die Aufregung groß. Deutschland erlebte einen „PISA-Schock“. Plötzlich wurde sichtbar, dass unser Bildungssystem keineswegs so leistungsfähig und gerecht war, wie viele geglaubt hatten. Es folgten Reformen, neue Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten, Lernstandserhebungen und eine Vielzahl weiterer Maßnahmen. Zunächst zeigte sich sogar, dass Veränderungen möglich sind. Deutschland verbesserte sich. Doch seit etwa 2015 geht die Entwicklung wieder deutlich nach unten. Die aktuellen Ergebnisse sind deshalb dramatisch.
Aber sie sind für mich nicht überraschend. Denn wir haben inzwischen ein geradezu gewaltiges Wissen darüber, was in unserem Bildungssystem nicht funktioniert. Wir wissen, dass zu viele Jugendliche die grundlegenden Kompetenzen im Lesen und in Mathematik nicht erreichen. Wir wissen, dass der Bildungserfolg in Deutschland ungewöhnlich stark von der sozialen Herkunft abhängt. Wir wissen, dass sich die Schere zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern weiter öffnet. Und wir wissen, dass Nordrhein-Westfalen bei wichtigen Bildungsindikatoren teilweise besonders schlecht abschneidet.
Was mir deshalb fehlt, ist weniger die Diagnose als die Konsequenz daraus: Wir brauchen endlich ein Bildungssystem, das systematisch aus seinen eigenen Daten lernt.
Dabei sollten wir allerdings aufpassen, nicht reflexartig die Lehrerinnen und Lehrer zum Problem zu erklären. Gerade ihnen gegenüber empfinde ich die aktuelle Diskussion als ungerecht. Die Anforderungen an ihren Beruf sind in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Sie sollen unterschiedliche Lernvoraussetzungen ausgleichen, mit sozialen Problemen umgehen, Integration leisten, digitale Medien beherrschen und gleichzeitig den Unterricht so individualisieren, dass möglichst jedes Kind mitgenommen wird. Nun kommen Social Media und künstliche Intelligenz hinzu.
Und wenn die Ergebnisse schlecht sind, entsteht leicht der Eindruck: Die Lehrer müssen eben besser werden. Ich halte das für den falschen Ansatz!
Nicht weil Unterricht keine Rolle spielt. Natürlich spielt er eine zentrale Rolle. Aber wenn wir von Lehrern bessere Ergebnisse erwarten, müssen wir ihnen auch bessere Möglichkeiten geben, herauszufinden, was in ihrem Unterricht funktioniert und was nicht.
Dabei kann ein gutes Qualitätsmanagement ein wertvolles hilfsmittel sein. An meiner früheren Schule, die nicht Teil des öffentlichen Schulsystems war, haben wir nach DIN ISO gearbeitet. Ein wesentlicher Bestandteil war die regelmäßige Evaluation des Unterrichts. Die Schülerinnen und Schüler beurteilten ihren Unterricht quartalsweise. Die Lehrerinnen und Lehrer mussten gleichzeitig ihren eigenen Unterricht einschätzen. Die Ergebnisse wurden in den Konferenzen ausgewertet und mit den Klassensprechern besprochen. Das war am Anfang durchaus ungewohnt und teilweise auch mit Angst verbunden. Schließlich ist es etwas anderes, ob eine Lehrkraft ihren Unterricht selbst beurteilt oder ob die eigenen Schülerinnen und Schüler dazu Stellung nehmen. Aber mit der Zeit veränderte sich die Haltung. Die Evaluation wurde nicht mehr als Bedrohung empfunden, sondern als hilfreiches Feedback. Gerade der Vergleich zwischen der Selbsteinschätzung der Lehrer und der Wahrnehmung der Schüler war ausgesprochen lehrreich. Natürlich zeigte sich manchmal, dass eine Unterrichtsstunde aus Sicht des Lehrers ganz anders angekommen war als bei den Schülern. Daraus konnte man lernen und die Unterschiede wurden geringer – die Ergebnisse besser. Und überhaupt haben wir die positve Erfahrung gemacht, das unsere SchülerInnen gute und faire Kritiker waren!
Die Ergebnisse halfen uns außerdem bei der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Curriculums. Das Ganze hat echt Arbeit gemacht. Aber es hat uns nicht unsicherer gemacht, sondern letztlich souveräner und zufriedener – auch erfolgeicher. Ich glaube, genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Kontrolle und Qualitätsmanagement. Kontrolle fragt: Wer hat einen Fehler gemacht? Qualitätsmanagement fragt: Was können wir aus dem Ergebnis lernen und wie werden wir besser? Ein solcher Qualitätskreislauf müsste eigentlich für jede Schule selbstverständlich sein. Unterricht wird geplant, die Wirkung wird überprüft, Lehrer und Schüler geben Rückmeldung, die Ergebnisse werden gemeinsam ausgewertet und daraus werden Veränderungen abgeleitet. Anschließend wird erneut überprüft, ob diese Veränderungen tatsächlich etwas bewirkt haben. Das ist kein Misstrauen gegenüber Lehrern. Im Gegenteil: Es ist ein Zeichen von Professionalität.
Natürlich gibt es in NRW bereits Instrumente der Qualitätssicherung. Aber zwischen Qualitätssicherung und einem wirklich lernenden System besteht ein Unterschied. Wenn jede Schule ihre Qualitätsentwicklung weitgehend selbst gestaltet und erfolgreiche und weniger erfolgreiche Ansätze nicht systematisch miteinander verglichen werden, verschenken wir eine enorme Chance. Dabei liegt gerade im Vergleich ein gewaltiges Potenzial. Deutschland hat eine große Zahl unterschiedlicher Schulformen und pädagogischer Konzepte. Auch innerhalb Nordrhein-Westfalens gibt es Schulen, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen sehr unterschiedliche Ergebnisse erreichen. Wir sollten deshalb viel stärker fragen: Was machen die Erfolgreichen anders? Das wäre echtes Benchmarking. Es geht dabei nicht darum, ein bestimmtes Schulmodell zum alleinigen Vorbild für alle zu erklären. Wenn beispielsweise die PRIMUS-Schule in Münster interessante Ergebnisse oder Erfahrungen vorzuweisen hat, sollte man genau hinschauen. Welche Elemente ihres Konzeptes funktionieren? Unter welchen Bedingungen funktionieren sie? Was lässt sich auf andere Schulen übertragen und was nicht? Das wäre eine wesentlich sachlichere Diskussion als die immer wiederkehrenden ideologischen Auseinandersetzungen über die „richtige“ Schule.
Auch beim Unterricht selbst müssen wir meiner Ansicht nach stärker darüber nachdenken, wozu Schülerinnen und Schüler das Gelernte eigentlich brauchen.
PISA fragt schließlich nicht in erster Linie danach, ob ein bestimmter Stoff im Unterricht behandelt wurde. Entscheidend ist, ob Jugendliche Wissen anwenden und Probleme in Situationen ihres Alltags lösen können. Warum also nicht einmal eine Unterrichtssequenz rund um die Frage gestalten: „Ich suche meine erste Wohnung“? Plötzlich wird Mathematik praktisch. Mietkosten müssen berechnet werden, Nebenkosten und ein Haushaltsbudget, vielleicht auch ein Kredit. Für eine Renovierung müssen Flächen berechnet und Mengen an Farbe oder Bodenbelag ermittelt werden. Im Deutschunterricht werden Wohnungsanzeigen geschrieben, Bewerbungen formuliert und Gespräche geführt. Politik und Sozialwissenschaften können sich mit Wohnungsnot, Einkommen, Mietrecht und sozialer Ungleichheit beschäftigen. Geschichte kann untersuchen, wie sich die Wohnverhältnisse verschiedener gesellschaftlicher Gruppen verändert haben. Im Technikunterricht könnten schließlich ganz praktische Dinge dazukommen: Wie streiche ich eine Wand? Wie tausche ich einen alten WC-Sitz? Wie benutze ich Werkzeug? Das Entscheidende wäre dabei nicht, dass heute unbeliebte Fächer abgeschafft werden. Im Gegenteil. Die Fachkompetenz bleibt notwendig. Aber sie wird in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt. Ein Jugendlicher versteht dann vielleicht zum ersten Mal, warum er bestimmte mathematische Kenntnisse tatsächlich braucht. Das halte ich für einen wichtigen Unterschied zwischen klassischem Fachunterricht und problemorientiertem Lernen.
Hinzu kommt die soziale Dimension. PISA zeigt erneut, wie stark Bildungserfolg in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängt. Das ist kein Problem, das die Schule allein lösen kann. Unsere Gesellschaft ist sozial stärker sortiert, als wir es uns manchmal eingestehen. Menschen wohnen in unterschiedlichen Vierteln, verbringen ihre Freizeit in unterschiedlichen Milieus, treffen sich in unterschiedlichen Vereinen und bewegen sich in unterschiedlichen sozialen Netzwerken. Vieles davon geschieht nicht aufgrund einer bewussten Entscheidung gegen andere, manches aber durchaus. Kinder wachsen dadurch in sehr unterschiedlichen sozialen Welten auf. Die Schule kann diese Unterschiede nicht einfach beseitigen. Aber sie kann ihnen etwas entgegensetzen: gemeinsame Erfahrungen, Begegnungen, Projekte und eine Schule, die Kindern auch Lebenswelten zugänglich macht, die ihnen sonst verschlossen blieben. Gerade deshalb halte ich einen guten Ganztag für eine wichtige Zukunftsperspektive. Denn inzwischen verändert sich die Lebenswelt der Kinder noch schneller. Smartphone, Social Media und künstliche Intelligenz werden unsere Bildungsprobleme nicht automatisch lösen. Im Gegenteil: Sie können die Unterschiede sogar verstärken, wenn wir nicht lernen, mit ihnen richtig umzugehen.
Dabei geht es nicht darum, junge Menschen von digitalen Medien fernzuhalten. Wir müssen ihnen vielmehr beibringen, mit dieser Welt kompetent umzugehen. Wenn eine künstliche Intelligenz innerhalb weniger Sekunden einen Text schreiben kann, wird es wichtiger, Informationen beurteilen, Fragen formulieren, Zusammenhänge erkennen und Ergebnisse kritisch überprüfen zu können. Das führt uns wieder direkt zu PISA zurück. Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage nicht, warum unsere Schüler schlechter geworden sind, sondern warum es unserem Bildungssystem so schwerfällt, sich an eine veränderte Welt anzupassen. Ich glaube nicht, dass wir dafür eine weitere große Bildungsreform brauchen. Wir brauchen zunächst etwas viel Grundsätzlicheres: ein Bildungssystem, das kontinuierlich lernt. Wir sollten PISA und die anderen Bildungsstudien deshalb nicht als wiederkehrende Hiobsbotschaften betrachten. Sie sind Messinstrumente. Sie zeigen uns, wo wir stehen. Danach müsste ein professioneller Qualitätsprozess beginnen: Ergebnisse analysieren, Ursachen untersuchen, erfolgreiche Lösungen identifizieren, Veränderungen ausprobieren und anschließend überprüfen, ob sie tatsächlich wirken.
Und wenn etwas nicht funktioniert, muss man auch den Mut haben, es wieder zu verändern. Das klingt eigentlich selbstverständlich. In vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen wäre es das auch. Warum sollte es ausgerechnet in der Schule anders sein? Mir tun bei den aktuellen PISA-Ergebnissen deshalb vor allem zwei Gruppen leid: die Schülerinnen und Schüler, denen wir Bildungschancen vorenthalten, und die Lehrerinnen und Lehrer, die immer stärker unter Druck geraten. Beiden wäre mit einer weiteren Runde von Schuldzuweisungen nicht geholfen.
Was wir brauchen, ist eine Kultur, in der Schule sich selbstbewusst fragen darf:
> Was machen wir gut?
> Was machen wir nicht gut genug?
> Was können wir von anderen lernen?
> Und woran erkennen wir, ob unsere Veränderungen tatsächlich etwas bewirken?**
Das wäre für mich der eigentliche PISA-Auftrag nach 25 Jahren. Nicht noch mehr Aufregung, sondern endlich ein Bildungssystem, das aus seinen eigenen Erfahrungen lernt.