Zukunft für die JVA an der Gartenstraße: Münster kann mehr als Stillstand

In Münster wird derzeit intensiv über die Zukunft der Justizvollzugsanstalt an der Gartenstraße diskutiert. Der Neubau des Gefängnisses hat sich über Jahre hingezogen – Zeit zum Nachdenken gab es also mehr als genug. Jetzt ist es an der Zeit, eine klare städtebauliche Perspektive zu entwickeln. Andere Städte sind längst weiter. Münster sollte den Mut haben, aus guten Beispielen zu lernen.

Vom Gefängnis zum besonderen Ort

Ehemalige Gefängnisse werden zunehmend zu einzigartigen Hotels umgebaut, die historischen Charme mit modernem Komfort verbinden. Prominente Beispiele zeigen, wie so etwas gelingen kann:

  1. Hotel Liberty, Offenburg (Deutschland): Ehemaliges Frauengefängnis, seit 2017 Hotel, ausgezeichnet als Hotel des Jahres 2022.
  2. ALCATRAZ Hotel, Kaiserslautern (Deutschland): Ehemaliges Gefängnis von 1877, umgebaut 2008, bietet Übernachtungen mit „Gefängnis-Feeling“.
  3. Hotel Wilmina, Berlin (Deutschland): Ehemaliges Frauengefängnis, mehrfach architektonisch ausgezeichnet.
  4. Amtsgefängnis Fürstenau (Deutschland): Historisches Gefängnis von 1720, seit 2019 Hotel, teilweise mit Originalzellen.
  5. Het Arresthuis, Roermond (Niederlande): Luxuriöses Hotel, das früher eine Haftanstalt war.
  6. Langholmen Hotell, Stockholm (Schweden): Hotel auf einer ehemaligen Gefängnisinsel.
  7. Hotel Katajanokka, Helsinki (Finnland): Ehemaliges Gefängnis, das zu einem Hotel umgebaut wurde.

Was all diese Projekte eint: Sie erhalten historische Bausubstanz, schaffen neue Nutzungen, öffnen ehemals abgeschottete Orte für die Öffentlichkeit – und sie sind wirtschaftlich tragfähig.

Was heißt das für Münster?

Auch an der Gartenstraße gilt: Alles, was nicht denkmalgeschützt ist, sollte konsequent zurückgebaut werden. Die verbleibende historische Anlage braucht eine sinnvolle, architektonisch hochwertige Ergänzung. Und mitten im Wohnumfeld, in einer Stadt mit massivem Wohnungsmangel, gilt: Wenn nicht Wohnraum – was denn sonst?

Ein kluges Konzept könnte mehrere Ziele miteinander verbinden:

  • Ein besonderes Hotel in den ehemaligen Zellengebäuden – als touristischer Anziehungspunkt mit Geschichte. Münster ist Kongress-, Verwaltungs- und Fahrradstadt, hier besteht Nachfrage nach außergewöhnlichen Übernachtungsorten
  • Apartments und bezahlbarer Wohnraum in Ergänzungsbauten, die sich sensibel in das historische Ensemble einfügen
  • Azubi-Wohnen im Herzen der Stadt

Gerade letzteres liegt mir besonders am Herzen. Während für Studierende mit dem Studentenwerk Strukturen bestehen, fallen junge Menschen in dualer Ausbildung häufig durchs Raster. Auszubildende im Handwerk, in der Verwaltung, im Polizeidienst, in der Pflege – etwa beim UKM oder beim LWL – finden in Münster kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Wer hier arbeitet, soll hier auch wohnen können.

Warum also nicht einen Teil der Anlage gezielt für Lehrlinge und junge Menschen in Ausbildung entwickeln? Kleine, bezahlbare Apartments, gemeinschaftliche Aufenthaltsbereiche, vielleicht sogar Werk- oder Lernräume – ein modernes Azubi-Wohnheim in historischer Umgebung. Das wäre nicht nur sozial gerecht, sondern auch ein starkes Signal an Wirtschaft, Verwaltung und öffentliche Einrichtungen.

Ein Ort mit Geschichte – und Zukunft

Die ehemalige JVA ist ein geschichtsträchtiger Ort. Sie steht für Rechtstaatlichkeit, aber auch für harte Biografien. Eine Umnutzung muss sensibel mit dieser Geschichte umgehen. Informationstafeln, eine kleine Dauerausstellung oder öffentliche Führungen könnten diesen Aspekt aufnehmen. Gleichzeitig sollte aus einem abgeschlossenen Areal ein offenes Quartier werden: mit Grünflächen, Durchwegungen, vielleicht Gastronomie oder Kulturangeboten im Erdgeschoss. Ein lebendiger Ort statt einer leeren Hülle.

Zeit für Entscheidungen!

Der Neubau der Haftanstalt hat sehr lange auf sich warten lassen. Jetzt darf die Entwicklung des Altstandorts nicht erneut in endlosen Prüfprozessen versanden. Münster braucht Tempo – und eine klare politische Zielsetzung:

  • Denkmalschutz respektieren.
  • Nicht erhaltenswerte Gebäude zurückbauen.
  • Wohnraum schaffen.
  • Azubis in den Fokus nehmen.
  • Mit einem Hotelprojekt wirtschaftliche Tragfähigkeit sichern.

Andere Städte zeigen, dass aus Gefängnissen lebendige, attraktive Orte entstehen können. Münster sollte diese Chance ergreifen – mutig, sozial ausgewogen und städtebaulich ambitioniert.

Die Gartenstraße kann mehr sein als ein Relikt der Vergangenheit. Sie kann ein Baustein für bezahlbares Wohnen, für wirtschaftliche Entwicklung und für eine offene Stadtgesellschaft werden. Jetzt ist der Moment, das Projekt entschlossen anzugehen.