Autor Hermann Geusendam-Wode

  • Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Doch wie kommen wir dorthin – sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und mit einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz? Das neue „Projekt 2045“ will genau diese Fragen wieder stärker aus sozialdemokratischer Perspektive diskutieren.

    Die politische Klimadebatte ist in den vergangenen Jahren zunehmend zwischen sehr unterschiedlichen Positionen festgefahren. Auf der einen Seite stehen Menschen, für die der Schutz von Natur und Klima zum Maßstab nahezu jeder politischen Entscheidung geworden ist. Für manche reicht das bis zu weitreichenden Forderungen nach den Rechten der Natur, einem möglichst vollständigen Verzicht auf weitere Flächenversiegelung oder einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber wirtschaftlichem Wachstum – auch wenn solche Entscheidungen mit erheblichen sozialen oder wirtschaftlichen Folgen verbunden sein können. Auf der anderen Seite stehen Positionen, die den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich bestreiten oder seine Bedeutung herunterspielen und deshalb an einer möglichst weitgehenden Nutzung fossiler Energien festhalten wollen.

    Dazwischen liegt eine große gesellschaftliche Mehrheit, die beides will: Klimaschutz und ein gutes, bezahlbares Leben. Sie will eine intakte Natur, aber auch Wohnungen, Arbeitsplätze, Mobilität und wirtschaftliche Sicherheit. Sie erwartet Klimaschutz, ohne dass die Kosten dafür einseitig bei Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen landen. Genau hier liegt aus meiner Sicht eine klassische sozialdemokratische Aufgabe: ökologische Grenzen ernst nehmen, ohne soziale und wirtschaftliche Realitäten auszublenden.

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  • Eine aktuelle Berufestudie des Versicherers HDI hat eine Diskussion angestoßen, die weit über die Frage hinausgeht, ob die Deutschen noch gerne arbeiten. Danach geben 59 Prozent der Befragten an, hauptsächlich oder ausschließlich des Geldes wegen zu arbeiten. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den 55- bis 64-Jährigen. Ein deutlich größerer Anteil als noch im Vorjahr sagt, er würde die Berufstätigkeit möglichst schnell beenden, wenn er finanziell nicht darauf angewiesen wäre.

    Daraus lässt sich sicherlich nicht ableiten, dass Deutschland seine Arbeitsmoral verloren hat. Die Zahlen sagen zunächst einmal etwas über die Beziehung aus, die Menschen zu ihrer Arbeit haben. Und genau diese Beziehung scheint sich zu verändern. Arbeit wird offenbar für manche stärker zum Mittel des Gelderwerbs und weniger zu einem Bereich, mit dem man sich identifiziert, in dem man sich verwirklicht oder auf dessen Ergebnisse man stolz ist.

    Das ist deshalb bemerkenswert, weil Arbeit einen so großen Teil unseres Lebens ausmacht. Wer über vierzig Jahre lang einen Beruf ausübt, verbringt einen erheblichen Teil seines Lebens mit dieser Tätigkeit. Natürlich muss man seine Arbeit nicht lieben, und nicht jeder Beruf kann jeden Tag erfüllend sein. Aber wenn man seine Arbeit dauerhaft nur als notwendiges Übel betrachtet, wertet man damit zwangsläufig auch einen beträchtlichen Teil des eigenen Lebens ab. Vielleicht sollte sich die aktuelle öffentliche Debatte deshalb weniger damit beschäftigen, wie man Menschen dazu bringt mehr zu arbeiten und stattdessen stärker darüber nachdenken, wie Menschen wieder einen positiven Bezug zu ihrer Arbeit entwickeln können.

    Vermutlich ist dies ein herausforderndes und konfliktträchtige Thema. Ich erlebe es so, das Politik aktuell kaum etwas zur Auseinandersetzung mit dem Thema beiträgt. Mich lässt das Thema nicht unberührt und ich will hier einmal ein paar meiner Gedanken skizieren. Feedback erwünscht!

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  • 100 Jahre Bauhaus! Ich war am Landtagswahl Wochenende in Dessau beim Bauhaus Fest und habe mir das Bauhaus Museum, die Meisterhäuser und das historische Bauhaus Gebäude angesehen. Natürlich gehört zu einem solchen Besuch auch die Siedlung Dessau Törten, die zwischen 1926 und 1928 nach Plänen von Walter Gropius entstanden ist. Was zunächst wie ein Ausflug in die Architekturgeschichte wirkt, bekommt erstaunlich schnell eine aktuelle Dimension. Denn in Törten ging es vor fast hundert Jahren um eine Frage, die uns heute wieder beschäftigt: Wie kann man guten Wohnraum so bauen, dass ihn sich Menschen mit normalen Einkommen leisten können – und zwar nicht nur zur Miete, sondern als eigenes Zuhause?

    Um zu verstehen, warum Törten entstanden ist, muss man sich die Situation der damaligen Zeit vor Augen führen. Deutschland litt nach dem Ersten Weltkrieg unter einem erheblichen Wohnungsmangel, und auch Dessau stand vor der Aufgabe, möglichst schnell zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Es ging dabei nicht um eine kleine architektonische Versuchsanordnung für ein wohlhabendes Publikum, sondern um ein gesellschaftliches Problem von großer Bedeutung: Viele Menschen brauchten Wohnungen, die sie sich tatsächlich leisten konnten. Die Stadt Dessau suchte deshalb nach neuen Wegen und gab dem Bauhaus die Möglichkeit, in Törten ein neuartiges Wohnungsbaukonzept zu erproben.

    Törten war deshalb weit mehr als eine Ansammlung ungewöhnlicher Bauhaus-Häuser. Die Siedlung war ein Experiment, in dem die Frage im Mittelpunkt stand, ob sich Wohnhäuser rationeller, schneller und kostengünstiger herstellen lassen, ohne dabei auf gute Wohnqualität verzichten zu müssen. Walter Gropius und seine Mitarbeiter setzten auf standardisierte Grundrisse, eine möglichst weitgehende Rationalisierung der Bauabläufe und neue Formen der industriellen Fertigung. Die Häuser waren mit 57 bis 75 Quadratmetern für uns heute vergleichsweise klein, aber total funktional geplant und mit Nutzgärten ausgestattet. In kurzer Zeit entstanden 314 Reihenhäuser, fast alle erhalten bis heute. Das Ziel war nicht, möglichst repräsentative Häuser zu schaffen, sondern bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit normalen Einkommen.

    Besonders interessant wird Törten aus heutiger Sicht dadurch, dass es nicht um Mietwohnungen ging. Die Häuser waren als Eigenheime für ihre Bewohner gedacht. Damit verband das Projekt zwei Ziele, die wir heute häufig getrennt betrachten: die Schaffung bezahlbaren Wohnraums und den Aufbau von Wohneigentum. Genau dieser Zusammenhang hat mich bei meinem Besuch in Dessau besonders beschäftigt.

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  • Eine Grafik von Quarks hat mich beschäftigt. Sie zeigt ein Problem, das weit über die wieder aktuelle BAföG-Debatte hinausgeht: In Deutschland scheint die soziale Herkunft weiterhin stark darüber zu entscheiden, welchen Bildungs- und Berufsweg ein junger Mensch einschlägt. Das ist zunächst oft eine Frage des Geldes. Wenn Eltern ihre Kinder während eines Studiums finanziell unterstützen können, eröffnen sich Möglichkeiten, die für andere schwerer erreichbar sind. Wenn die Miete, die Lebenshaltungskosten und die Kosten eines Studiums steigen, wird die Entscheidung für ein Studium schwieriger, wenn die Familie nicht helfen kann. Dass heute deutlich weniger Studierende BAföG erhalten als früher, gehört deshalb zu dieser Entwicklung.

    Aber ich glaube, dass wir das Problem nicht verstehen, wenn wir nur über BAföG sprechen. Es geht auch um Milieus, Vorbilder und Erwartungen. Ein Kind aus einem akademischen Elternhaus wächst häufig mit einer Selbstverständlichkeit auf, die gar nicht als besondere Förderung wahrgenommen wird. Man kennt die Universität, man kennt Akademiker, man weiß, was ein Bachelor oder Master ist. Man spricht über Studiengänge, Auslandssemester und die nächste Bewerbung. Vor allem aber vermittelt das Umfeld eine Erwartung: Natürlich kannst du studieren. In anderen Familien sieht die Welt anders aus. Wer aus einem Handwerker-, Arbeiter- oder klassischen Ausbildungsumfeld kommt, erlebt möglicherweise etwas ganz anderes. Eine gute Ausbildung, ein sicherer Arbeitsplatz und die Aussicht auf Übernahme sind zu Recht etwas Positives. Aber daraus kann bis heute unbewusst die Vorstellung entstehen: Mit der Ausbildung ist die Bildung abgeschlossen. Genau hier wirkt der sogenannte „Treibhauseffekt“ der Milieus. Das Umfeld bestimmt nicht nur, welche Möglichkeiten tatsächlich vorhanden sind. Es beeinflusst auch, welche Möglichkeiten ein junger Mensch überhaupt für sich vorstellbar hält.

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  • Der neue Recyclinghof an der Hansestraße wird weit mehr als der Ersatz für den bisherigen kleinen Hof an der Glasuritstraße. Er erweitert demnächst das Angebot für Bürgerinnen und Bürger erheblich, bringt deutliche Vorteile für Gewerbetreibende und wird den Recyclinghof Coerde entlasten. Über mögliche Auswirkungen auf die Müllgebühren sollte man seriöserweise dagegen erst speckulieren, wenn die Zahlen tatsächlich vorliegen.

    Der Hiltruper Recyclinghof an der Glasuritstraße ist längst zu klein geworden. Das ist seit Jahren bekannt. Wer dort mit einem Anhänger, einem größeren Fahrzeug oder als Gewerbetreibender Abfälle anliefern möchte, hat heute allerdings ein Problem: Solche Anlieferungen sind grundsätzlich nur in Coerde möglich. Auch etwas größere Mengen Bauschutt oder bestimmte Bau- und Renovierungsabfälle können nur in Coerde entsorgt werden. Für viele Hiltruper bedeutet das: Anhänger anhängen, einmal quer durch die Stadt nach Coerde fahren, dort warten, abladen und wieder zurück. Eine solche Fahrt wird schnell zwei Stunden kosten – nicht nur Zeit, auch Kraftstoff und Nerven.

    Das soll sich mit dem neuen Standort an der Hansestraße grundlegend ändern, denn er wird kein Ersatz, sondern ein neues Angebot. Diese entscheidende Nachricht geht in der Diskussion über die 9,5 Millionen Euro Investitionskosten schnell etwas unter. Die Planung der Stadt verbindet zukünftig an der Hansestraße zwei Funktionen: Einen größeren Recyclinghof für Hiltrup und den ursprünglich an anderer Stelle geplanten Zentralhof Süd. Damit entsteht eine neue Einrichtung, die deutlich mehr leisten soll als der heutige Standort. Die Stadt selbst beschreibt das Projekt als größeren, moderneren Recyclinghof mit mehr Service und erweiterten Öffnungszeiten.

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