Wer, wenn nicht unsere europäischen Nachbarn?

Dass wir in Deutschland über Zuwanderung diskutieren, ist selbstverständlich. Migration verändert Gesellschaften – darüber muss gesprochen werden. Aber bei einer Gruppe sollte eigentlich klar sein, worum es geht: EU-Bürgerinnen und EU-Bürger sind keine Fremden. Sie sind unsere Nachbarn.

Die Europäische Union lebt von der Freizügigkeit. Menschen können arbeiten, leben und ihre Zukunft dort aufbauen, wo sie möchten. Millionen Europäerinnen und Europäer haben sich in den vergangenen Jahren für Deutschland entschieden. Sie arbeiten in Pflegeheimen, in Handwerksbetrieben, in Hotels und Restaurants, auf Baustellen oder in der Logistik. Ohne sie würde vieles in unserem Alltag schlicht nicht funktionieren. Und trotzdem zeigt eine aktuelle Studie: Immer mehr EU-Bürger überlegen, Deutschland wieder zu verlassen. Erstmals seit vielen Jahren ziehen sogar mehr von ihnen weg, als neu kommen.

Das ist keine Randnotiz.
Das ist ein Warnsignal.

Denn wir erleben doch jeden Tag, wo Dienstleistungen wegfallen, Öffnungszeiten eingeschränkt werden oder Betriebe händeringend Personal suchen. Pflegeeinrichtungen, Gastronomie, Handwerk, Verkehr, Einzelhandel – überall fehlt Personal. Wenn ausgerechnet Menschen gehen, die bereits hier leben und arbeiten, ist das für unser Land ein echtes Problem. Dabei ist eines klar: Niemandem ist ein Vorwurf zu machen, der sich entscheidet zu gehen. Jeder Mensch hat das Recht, selbst zu bestimmen, wo er seine Zukunft sieht. Diese Freiheit gehört für uns alle zum Kern Europas. Aber genau deshalb sollten wir uns die Frage stellen, warum so viele darüber nachdenken, Deutschland wieder zu verlassen.

Hohe Lebenshaltungskosten, schwierige Wohnungssuche, Bürokratie, mangelnde Anerkennung, manchmal auch schlichte Unfreundlichkeit im Alltag – all das spielt eine Rolle. Wer hier arbeitet, Steuern zahlt und Teil unserer Gesellschaft ist, muss sich willkommen fühlen können.

Die Zahlen sind deshalb mehr als Statistik. Sie sind eine Abstimmung mit den Füßen.
Und diese Abstimmung hält uns als Gesellschaft einen Spiegel vor. Das Bild darin kann uns nicht gefallen.

Wenn wir ein Land sein wollen, das Fachkräfte gewinnt und hält, dann reicht es nicht, nur über Zuwanderung zu reden. Wir müssen zeigen, dass Menschen hier wirklich willkommen sind. Das beginnt im Alltag: mit Respekt, mit Offenheit, mit einem freundlichen Umgang miteinander.

Deutschland kann mehr sein als ein Arbeitsplatz. Es sollte ein Ort sein, an dem alle Menschen gern leben.

Wir müssen besser werden: freundlicher, aufmerksamer, wertschätzender. Gerade gegenüber denen, die längst Teil unseres Alltags sind – unseren europäischen Nachbarn.