Autor Hermann Geusendam-Wode

  • Die Rentendebatte wird gerade auf eine erstaunlich einfache Formel gebracht: Wir werden älter, also müssen wir länger arbeiten. Das klingt logisch. Aber es greift viel zu kurz. Denn die entscheidende Frage ist nicht nur, wann Menschen in Rente gehen. Es geht auch darum, wie wir in Zukunft arbeiten wollen – und wie wir mit Menschen umgehen, die nach 30 oder 40 Berufsjahren noch einmal etwas verändern möchten.

    Die Rentendebatte hat eine merkwürdige Schieflage bekommen. Auf der einen Seite wird den geburtenstarken Jahrgängen erklärt, sie müssten länger arbeiten. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren steht zur Diskussion, ebenso bestimmte Formen der Altersteilzeit. Auf der anderen Seite erleben wir eine Arbeitswelt, in der gerade ältere Beschäftigte nicht selten aus ihren Unternehmen gedrängt werden. Wer mit 57 oder 60 seinen Arbeitsplatz verliert, hat keineswegs automatisch die besten Voraussetzungen für einen neuen Anfang. Im Gegenteil: Das Alter kann auf dem Arbeitsmarkt schnell zum Nachteil werden.

    Das passt nicht zusammen. Ein langes Arbeitsleben ist nicht automatisch ein privilegiertes Arbeitsleben. Ich bin selbst Teil der Generation, über die gerade so viel gesprochen wird: der Babyboomer. Wir haben einen gewaltigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel erlebt. Wir sind mit einer weitgehend analogen Welt aufgewachsen und haben die Digitalisierung miterlebt. Wir haben Globalisierung, mehrere wirtschaftliche Krisen und jetzt den nächsten tiefgreifenden Umbruch durch künstliche Intelligenz erlebt. Aber wir haben auch etwas anderes erlebt: dass ein langes Arbeitsleben nicht automatisch ein gesundes und unbeschädigtes Arbeitsleben bedeutet. Freunde, Bekannte und Kollegen sind auf der Strecke geblieben. Krebserkrankungen, Scheidungen, Suchterkrankungen, Depressionen, chronische Schmerzen, Burnout. Menschen, die Angehörige gepflegt haben. Menschen, deren Ehe zerbrochen ist. Menschen, die nach Jahrzehnten im Beruf einfach erschöpft waren.

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  • Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, bekommt leicht den Eindruck: Die Nervosität in der SPD nimmt zu. Aus allen Richtungen kommen Wortmeldungen, Forderungen und Vorschläge, was sich in der Partei ändern müsse. Viele davon sind berechtigt. Manche widersprechen sich. Und manches wirkt inzwischen wie eine öffentliche Selbstbeschäftigung einer Partei, die dringend wieder über ihre Zukunft reden müsste.

    Ich meine, die Lage ist ernster, als wir sie vielleicht wahrnehmen. Dazu gehört zunächst eine unbequeme Erkenntnis: Ich glaube, dass wir die Dimension der gegenwärtigen Situation noch nicht vollständig erfasst haben. Deutschland hat gleichzeitig mit einer schwachen wirtschaftlichen Dynamik, hohen Energiepreisen, zunehmendem internationalen Wettbewerbsdruck, geopolitischen Risiken, demografischen Veränderungen, einer angespannten Sicherheitslage, einer überforderten öffentlichen Infrastruktur und einer wachsenden Belastung der sozialen Sicherungssysteme zu kämpfen. Und wir haben uns in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, einen Teil dieser Probleme durch zusätzliche staatliche Ausgaben abzufedern. Das war in Krisen teilweise richtig und notwendig. Aber Schulden lösen ein Problem nicht. Sie verschieben seine Rechnung.

    Die deutsche Staatsverschuldung ist 2025 um 144 Milliarden Euro auf rund 2,84 Billionen Euro gestiegen; die Schuldenquote erhöhte sich auf 63,5 Prozent.
    Da droht noch kein Staatsbankrott, aber es zeigt, dass wir uns nicht dauerhaft aus jeder schwierigen Situation herausfinanzieren können. Genau deshalb sollten man auch den heutigen Brandbrief von Vertretern der Metall- und Elektroindustrie ernst nehmen. Darin warnen Unternehmen und Wirtschaftsverbände vor hohen Energiekosten, internationalem Wettbewerbsdruck und steigenden Belastungen und fordern unter anderem schnelle Reformen bei den Sozialabgaben. Zwar hat auch die Industrie nicht automatisch auf jede Frage die richtige Antwort, aber wenn Unternehmen, die in Deutschland investieren, Arbeitsplätze schaffen und international konkurrieren, so deutlich sagen, dass die Belastungsgrenze näherkommt, sollten wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten das nicht einfach als Lobbyismus abtun. Wir sollten zuhören.

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  • Für meine Generation war ein eigenes Auto zunächst ein Traum. Nicht irgendein Traum, sondern ein ziemlich großer. Ein Auto bedeutete Freiheit: Man konnte einfach losfahren, musste nicht mehr auf den Bus warten und war plötzlich unabhängig. Für viele von uns war der Kauf des ersten Autos eine gewaltige Anschaffung – oft verschlang ein Kleinwagen einen erheblichen Teil des Jahreseinkommens. Und dann stand er vor der Tür: der Käfer, der Kadett, der R4 der Ford 12 M. Man war stolz. Was wir damals weniger wahrgenommen haben: Diese Autos waren erstaunlich unsicher. Keine Knautschzonen, wie wir sie heute kennen. Keine Airbags. Keine elektronischen Stabilitätsprogramme. Keine Kopfstützen. Sicherheitsgurte waren zunächst längst nicht selbstverständlich.

    Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Fahrschule. Das Fahrschulauto war häufig ein relativ neuer Wagen – und plötzlich saß man in einem Auto, das Dinge hatte, die man aus dem eigenen Familienwagen gar nicht kannte: Kopfstützen und Dreipunktgurte die man jedes mal neu einstellen musste. Man gewöhnte sich daran. Aber nicht unbedingt freiwillig. Als die ersten Sicherheitsgurte Pflicht wurden, gab es Widerstand. Warum sollte man sich während der Fahrt „festbinden“? Das sei unbequem. Man könne sich bei einem Unfall vielleicht nicht mehr befreien. Und überhaupt: Man fahre schließlich vorsichtig.
    Die freiwillige Gurtbenutzung funktionierte nicht ausreichend. Also wurde die Pflicht eingeführt – zunächst auf den Vordersitzen, später auch hinten. Heute erscheint uns das selbstverständlich.

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  • Auszubildende sind kein Problem – sie sind unsere Zukunft

    Der neue Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds ist alarmierend: Jeder zweite Auszubildende fühlt sich psychisch belastet. Die Zufriedenheit mit der Ausbildung sinkt. Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, fehlende Betreuung und schlechte Kommunikation gehören zu den Problemen, von denen junge Menschen berichten.
    Die Zahlen sollte man ernst nehmen. Die Befragung ist umfangreich und methodisch solide. Und die Probleme sind real.

    Aber man kann einen solchen Report auf unterschiedliche Weise lesen. Man kann ihn als Anklage gegen die Ausbildungsbetriebe verstehen. Oder als weiteren Beleg dafür, dass die junge Generation immer weniger belastbar sei. Ich glaube, beides greift zu kurz. Denn hinter den Zahlen steckt eine viel interessantere Frage: Was passiert eigentlich, wenn eine veränderte junge Generation auf eine Arbeitswelt trifft, die sich selbst ebenfalls verändert hat?

    Natürlich waren Jugendliche schon immer anders als die Generation vor ihnen. Das ist nichts Neues. Aber die Lebenswelt hat sich verändert. Viele junge Menschen wachsen heute mit weniger Geschwistern auf, bekommen viel Aufmerksamkeit und werden stärker begleitet. Eltern greifen häufiger ein, wenn es schwierig wird. Lob und positive Verstärkung spielen eine größere Rolle. Gleichzeitig haben soziale Medien eine Welt geschaffen, in der Schwächen möglichst nicht gezeigt werden. Das ist nicht automatisch schlecht. Aber junge Menschen bringen dadurch teilweise andere Erfahrungen mit, wenn sie in eine Ausbildung kommen. Dort gelten plötzlich andere Regeln. Man muss morgens zuverlässig erscheinen. Acht Stunden Arbeit können körperlich anstrengend sein. Man muss sich konzentrieren, auch wenn man gerade keine Lust dazu hat. Man muss warten, bis man an der Reihe ist. Kritik aushalten. Sich in ein Team einfügen. Aufgaben erledigen, deren Sinn man vielleicht noch nicht versteht. Und manchmal auch etwas tun, was schlicht keinen Spaß macht. Das muss man lernen. Manche müssen sogar lernen, sich selbst realistisch einzuschätzen.

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  • Der immer schneller steigende Schuldenberg der USA klingt zunächst nach einem Problem weit weg. Ist es aber nicht. Was in Washington, an den Finanzmärkten und mit dem Dollar passiert, kann auch unseren Alltag und die Handlungsmöglichkeiten Deutschlands und Europas beeinflussen. Viele Menschen werden den Handelsblatt-Kommentar über die „große Schuldenlüge der USA“ wahrscheinlich überblättern. Zu kompliziert, zu weit weg, zu viel Finanzpolitik. Dabei steckt dahinter eine Entwicklung, die uns alle interessieren sollte.

    Die USA leben seit vielen Jahren auf großem Fuß. Der Staat gibt mehr Geld aus, als er einnimmt, und finanziert die Differenz über neue Schulden. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Auch Staaten können sich verschulden. Entscheidend ist, ob ihre Wirtschaft stark genug wächst und ob die Kosten für die Schulden beherrschbar bleiben. Genau hier wird es inzwischen interessant. Die USA müssen inzwischen für langfristige Staatsanleihen wieder mehr als fünf Prozent Zinsen bieten. Das klingt zunächst vielleicht nicht dramatisch. Bei einem einzelnen Kredit wäre es das auch nicht, aber die USA haben einen Schuldenberg von inzwischen mehr als 40 Billionen Dollar >>> 40.000.000.000.000 (Vierzig Billionen)

    Natürlich wird nicht die gesamte Summe gleichzeitig zu fünf Prozent neu verzinst. Die alten Anleihen laufen zu unterschiedlichen Zeiten aus und werden nach und nach ersetzt. Trotzdem steigt mit jedem Refinanzierungsschritt der Anteil der Schulden, für den höhere Zinsen bezahlt werden müssen. Und damit entsteht ein unangenehmer Kreislauf: Mehr Schulden bedeuten mehr Zinsen. Mehr Zinsen bedeuten höhere Staatsausgaben. Höhere Ausgaben bedeuten neue Schulden. Und neue Schulden können wiederum zu höheren Zinsen führen. Noch droht keine unmittelbare Staatspleite, die USA können ihre Schulden weiterhin bedienen. Aber die finanzielle Bewegungsfreiheit des Staates wird kleiner, auch wenn der Präsident das nicht wahrhaben will.

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