Autor Hermann Geusendam-Wode

  • Auszubildende sind kein Problem – sie sind unsere Zukunft

    Der neue Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds ist alarmierend: Jeder zweite Auszubildende fühlt sich psychisch belastet. Die Zufriedenheit mit der Ausbildung sinkt. Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, fehlende Betreuung und schlechte Kommunikation gehören zu den Problemen, von denen junge Menschen berichten.
    Die Zahlen sollte man ernst nehmen. Die Befragung ist umfangreich und methodisch solide. Und die Probleme sind real.

    Aber man kann einen solchen Report auf unterschiedliche Weise lesen. Man kann ihn als Anklage gegen die Ausbildungsbetriebe verstehen. Oder als weiteren Beleg dafür, dass die junge Generation immer weniger belastbar sei. Ich glaube, beides greift zu kurz. Denn hinter den Zahlen steckt eine viel interessantere Frage: Was passiert eigentlich, wenn eine veränderte junge Generation auf eine Arbeitswelt trifft, die sich selbst ebenfalls verändert hat?

    Natürlich waren Jugendliche schon immer anders als die Generation vor ihnen. Das ist nichts Neues. Aber die Lebenswelt hat sich verändert. Viele junge Menschen wachsen heute mit weniger Geschwistern auf, bekommen viel Aufmerksamkeit und werden stärker begleitet. Eltern greifen häufiger ein, wenn es schwierig wird. Lob und positive Verstärkung spielen eine größere Rolle. Gleichzeitig haben soziale Medien eine Welt geschaffen, in der Schwächen möglichst nicht gezeigt werden. Das ist nicht automatisch schlecht. Aber junge Menschen bringen dadurch teilweise andere Erfahrungen mit, wenn sie in eine Ausbildung kommen. Dort gelten plötzlich andere Regeln. Man muss morgens zuverlässig erscheinen. Acht Stunden Arbeit können körperlich anstrengend sein. Man muss sich konzentrieren, auch wenn man gerade keine Lust dazu hat. Man muss warten, bis man an der Reihe ist. Kritik aushalten. Sich in ein Team einfügen. Aufgaben erledigen, deren Sinn man vielleicht noch nicht versteht. Und manchmal auch etwas tun, was schlicht keinen Spaß macht. Das muss man lernen. Manche müssen sogar lernen, sich selbst realistisch einzuschätzen.

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  • Der immer schneller steigende Schuldenberg der USA klingt zunächst nach einem Problem weit weg. Ist es aber nicht. Was in Washington, an den Finanzmärkten und mit dem Dollar passiert, kann auch unseren Alltag und die Handlungsmöglichkeiten Deutschlands und Europas beeinflussen. Viele Menschen werden den Handelsblatt-Kommentar über die „große Schuldenlüge der USA“ wahrscheinlich überblättern. Zu kompliziert, zu weit weg, zu viel Finanzpolitik. Dabei steckt dahinter eine Entwicklung, die uns alle interessieren sollte.

    Die USA leben seit vielen Jahren auf großem Fuß. Der Staat gibt mehr Geld aus, als er einnimmt, und finanziert die Differenz über neue Schulden. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Auch Staaten können sich verschulden. Entscheidend ist, ob ihre Wirtschaft stark genug wächst und ob die Kosten für die Schulden beherrschbar bleiben. Genau hier wird es inzwischen interessant. Die USA müssen inzwischen für langfristige Staatsanleihen wieder mehr als fünf Prozent Zinsen bieten. Das klingt zunächst vielleicht nicht dramatisch. Bei einem einzelnen Kredit wäre es das auch nicht, aber die USA haben einen Schuldenberg von inzwischen mehr als 40 Billionen Dollar >>> 40.000.000.000.000 (Vierzig Billionen)

    Natürlich wird nicht die gesamte Summe gleichzeitig zu fünf Prozent neu verzinst. Die alten Anleihen laufen zu unterschiedlichen Zeiten aus und werden nach und nach ersetzt. Trotzdem steigt mit jedem Refinanzierungsschritt der Anteil der Schulden, für den höhere Zinsen bezahlt werden müssen. Und damit entsteht ein unangenehmer Kreislauf: Mehr Schulden bedeuten mehr Zinsen. Mehr Zinsen bedeuten höhere Staatsausgaben. Höhere Ausgaben bedeuten neue Schulden. Und neue Schulden können wiederum zu höheren Zinsen führen. Noch droht keine unmittelbare Staatspleite, die USA können ihre Schulden weiterhin bedienen. Aber die finanzielle Bewegungsfreiheit des Staates wird kleiner, auch wenn der Präsident das nicht wahrhaben will.

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  • Wer erinnert sich noch an diese Sommer? Die Fenster standen weit offen. Auf der Straße knatterten Mofas, irgendwo tuckerte ein alter Diesel vor sich hin und wenn ein Bus vorbeifuhr, zog eine Abgaswolke hinterher. Und Zigarettenrauch, den gab es fast überallt. Er gehörte einfach dazu. Im Wohnzimmer, im Restaurant, in der Kneipe, im Büro, im Zug und sogar in manchen Wartezimmern wurde geraucht. Alte Filme wirken heute manchmal wie Dokumentationen aus einer anderen Welt: Fast überall sitzt jemand mit einer Zigarette in der Hand. Dicken Zigarrenrauch mochte auch damals niemand besonders. Man verzog das Gesicht, machte vielleicht das Fenster auf – und ertrug es trotzdem. Denn es war normal.

    Wir waren Kinder. Wir spielten draußen, fuhren Fahrrad und verbrachten ganze Nachmittage auf der Straße oder am Kanal. Und wenn die Luft nach Benzin, Abgasen, Rauch oder manchmal auch nach Industrie roch, dachte kaum jemand darüber nach, was wir da eigentlich einatmeten. Heute würden wir das vermutlich anders sehen. Und das ist eine ziemlich gute Nachricht. Denn die Luftbelastung ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zurückgegangen. Das Umweltbundesamt dokumentiert deutliche Verbesserungen bei zahlreichen Luftschadstoffen. Besonders bei Feinstaub und Stickstoffdioxid sind die Belastungen stark gesunken. Auch Münster ist dafür ein gutes Beispiel.

    Die Stadt hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Luftreinhaltung umgesetzt. Dazu gehören unter anderem strengere Umweltzonenregelungen, abgasärmere Busse, Veränderungen der Verkehrsführung und die Förderung von Radverkehr und öffentlichem Nahverkehr. Der Jahresgrenzwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter wird in Münster seit 2017 an allen Messstationen eingehalten. Und die aktuellen Messwerte zeigen, wie groß der Unterschied inzwischen ist: An der verkehrsnahen Messstation an der Weseler Straße lag der Jahresmittelwert 2024 bei 18 Mikrogramm Stickstoffdioxid, 15 Mikrogramm PM10 und 10 Mikrogramm PM2,5. Natürlich ist damit nicht alles gut. Luftschadstoffe bleiben gesundheitlich relevant und gerade der Verkehr verursacht weiterhin Belastungen.

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  • Ein Praxischeck des WDR zeigt: Münster hat beim Hitzeschutz einiges auf den Weg gebracht. Doch wer einmal die Innenstadt verlässt und vor die eigene Haustür schaut, erkennt schnell: Von einer wirklich hitzeresilienten Stadt sind wir noch ein gutes Stück entfernt.

    Münster hat einen Hitzeaktionsplan. Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Als einzige Kommune im Münsterland hat die Stadt einen konkreten Plan gegen die gesundheitlichen Folgen zunehmender Hitze. Der Plan wurde 2024 veröffentlicht und umfasst zwölf Maßnahmen. Auch der aktuelle Praxischeck des WDR fällt keineswegs vernichtend aus. Der „Coole Stadtplan für heiße Tage“ funktioniert, kühle Orte und Refill-Stationen lassen sich finden. Es gibt also durchaus Dinge, die bereits funktionieren. Aber ebenso deutlich wird: Manche Maßnahmen existieren bisher nur auf dem Papier oder sind noch nicht vollständig umgesetzt. Hitze-Infomobil, Hitzetelefon und Hitzepatenschaften für ältere Menschen fehlen beispielsweise noch.

    Das führt zu einer interessanten Frage: Münster hat einen Hitzeaktionsplan. Aber ist Münster deshalb schon hitzeresilient?
    Ich vermute: Nein. Dafür muss man nicht einmal in die Innenstadt fahren. Ein Blick vor die eigene Haustür in Hiltrup reicht.

    Natürlich haben wir einen großen Vorteil: Den Dortmund-Ems-Kanal. Ein riesiges „Freibad“, auch wenn man dort natürlich nicht schwimmen sollte. Und wir haben unser Freibad. Das sind schöne Möglichkeiten, sich an heißen Tagen aufzuhalten. Aber Hitzeresilienz besteht nicht darin, dass es irgendwo Wasser gibt. Sie entscheidet sich dort, wo Menschen ihren Alltag verbringen.

    In unseren Schulen zum Beispiel. Was passiert, wenn sich Klassenräume und Gebäude an mehreren aufeinanderfolgenden heißen Tagen immer weiter aufheizen? Schulen und Krankenhaus in Hiltrup verfügen nicht über eine Klimaanlagen. Das mag unter normalen Bedingungen kein Problem sein. Bei zunehmenden Hitzewellen müssen wir aber darüber nachdenken, ob unsere Gebäude für die Zukunft noch geeignet sind. Auch die Schulhöfe und Aussenbereiche der Kindertagesstätten sind ein Thema. Wo sind die schattigen, grünen Bereiche, in denen Kinder spielen können, ohne stundenlang der Sonne ausgesetzt zu sein? Wo sind Bäume, begrünte Innenhöfe und Flächen, die Wasser aufnehmen und durch Verdunstung zur Abkühlung beitragen? Das sind keine Luxusfragen. Das ist Klimaanpassung.

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  • Niemand steht Schlange, um Teil der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Für die Europäische Union ist das anders. Vor den Toren der EU stehen seit Jahren Länder, die Mitglied werden wollen. Manche warten geduldig, andere drängen, wieder andere müssen noch viele Voraussetzungen erfüllen. Aber der Wunsch ist da.

    Ich finde, wir sollten uns viel öfter fragen, warum das eigentlich so ist. Denn wenn wir über die Europäische Union sprechen, reden wir meistens über ihre Probleme: über komplizierte Verfahren, Streit zwischen Mitgliedstaaten, Haushaltsfragen, Migration, Bürokratie oder darüber, dass Brüssel angeblich alles regeln will. Das alles gibt es. Und manches davon muss sich dringend ändern. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass wir dabei vergessen, was für ein außergewöhnliches Projekt die Europäische Union eigentlich ist.

    Auch wenn ich die Wahl hätte, ich möchte nirgendwo anders leben als in Europa. Nicht, weil hier alles perfekt wäre. Das ist es selbstverständlich nicht. Aber wo sonst findet man eine Gemeinschaft von mehr als 400 Millionen Menschen, in der Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und soziale Verantwortung so selbstverständlich miteinander verbunden sind? Europa steht für freie Wahlen, unabhängige Gerichte, Meinungsfreiheit, Arbeitnehmerrechte, Verbraucherschutz und soziale Sicherung. Wir haben überall in Europa Gesundheits- und Sozialsysteme, die – bei allen Unterschieden und allen Problemen – davon ausgehen, dass ein Mensch nicht einfach sich selbst überlassen werden darf, wenn er krank, alt, arbeitslos oder pflegebedürftig wird. Auf diesem Planeten ist das keine Selbstverständlichkeit. Und vielleicht sollten wir genau deshalb etwas selbstbewusster über Europa sprechen.

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