Autor Hermann Geusendam-Wode
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Warum wir beim Denkmalschutz lernen müssen, zwischen Bewahren und Loslassen zu unterscheiden
Jede Generation hinterlässt der nächsten nicht nur eine Welt, sondern auch ihre Denkmäler. Gebäude, Plätze, Gärten, Industrieanlagen, Brücken, Mahnmale – sie erzählen Geschichten davon, was Menschen vor uns wichtig fanden. Sie erinnern an Erfolge und Katastrophen, an Alltag und Ausnahmezustände, an technische Leistungen, an politische Macht, an Krieg und Frieden. Und mit jedem Jahr werden es mehr.
Ein aktueller Beitrag von n-tv über die Zukunft des Denkmalschutzes im Klimawandel hat mich deshalb an einen Gedanken erinnert, der mich schon länger beschäftigt: Denkmalschutz kann auf Dauer nicht einfach bedeuten, immer mehr zu bewahren. Denn irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage: Was wollen und können wir uns leisten – kulturell, gesellschaftlich, ökologisch und finanziell?
Was heute ein Denkmal ist, war gestern zunächst einmal Gegenwart. Die Menschen, die Gebäude errichteten, Plätze gestalteten oder technische Anlagen bauten, dachten vermutlich selten daran, dass ihre Werke hundert oder zweihundert Jahre später einmal unter Schutz gestellt werden könnten. Und auch wir schaffen ständig Dinge, die irgendwann Geschichte sein werden. Unsere Schulen, Rathäuser, Wohnsiedlungen, Kirchen, Industriegebäude, Brücken und Verkehrsanlagen. Vielleicht sogar manche Einkaufszentren oder Hochhäuser. Was uns heute selbstverständlich erscheint, kann für kommende Generationen ein Zeugnis unserer Zeit werden. Damit wächst unser kulturelles Erbe zwangsläufig.
Aber ein Erbe ist nicht nur ein Schatz. Ein Erbe kann auch eine Verpflichtung sein. Und diese Verpflichtungen müssen für die folgenden Generationen tragbar bleiben. Besonders interessant finde ich deshalb den Gedanken der Denkmalpflegerin Ingrid Scheurmann, den n-tv in seinem aktuellen Beitrag aufgreift: Ein Denkmal sei nichts Statisches. Wir müssten uns nicht nur fragen, was wir aus der Vergangenheit erhalten wollen, sondern auch, wie wir diese Dinge in eine Zukunft führen können, die über die nächsten Generationen hinausreicht. Das ist ein entscheidender Perspektivwechsel. Denn manchmal behandeln wir Denkmäler so, als müsse ein bestimmter Zustand für alle Ewigkeit konserviert werden. Aber Geschichte hat niemals so funktioniert.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Frankreich vor einer Schicksalswahl – und die bange Frage, was daraus für Europa wird
Es gibt politische Nachrichten, die einen nicht so schnell wieder loslassen. Nein, ich meine gerade nicht den Wahlkampf in Sachsen-Anahlt. Die aktuelle Entwicklung in Frankreich kommt dazu. Acht Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl zeichnet sich ein Szenario ab, das mir noch mehr Sorgen macht: Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National und Jean-Luc Mélenchon vom radikalen linken Lager führen in den Umfragen. Gleichzeitig nehmen sich die gemäßigten Kandidaten gegenseitig die Stimmen weg.
Das ist zunächst eine französische Angelegenheit. Aber eben nicht nur. Denn Frankreich ist nicht irgendein Land in Europa. Frankreich ist Gründungsmitglied der Europäischen Union, Atommacht, ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat und gemeinsam mit Deutschland seit Jahrzehnten eine der tragenden Säulen der europäischen Einigung. Wenn Frankreich politisch ins Wanken gerät, bleibt das deshalb nicht auf Frankreich beschränkt.
Die Welt ist kompliziert geworden. Die französische Staatsverschuldung liegt bei rund 118 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Sozialstaat steht unter enormem Finanzierungsdruck, die Arbeitslosigkeit steigt wieder, die Wirtschaft schwächelt. Gleichzeitig erleben viele Menschen steigende Preise und haben das Gefühl, dass ihr Einkommen nicht mehr mit den Lebenshaltungskosten Schritt hält. Das sind reale Probleme. Und dann kommen die einfachen Antworten.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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92 Millionen weniger vom Land – Münster braucht jetzt einen klaren (Haushalts-)Plan
Die aktuelle Nachricht ist zunächst einmal ein Schock: Für das Jahr 2027 hatte Münster im Haushalt rund 95 Millionen Euro Schlüsselzuweisungen des Landes NRW eingeplant. Nach der aktuellen Arbeitskreisrechnung des Landes könnten davon gerade einmal rund 2,9 Millionen Euro übrig bleiben. Das wären rund 92 Millionen Euro weniger für Münsters Haushalt als geplant.
Für eine Stadt, die ohnehin unter erheblichem finanziellen Druck steht, ist das keine Kleinigkeit. Es wäre aber falsch, daraus vorschnell die Geschichte zu machen: „Münster verleirt Einwohner, hat schlecht gewirtschaftet und bekommt jetzt die Quittung.“ So einfach ist es nicht.
Zwar ist die Zahl der in Münster gemeldeten Menschen 2025 erstmals seit vielen Jahren leicht zurückgegangen: um 1.987 auf 320.728 Personen, ein Rückgang von 0,6 Prozent. Das ist bemerkenswert – aber auch nur ein Teil der Gesamtsituation. Denn gleichzeitig wächst Münster als Arbeits-, Bildungs- und Oberzentrum weiter. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster ist von rund 160.000 im Jahr 2015 auf inzwischen knapp 196.000 gestiegen. Auch die Zahl der Menschen, die täglich nach Münster zur Arbeit kommen, nimmt zu. Schon zwischen 2021 und 2024 stieg die Zahl der Einpendler von gut 108.000 auf fast 116.000. Das Pendlersaldo lag 2024 bei knapp 70.000. Das ist der paradoxe Teil der Entwicklung: Münster hat vielleicht nicht mehr Einwohner – aber mehr Menschen arbeiten, studieren, einkaufen, sich behandeln lassen. Sie alle nutzen die Infrastruktur der Stadt. Der angespannte Wohnungsmarkt trägt dazu bei. Gerade Studierende finden immer schwerer bezahlbaren Wohnraum in Münster und müssen teilweise auf das Umland ausweichen. Und auch Familien stehen vor der Frage, ob sie sich das Wohnen in Münster noch leisten können. Das bedeutet: Ein Teil des Wachstums findet nicht mehr innerhalb der Stadtgrenzen statt, sondern im umliegenden Münsterland.
Die Stadt wächst funktional, das ist für die weitere Stadtentwicklung von erheblicher Bedeutung. Die Stadt Münster geht deshalb weiterhin davon aus, dass die Einwohnerzahl langfristig wieder steigen wird. Die aktuelle Bevölkerungsprognose erwartet bis 2035 ein Plus von rund 15.000 Menschen beziehungsweise 4,7 Prozent. Aber selbst wenn diese Prognose nicht vollständig eintreffen sollte, bleibt die zentrale Herausforderung bestehen: Münster ist das Oberzentrum einer wachsenden Region. Wer in Greven, Telgte, Senden, Drensteinfurt oder Warendorf wohnt, nutzt möglicherweise trotzdem Münsters Schulen, Hochschulen, Arbeitsplätze, Krankenhäuser, Kulturangebote, Verwaltung, Einkaufsmöglichkeiten und Verkehrsinfrastruktur. Das gilt insbesondere für den Arbeitsmarkt.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Was Amerika von Meta verlangt – und was die EU daraus lernen sollte
Social Media ist längst kein Spielzeug mehr. Es ist ein Geschäftsmodell, das mit unserer Aufmerksamkeit Geld verdient. Besonders bei Kindern und Jugendlichen stellt sich deshalb eine Frage, die wir in Europa nicht länger aufschieben sollten: Wie weit darf ein Unternehmen gehen, um seine Nutzer möglichst lange auf der eigenen Plattform zu halten? Der Vergleich, den Meta jetzt in den USA mit mehreren Bundesstaaten geschlossen hat, ist deshalb weit mehr als eine amerikanische Nachricht. Er sollte auch in Europa aufmerksam gelesen werden. Die Vorwürfe aus den USA kommen uns nämlich erstaunlich bekannt vor. Meta wird unter anderem vorgeworfen, seine Plattformen so gestaltet zu haben, dass Nutzer möglichst lange bleiben: durch endloses Scrollen, automatische Wiedergabe, Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungen. Besonders problematisch ist das bei Kindern und Jugendlichen, die solchen Mechanismen naturgemäß weniger souverän begegnen können als Erwachsene. Das Entscheidende ist dabei: Es geht nicht darum, Instagram oder Facebook zu verteufeln. Es geht um die Frage, ob Geschäftsmodelle auf Kosten der Aufmerksamkeit und der Gesundheit junger Menschen optimiert werden dürfen. Und genau hier lohnt sich der Blick nach Europa.
Die Europäische Union hat mit dem Digital Services Act (DSA) bereits ein mächtiges Instrument geschaffen. Die EU-Kommission untersucht Meta seit längerem. Sie hat inzwischen sogar vorläufig festgestellt, dass bestimmte süchtig machende Gestaltungselemente von Instagram und Facebook gegen den DSA verstoßen könnten. Das ist bemerkenswert, denn damit stehen sich auf beiden Seiten des Atlantiks ähnliche Fragen gegenüber. In den USA führen die Bundesstaaten einen Rechtsstreit gegen Meta. In Europa untersucht die Kommission das Unternehmen auf Grundlage des europäischen Digitalrechts.
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode
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Italien braucht Nachbarn, keine Schuldzuweisungen
Im Streit um die europäischen Asylregeln wird gerade wieder das alte Spiel gespielt: Deutschland fordert Italien auf, Migranten zurückzunehmen, Italien verweist auf seine besondere Belastung – und am Ende stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber. Dieser erneute Streit über die Rückübernahme von Asylsuchenden ist mehr als nur ein europäischer Migrationskonflikt. Er zeigt ein grundsätzliches Problem des europäischen Asylsystems. Italien, Griechenland und Spanien sind die Eingangstore Europas. Wer geografisch an der Außengrenze liegt, trägt deshalb einen erheblichen Teil der Last. Deutschland liegt mitten im Kontinent und profitiert davon, dass Menschen, die Europa erreichen, zunächst in anderen Ländern ankommen, die dann für deren Asylverfahren zuständig sind. Das nennt man dann Dublin-Prinzip – die Ankunftsstaaten sind zuständig.
Natürlich müssen solche europäischen Regeln für ganz Europa gelten. Das Dublin-Prinzip hat einen nachvollziehbaren Grund: Es soll verhindern, dass sich jeder Mitgliedstaat seine Zuständigkeit aussucht. Aber Regeln funktionieren auf Dauer nur dann, wenn die Belastungen, die sie erzeugen, als fair empfunden werden. Ich kann deshalb den italienischen Frust verstehen (wie auch den spanischen oder grichischen).
Wenn Deutschland jetzt vor allem Druck macht und auf die Rücknahme von Menschen pocht, stärkt das in Italien möglicherweise wieder einmal die falschen Kräfte. Die italienische Regierung kann dann leicht argumentieren: „Brüssel und Berlin verlangen von uns, die Probleme Europas allein zu lösen, sie lassen uns mit den Folgen allein.“
Datum · Autor Hermann Geusendam-Wode